Frankreichs neuer Sarkozy "Ich bin einfach nur rechts"

Laurent Wauquiez ist der klare Favorit bei der Wahl des neuen Chefs von Frankreichs Republikanern. Der Newcomer will die marode Partei mit dem Erfolgsrezept von Ex-Präsident Sarkozy erneuern: durch einen Rechtsruck.

AFP

Von , Straßburg


"Ich stehe weder für eine harte Rechte oder eine liberale Rechte, ich vertrete weder eine humanistische noch eine soziale Rechte - ich bin einfach nur rechts." Laurent Wauquiez breitet vor seinen Zuhörern die Arme aus - er predigt die zentrale Botschaft seines politischen Glaubensbekenntnisses.

An diesem Abend tritt er im Bürgerzentrum von Straßburg-Neudorf auf. Vor ihm eine Hundertschaft aus Anhängern und Sympathisanten der Republikaner (LR). Wauquiez wird als Heilsbringer gefeiert. Er soll die marode Partei wieder auf Vordermann bringen.

Der 42-Jährige zählt zu den Nachwuchsstars der Konservativen. Er absolvierte die renommierte Pariser Universität Sciences Po, verließ die Elite-Verwaltungshochschule ENA 2001 als Jahresbester, bei einem Praktikum in Kairo lernte er Arabisch. Seine Politkarriere begann er, gerade 29 Jahre alt, als Abgeordneter des Departement Haute-Loire. Dann wurde er unter Staatschef Nicolas Sarkozy zum Regierungssprecher, Staatssekretär für Wirtschaft, für Europa. Schließlich stieg er zum Erziehungsminister auf.

Jetzt will Wauquiez, seit 2015 Präsident der wichtigen Region Auvergne-Rhône-Alpes, den Chefposten der Konservativen von Frankreich. Mal hemdsärmelig vor Heuballen, mal im Anzug ist er seit Monaten im Wahlkampf. Seine-Saint-Denis, Montauban, Pau, Châteauneuf-sur-Loire, Saint-André-lez-Lille - seine Kampagne gleicht bisweilen einer Tour de France durch die randständigen Regionen des Landes. 235.000 Mitglieder stimmen am Wochenende per Internetvotum über die neue Parteiführung der Republikaner ab.

"Sarkozy ist mein Vorbild"

Wauquiez, der als Favorit gegen zwei andere LR-Kandidaten antritt, verspricht nicht nur die "Neugründung unserer politischen Familie". Er hat auch schon die Präsidentschaftswahl 2022 im Visier.

Verfolgt er dabei die Strategie von Ex-Staatschef Sarkozy? "Die Antwort kann ich Ihnen auf Deutsch geben", antwortet Wauquiez dem SPIEGEL. "Ja, das ist mein Modell, Nicolas Sarkozy ist für mich ein Vorbild", sagt er und betont: "Man darf nicht vergessen, Sarkozy war ja immer auch ein bisschen wie ein Vater für unsere Partei."

Dort will Wauquiez ihn jetzt beerben. Auf dem Spiel steht die Zukunft einer Partei, die über Jahrzehnte zu den Grundpfeilern der V. Republik gehörte. Seit den traumatischen Niederlagen des Frühjahres verharren die Republikaner in Schockstarre: Erst der Fall ihres durch Affären beschädigten Spitzenkandidaten François Fillon, dann das Debakel bei den Parlamentswahlen: In der Nationalversammlung schrumpfte die Fraktion von 194 auf 112 Sitze.

Prompt zerbrach sich die Partei in mehrere Flügel:

  • Einige prominente Mitglieder - darunter Premier Édouard Philippe und Wirtschaftsminister Bruno Le Maire liefen ins Regierungslager über.
  • Eine Gruppe von rund 30 Abgeordneten, die sogenannten "Konstruktiven", setzte auf Kooperation mit Präsident Emmanuel Macron, ein Teil von ihnen konstituierte sich unlängst als neue Partei: "Agir" (Handeln).
  • