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Frankreichs Front national: Ultrarechts macht auf modern

Von , Paris

Frankreich: Die netten Rechtsextremen des Front national Fotos
AFP

Frankreichs Rechte feiert Gewinne bei der Kommunalwahl, doch Parteichefin Marine Le Pen träumt vom nächsten Ziel: Sie sieht ihren Front national auf den Weg in den Elysée. Ihre Bürgermeister drillt sie dafür auf Seriosität.

Die Ansage war klar und sie kam von der Chefin persönlich: Nur kein Triumphgeheul, so Marine Le Pen am Abend nach der zweiten Runde der Kommunalwahlen - dabei hatte der Front national (FN) allen Grund dazu. "Jetzt ist Arbeit vor Ort angesagt", so die Tochter von Parteigründer Jean-Marie Le Pen. Ihre Partei müsse in den Gemeinden Verantwortung übernehmen, meint die FN-Frau selbstbewusst: "Wir wollen die Geburt einer großen patriotischen Bewegung, weder rechts noch links."

Tatsächlich gab es genug Anlass zum Jubel. Klar, die konservative UMP hat die Stichwahl gewonnen, deutlich sogar. Doch hinter der "blauen Welle" der Konservativen (so benannt nach den Parteifarben) zeichnet sich eine andere Kraft ab, die Frankreichs politische Landschaft auf Dauer und grundsätzlich verändern könnte: Der Vormarsch des FN, wortspielerisch als "Woge in Marineblau" beschrieben.

Denn nach dem Überraschungssieg in Hénin-Beaumont, wo der FN-Kandidat bereits im ersten Wahlgang zum Bürgermeister gekürt wurde, eroberten die Ultrarechten - ihre Verbündeten eingeschlossen - rund ein Dutzend Rathäuser in Gemeinden mit einer Bevölkerung von mindestens 10.000 Menschen.

Darunter sind Fréjus, Mantes-la Ville oder auch der siebte Bezirk von Marseille - das entspricht einer Stadt mit 150.000 Einwohnern. Angesichts von 3600 zu vergebenden Gemeinden ein zahlenmäßig bescheidener Erfolg. "Doch damit ist Marine Le Pen ihrem Ziel einen Schritt näher", sagt Politologe Pascal Perrineau, Spezialist für Wahlsoziologie an der Pariser Hochschule Sciences Po: "Den Front national als politische Kraft lokal zu verankern."

Für Madame Le Pen gilt seither: Bloß kein Rückfall in die neunziger Jahre, als FN-Kandidaten bei den Kommunalwahlen erstmals Rathäuser in mehreren großen Städten der Regionen Provence-Côte d'Azur erobern konnten. In Orange, Toulon, Marignane oder Vitrolles gebärdeten sich die rechtsextremen Bürgermeister als Statthalter des FN und waren bald isoliert - vier Jahre später folgte die Spaltung der Partei. Der zweite Platz für Jean-Marie Le Pen bei den Präsidentschaftswahlen 2002 markierte nur noch einen vorübergehenden Höhepunkt. Fortan blieb der Front national eine Splitterpartei.

Der FN hat die Schmuddelecke verlassen

Ein Fehler, der sich nach dem Willen der FN-Führung nicht wiederholen darf. Denn erst seit der Entdämonisierung des Front national, dem Abwurf von antisemitischen und rassistischen Altlasten, hat die Partei die Schmuddelecke verlassen. Auch unter wertkonservativen Protestwählern gilt sie nun als akzeptabel. In den neuen FN-Bastionen sind daher an Stelle von ideologischem Reinheitsgebot einzig Pragmatismus, Bürgernähe und Basisarbeit angesagt: Die frischen Gesichter in der Bürgermeister-Riege von Marine Le Pen geben sich daher durchweg als zupackende Manager.

So etwa in Hénin-Beaumont, der Stadt am Ärmelkanal, wo Steeve Briois auf Anhieb gewählt wurde. Nach dem Willen des FN-Generalsekretärs soll der ehemalige Industriestandort durchaus nicht zur radikalen Hochburg des Front national werden. "Es wird an den Zugängen der Stadt keine Wachtürme geben", so Briois im Magazin des "Figaro".

