Front National vor Frankreich-Wahl Die Terror-Profiteure

Marine Le Pen hat dem rechten Front National einen seriösen Anstrich verordnet. Nun nutzen die Radikalen die Attacken von Paris, um sich in der politischen Mitte festzusetzen - laut Umfragen mit Erfolg.

Von , Lille

AP

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Es ist eine dieser gesichtslosen Mehrzweckhallen aus Glas und Sichtbeton, drinnen stehen Kinosessel unter gewellter Plastik-Deko: Die Bühne des Grand Palais von Lille, der Millionenmetropole im Norden, ist bunt. Musik dröhnt aus Lautsprecherbatterien. Und mittendrin: Marine Le Pen. Kurz vor den Regionalwahlen am kommenden Wochenende nimmt sie mit ausgebreiteten Armen die Ovationen ihrer Fans entgegen. Ein Heimspiel für die Chefin des Front National (FN).

Mehr als 1500 Menschen sind gekommen, um ihr zuzujubeln. Ein paar Halbwüchsige tragen Bomberjacken mit dem Emblem FNJ - der Jugendorganisation des Front National. Am Zugang wird die Trikolore verteilt, auf Videos wird später ein Fahnenmeer in Bleu-Blanc-Rouge zu sehen sein.

"Meine lieben Mit-Patrioten", beginnt die 47-Jährige, lobt das Publikum für "den charmanten Empfang, der im Norden so typisch ist." Und spult dann routiniert ihre Wahlkampfrede ab: Zunächst "tiefe Traurigkeit" nach den Anschlägen von Paris, eine Verbeugung von den Opfern der "islamistischen Barbarei." Von Gram und Wut sei sie erfüllt. Den Sozialisten bescheinigt sie permanente Nachlässigkeit in Sicherheitsfragen. Und was bekomme man von der Regierung zu hören? "Lügen, Lügen, Lügen."

Der FN profitiert wie keine andere Partei von den Folgen der Pariser Attentate: Zwar geht es bei Regionalwahlen eigentlich um Schulen, Eisenbahnen oder digitale Infrastruktur. Doch seit dem 13. November dreht sich alles um Terror, Islamismus, Einwanderung. Die Angst treibt weitere Wähler zu einer Partei, die schon immer mit der Bedrohung durch Feinde von außen hausieren geht.

Le Pen wettert gegen "die Kaste, die seit 40 Jahren nur ihren Machterhalt pflegt", gegen "ihre ideologische Blindheit": Die Republik ist in diesem Diskurs ein Dritte-Welt-Land, in dem die Einwanderer "unkontrolliert die Türen eindrücken" und die Gefängnisse zu Brutstätten des Islamismus verkommen sind. Einzig Polizei, Gendarmerie und Militär werden von Le Pen für ihren Einsatz gepriesen.

Umfragen vor Regionalwahl: FN liegt in zwei Regionen vorn

Der Rundumschlag der FN-Chefin richtet sich gegen Sozialisten wie Konservative. Fallen die Namen von Präsident François Hollande oder Premier Manuel Valls, reagiert die Menge reflexartig: "Demission, Demission…" - "Rücktritt, Rücktritt...". Le Pen malt in Schwarz und Weiß: Dort das korrupte Establishment, hier die Alternative Front National, "modern und verwurzelt."

Die Partei weiß um ihre neue Stärke. Die Regionalwahlen würden "ein neues Kapitel in der Geschichte Frankreichs schreiben", tönt Le Pen.

In Umfragen liegen die Rechtsradikalen in zwei der 13 neu zugeschnittenen Gebietskörperschaften vorn. Werden sie nicht beim zweiten Wahlgang durch eine Allianz ihrer Gegner ausgebremst, könnten sie erstmals die Führung ganzer Regionen übernehmen: Marine Le Pen im Nord-Pas-de-Calais-Picardie, ihre Nichte, Marion Maréchal-Le Pen, in der Provence-Alpes Côte d'Azur.

Damit wäre der FN endgültig in der gefühlten politischen Mitte angekommen. In einem langen Prozess hat die Tochter von Gründer Jean-Marie Le Pen die geächtete Gruppe zur wählbaren Partei umgestaltet.

