Vorwahl bei Frankreichs Konservativen Fillon triumphiert - Sarkozy räumt Niederlage ein

Die Franzosen dürfen erstmals in einer Urwahl den konservativen Präsidentschaftskandidaten bestimmen. Ex-Präsident Sarkozy ist überraschend ausgeschieden und unterstützt nun den Spitzenreiter, François Fillon.

Fillon bei einer Parteiversammlung diese Woche
AFP

Fillon bei einer Parteiversammlung diese Woche


Der frühere französische Premierminister François Fillon liegt bei der Präsidentschaftsvorwahl der Konservativen nach Auszählung von mehr als 90 Prozent der Stimmen deutlich vorn.

Nach am Sonntag veröffentlichten Teilergebnissen der Wahlkommission kommt Fillon auf gut 44 Prozent der Stimmen. Der ehemalige Premierminister Alain Juppé erzielt demnach 28,1 Prozent. Ex-Präsident Nicolas Sarkozy kam auf 21,1 Prozent - und gestand am Sonntagabend seine Niederlage ein.

"Es ist mir nicht gelungen, eine Mehrheit der Wähler zu überzeugen", sagte Sarkozy. Er gratulierte Fillon und Juppé zum Einzug in die entscheidende Stichwahl der bürgerlichen Rechten. Da den bisherigen Ergebnissen zufolge keiner der Kandidaten eine absolute Mehrheit erzielt, findet am kommenden Sonntag eine Stichwahl zwischen den beiden Bestplatzierten statt.

Sarkozy zieht sich aus Politik zurück

Sarkozy sagte, er werde in der Stichwahl Fillon unterstützen. "Ich habe keine Bitterkeit", sagte er. "Ich will nur das Beste für das Land." Er rief seine Wähler auf, "niemals den Weg der Extreme zu wählen" - eine klare Warnung vor der Front National.

Zugleich kündigte Sarkozy seinen Rückzug aus der Politik an: "Es ist Zeit für mich, ein Leben mit mehr privater und weniger öffentlicher Leidenschaft zu beginnen."

Die Franzosen waren am Sonntag aufgerufen, den konservativen Kandidaten für die Präsidentschaftswahl 2017 zu bestimmen. Eine Premiere. Bisher entschieden die Parteigremien über die Kür, nun durften alle wahlberechtigten Bürger entscheiden - egal, welcher Partei sie angehören. Für die Teilnahme mussten sie lediglich die Unterschrift unter ein "republikanisches Wertebekenntnis" setzen und zwei Euro Gebühren zahlen.

An der Vorwahl sollen sich nach Hochrechnungen 3,9 bis 4,3 Millionen Franzosen beteiligt haben. Zur Wahl standen sieben Kandidaten der Partei "Les Républicains" (LR) - darunter eine Frau. Die vier weiteren Bewerber erzielten Ergebnisse im einstelligen Prozentbereich.

Die sieben konservativen Bewerber für das Präsidentenamt:

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Präsidentschaftswahl 2017: Kampf der Republikaner

Dem Sieger der Vorwahl werden gute Chancen für die Präsidentschaftswahl im kommenden Frühjahr ausgerechnet. Umfragen lassen derzeit ein Duell zwischen der Front-National-Chefin Marine Le Pen und dem konservativen Bewerber erwarten. Die Vorwahl ist damit eine wichtige Weichenstellung.

Über Monate hinweg hatten Umfragen ein Duell zwischen Juppé und Sarkozy vorhergesagt. Erst in den Wochen vor der Wahl hatte Fillon zu einer überraschenden Aufholjagd angesetzt.

Fillon war von 2007 bis 2012 Premierminister unter Präsident Nicolas Sarkozy. Im Vorwahlkampf setzte er auf sachliche und klar vorgetragene Argumente. Der 62 Jahre alte Abgeordnete verfolgt einen wirtschaftsliberalen Kurs. Um die Staatsausgaben zu senken, will er 500.000 Stellen im öffentlichen Dienst abbauen und die durchschnittliche Arbeitszeit von 35 auf 39 Stunden erhöhen. Zudem will er das Rentenalter von 63 auf 65 Jahre anheben.

Juppé warb gegen harte Linie

Fillon vertritt zudem eine konservative Familienpolitik. So spricht er sich etwa gegen ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare aus. Ende 2012 hatte sich Fillon noch einen erbitterten Machtkampf mit Jean-François Copé um den Vorsitz der Republikaner-Vorgängerpartei UMP geliefert - und war unterlegen.

Alain Juppé, Bürgermeister von Bordeaux und von 1995 bis 1997 Premierminister unter Präsident Jacques Chirac, hat gegen alle Forderungen nach einer harten Linie bei Integration und Islam für eine "glückliche Identität" Frankreichs geworben. Der 71-Jährige will damit nach Jahren hoher Arbeitslosigkeit eine betont optimistische Botschaft verbreiten.

sun/AFP/dpa

insgesamt 34 Beiträge
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loddarcontinua 20.11.2016
1. Wenn die Tendenz der Auszählung so weiter geht,
wird es nächsten Sonntag keinen 2. Wahlgang geben. Juppé und Sarkozy werden sich wohl mangels verfügbarer Masse zurückziehen, um die "Einheit" der Partei zu wahren! Hauptsache Sarkozy ist weg!
UlrichHoleschak 20.11.2016
2. Warum nicht auch mal in Deutschland?
So eine Vorwahl wäre doch sicher auch mal in Deutschland ganz sinnvoll, damit nicht immer die Parteien entscheiden wer der nächste Kandidat wird. Das wir bestimmt zu einigen Überraschungen führen ...
lemmy01 20.11.2016
3. Abe
Hat Donald Trump die Wahl in den USA gewonnen? Viele haben anscheinend ABC gewählt. Das heißt, sie haben "Anyone but Clinton" gewählt. Das scheint mir der momentane generelle Trend zu sein. Es wird ABE gewählt: "Anyone but the establishment". Das war beim BREXIT so, das war in den USA so, und das ist im Grunde auch hier so. Es ist momentan leicht Wähler zu bekommen. Man muss sich eigentlich nur in "Fluchtrichtung" stellen. Es sind eigentlich nicht die "Populisten", die ihre große Stunde haben. Es ist das abgehobene und arrogante politische Establishment, von dem sich das Wahlvolk abwendet. Man muss nicht das Volk vertreten. Man muss dem minderbemittelten Volk nur das, was man macht, besser erklären. Nur: Das funktioniert nicht mehr.
sowasnettes 20.11.2016
4.
Es ist nicht überraschend, dass Sarkozy dritter geworden ist. Die Umfragen haben das vorausgesehen. Und er hat dennoch mit >22,x % zu viele Atimmen bekommen. Wie die Presse und auch der Spiegel die Kandidatin NKM behandelt haben, war unter aller Würde. Wenn man die besten Kandidaten in der Presse ignoriert, werden sie auch nicht gewählt. Man darf gespannt bleiben auf die Berichterstattung der anderen rechten Kandidaten wie Macron. Da erwartet ich schon den hässlichen Trumpeffekt: er wird so gehypt und er wird so provozieren, dass er Président wird. Und das wird dann eine echte Überraschung. Sarkozy ist keine Überraschung, er wird hoffentlich verurteilt in einem der immernoch anhängigen Prozesse.
stefan1904 20.11.2016
5. Ultraliberal?
Da wird sich Marie Le Pen aber bedanken. So hat die Stimmen der Globalisierungsgegner schon mal sicher und die Linken bleiben am Wahltag zu Hause, wenn sie und Fillon in der Stichwahl gegeneinander antreten.
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