Auch David Rachline, Bürgermeister von Fréjus (52.000 Einwohner) und einer der jüngsten Stadtväter Frankreichs, gibt den modernen praxisnahen Nachrücker. Aktivist seit frühester Jugend war er bisher für die digitale PR-Arbeit des FN zuständig und bediente den Twitter-Dienst für Marine Le Pen. Glatt, undurchdringlich, immer lächelnd, beschreibt ihn das Magazin "Les Indrocks": ein Profi der politischen Floskel.

Auch mit radikalen Tönen zum Erfolg

Doch es gibt auch Problemfälle. Stéphane Ravier, der in Marseille eine Arbeitergegend für den FN gewann, erscheint weniger moderat. In der Vergangenheit machte er sich stark für die Wiedereinführung der Todesstrafe ("ein notwendiges Übel"), er wetterte gegen Überfremdung und die Einbürgerung von Immigranten. Radikale Töne, gemessen an den PR-Vorgaben der Partei, doch in Frankreichs zweitgrößter Stadt konnte der gelernte Postler damit den Vormarsch des FN verstärken.

Es geht also aufwärts für den Front national. Marine Le Pen sieht den Sieg bei den Gemeindewahlen schon im Zusammenhang mit einer landesweiten Strategie: "Wir wollen beweisen, dass der Front national Stimmen im rechten wie im linken Lager gewinnen kann", beschreibt die FN-Chefin im Interview mit "Le Monde" ihre Vision.

Optimistisch blickt sie auf die Termine zwischen 2014 und 2017: auf die Europawahlen, auf jene in den Regionen und Kantonen, sowie auf die Entscheidungen um Nationalversammlung und Präsidentschaft. "Wir sind eine politisch autonome Kraft, die das Ziel hat, die Macht zu übernehmen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
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1. Etwas mehr...
betzer 31.03.2014
Die Zahl der französischen Gemeinden liegt bei rund 36000.
2. optional
SethSteiner 31.03.2014
Frankreich hat Probleme und wählt Faschisten. Die werden es natürlich richten, bedauernswertes Land.
3.
Gott 31.03.2014
Das große Problem ist, die Rechtsextremen in Frankreich sind nicht solche totalen Vollpfosten wie in Deutschland. Die FN hat Leute, die überzeugend reden können, nicht wie Irre auftreten und sie sprechen die Probleme des Landes direkt an. Deshalb erwecken sie einen scheinbar ehrlichen Eindruck und machen sich "wählbar".... Ich hoffe die Franzosen wachen dann mal demnächst auf bevor sie noch einen aus diesem Haufen als Präsidenten wählen............
4.
Mac_Beth 31.03.2014
Zitat von SethSteinerFrankreich hat Probleme und wählt Faschisten. Die werden es natürlich richten, bedauernswertes Land.
Egal wie oft das wiederholt wird, dadurch wirds nicht wahrer. Gemessen an dem Standard der politischen Landschaft mag so eine Partei zwar radikale Gedanken haben. So etwas macht sie allerdings nicht so lange nicht zu Faschisten. Ich persönlich finde es unerhört wie sorgenlos man heutzutage mit dieser Titulierung um sich wirft, nur weil etwas nicht dem politischen Mainstream entspricht. Für mich ist das ein Schlag ins Gesicht angesichts der Katastrophen die "echter" Faschismus über die Welt gebracht hat. Es braucht Parteien, die endlich wieder Werte und Interessen der Länder vertritt in denen sie gewählt wurden. Genauso wenig wie komplette Abschottung die Probleme einer Nation löst, lässt sich alles dadurch in den Griff bekommen das Seelenheil grundsätzlich über die Landesgrenze hinaus zu suchen.
5. Die Panik bei Hollande greift in Paris um sich....
Epikurus 31.03.2014
es ist die Panik vor Marine-Le-Pen, die in einem Teil der französischen Kommunen angetreten ist und auch Bürgermeisterämter erobert hat. Die Panik von Hollande ist aber die Schreckenängste der Sozialisten vor den Europawahlen in Frankreich, wo Marine Le Pen nach den meisten Umfragen vor den Sozialisten und nur knapp hinter der UMP liegt. Frankreich wird nationalistischer. Sollte Marine Le Pen die Europawahlen gewinnen, dürfte Hollande gestürzt werden.
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