"Präsidentin Marine"

Die Juristin holte PR-Experten, Ökonomen und Elite-Politologen in ihre Equipe, die das neue Bild des FN entwarfen - zugeschnitten auf die Chefin als Anwältin der kleinen Leute und der abrutschenden Mittelklasse. Bei den Europawahlen im Mai 2014 stieg der FN zur stärksten Formation Frankreichs auf, in den Departements und Regionen ist die Partei über eine Basis von rund 200 Honoratioren verankert. FN-Bürgermeister regieren in elf Städten, der FN stellt rund 1500 Gemeinderäte.

Jetzt noch ein Posten an der Spitze einer Großregion, es wäre der Ritterschlag, mehr noch: Die entscheidende Etappe auf dem Weg zum Élysée. "Wir wollen Marine", steht auf den Transparenten in Lille. Und die verspricht: "In einigen Tagen werden wir unseren, nein, euren Sieg feiern."

Le Pens Ambitionen liegen jenseits der Region Nord-Pas-de-Calais-Picardie. 2017 will sie Präsidentin Frankreichs werden. Sie warnt zwar noch vor Überschwang: "Eine Wahl wird nicht bei Umfragen gewonnen, sondern an der Urne." Die Mahnung ändert nichts an der Siegesstimmung im Grand Palais. Als am Abend die Marseillaise abgesungen ist, skandieren die Sprechchöre: "Präsidentin Marine, Präsidentin Marine …"


Zusammengefasst: Marine Le Pen und der rechte Front National befinden sich im Aufwind. Die Chefin hat die Partei zur wählbaren Alternative umgebaut. Schon bei den kommenden Regionalwahlen könnte ein Sieg klappen. Dabei profitiert Le Pen auch von der Terrorangst im Land. 2017 will sie noch weiter aufsteigen.

Forum - Diskussion über diesen Artikel
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Seite 1
_gimli_ 02.12.2015
1.
Le Pen hat reale Chancen, die kommende Präsidentin zu werden. Frankreich ist eine tief gespaltene Nation und für eine friedliche Zukunft zwischen französischen Moslems und der französisch-stämmigen Bevölkerung sehe ich schwarz. Diese Situation in Frankreich wird übrigens eine Steilvorlage für den Wahlkampf der AfD sein.
hotgorn 02.12.2015
2.
Die Grunderneuerung der Rechtsextremen ist reine Fassadenarbeit. Wie sie die Probleme in den Elendsvierteln Frankreichs lösen will verschweigt Madame.
günter1934 02.12.2015
3. Chirac-Le Pen, choc au second tour...
Das ist schon ein paar Jahre her. Chirac hat ja mit 80% gegen 20% vom alten Le Pen gewonnen, wohl eines der klarsten Ergebnisse der französischen Präsidentenwahlen. Aber stellen wir uns mal eine zweite Wahltour Marine Le Pen gegen Hollande oder Sarkozy vor, - da wäre ich mir nicht so sicher über das Wahlergebnis!
meyerink69 02.12.2015
4. Profiteure?
Da hätte man die Grünen auch "Tschernobyl-Profiteure" nennen können. Diese offensichtliche Parteinahme, die nicht mal mehr vorgibt ausgewogen zu sein, finde ich schon allmählich verstörend. Der Front National will nicht dass sich der muslimische Bevölkerungsanteil erhöht, und hat gewarnt vor den Gefahren. Dass er sich nun bestätigt sieht und mehr Bestätigung bekommt, ist schlicht unvermeidlich. Soll er etwa jetzt auch behaupten das hat nichts mit dem Islam zu tun? Ein weiterer Austritt aus der CDU, der auch mit diesem Statement begleitet wurde: Heitmann: "Die politisch korrekte Schönrednerei der meisten Medien, besonders der öffentlich-rechtlichen, kann die tatsächliche Situation, die als eine schleichende Selbstaufgabe unseres Gemeinwesens erscheint, nicht mehr überdecken." Wenn stur daran festgehalten wird dass solche Gedanken verboten sind, dann weiß ich auch nicht wohin das noch führt.
zeisig 02.12.2015
5. Die Franzosen sind weiter als wir.
Die Franzosen haben eine Alternative nach rechts. Wir in Deutschland haben auch eine: die AfD. Aber während der Front National salonfähig ist und sich auf Augenhöhe mit den Parteien der Mitte und der Linken etabliert hat, ist die AfD definitiv noch nicht für jeden wählbar, der eine Alternative zu Merkel sucht. Aber die AfD ist die einzige Alternative, will man der Kanzlerin für ihren Kurs in der Flüchtlingspolitik einen Denkzettel verpassen. Traurig aber wahr. Ich wünsche mir, daß die AfD personell und intellektuell noch nachlegen kann.
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