Frankreich Korsische Separatisten drohen dem IS

Korsikas militante Nationalisten warnen Islamisten: Jeder Angriff werde gnadenlos gerächt. Einen Anschlag will die Untergrundorganisation bereits verhindert haben.

AFP

Von , Paris


Bisher sind Korsikas bewaffnete Separatisten eher als Gefahr für die innere Sicherheit Frankreichs aufgetreten. Jetzt geben sie sich erstmals als hehre Retter der Republik und einmal mehr als Beschützer der Mittelmeerinsel. Und zwar im Kampf gegen die Extremisten des "Islamistischen Staat" (IS).

In einer martialischen Mitteilung an die örtliche Tageszeitung "Corse Matin" droht eine Gruppe den radikalen Islamisten mit Rache: "Ihr müsst wissen, dass wir auf jeden Angriff gegen unser Volk, ohne zu zögern, eine unerbittliche Antwort folgen lassen." Damit ist offenbar ein Angriff in Korsika gemeint. IS-Anhänger werden als "Prediger des Todes" bezeichnet, die einer "mittelalterlichen Philosophie" anhingen.

In der Botschaft, in der sich die Gruppe ausdrücklich auch "an den französischen Staat" wendet, erklärt sie, dank ihrer Hilfe sei im Juni ein Attentat vereitelt worden, "geplant an einem von vielen Menschen besuchtem Ort".

Unterzeichnet ist der Brief von der Untergrundorganisation FLNC vom 22. Oktober, was für "Korsische Nationale Befreiungsfront des 22. Oktober" steht. Die Splittergruppe gehört zum Spektrum der korsischen Separatisten und wurde 1975 gegründet.

Sie wehrten sich dagegen, dass ihre Insel, die Ludwig XV. dem Stadtstaat Genua 1768 abgekauft hatte, von Paris "kolonialisiert" und mit Hotelkomplexen und Protzvillen zubetoniert wurde. Jahrzehntelang kämpften sie mit Sprengstoffanschlägen auf Wohnungen und Ferienanlagen gegen die Vorherrschaft der Festlandsfranzosen und gegen Symbole des Zentralstaats wie Rathäuser und Polizeireviere.

2014 beendete die Organisation den "bewaffneten Widerstand". Der Ableger FLNC des 22. Oktober war die letzte aktive Untergrundgruppe, sie erklärte im Mai einen Waffenstillstand.

"Wir sind für den Kampf gerüstet"

Nun meldet sie sich wieder. Scharf kritisiert sie in ihrem Schreiben die militärischen Interventionen Frankreichs im Ausland. Das Land müsse aufhören, "der ganzen Welt Lektionen in Sachen Demokratie zu erteilen. Nur so kann Frankreich vermeiden, dass die Konflikte, die es überall sät, wie ein Bumerang auf den eigenen Boden zurückkommen."

Dennoch: Nicht weniger als eine "Schicksalsgemeinschaft" sei nötig, sollte sich der IS auf "unserem Boden" zu einem Anschlag bekennen, so die Organisation: "Siegen können wir nur gemeinsam." Man sei für den Kampf gegen den IS "gerüstet".

Frankreich ist in den vergangenen Monaten immer wieder von Islamisten angegriffen worden. Zuletzt attackierten zwei IS-Anhänger am Dienstag eine Kirche in der Normandie und ermordeten einen Geistlichen. Am Nationalfeiertag, dem 14. Juli, war ein offenbar islamistisch motivierter Attentäter auf der Strandpromenade von Nizza in eine Menschenmenge gerast. Er tötete 84 Frauen, Männer und Kinder.

Die Mitteilung der militanten Separatisten vom Donnerstag richtet sich auch an Muslime, die auf Korsika leben und die sich klar gegen den radikalen Islam positionieren sollten. In der Lesart der FLNC-Gruppierung bedeutet dies, auf "betont auffällige religiöse Zeichen" zu verzichten und verdächtige Islamisten zu melden. "Bezieht Stellung an unserer Seite", fordert die Mitteilung, "indem ihr uns vom Abdriften arbeitsloser Jugendlicher berichtet, die zur Radikalisierung neigen könnten."

Die Absender des Schreibens beschuldigen acht Imame, sie seien radikalisierte Islamisten, einer davon stehe gar als Informant in den Diensten der Polizei. Als Zufluchtsort von "Frustrierten, die einen fremdenfeindlichen Kampf" führen, will man sich nicht verstanden wissen. Man grenze sich von "faschistischen Ideologien" ab.

In jüngerer Zeit hat die Mittelmeerinsel Spannungen zwischen Korsen und muslimischen Einwanderern erlebt. Im Dezember vergangenen Jahres gab es tagelang antiarabische Krawalle in der Hauptstadt Ajaccio. Eine Gruppe junger nordafrikanischer Männer hatte zuvor in einem Problemviertel Feuer gelegt, um die Rettungskräfte in eine Falle zu locken und über sie herzufallen. Daraufhin gab es tagelang wütende Proteste samt "Araber raus"-Rufen.


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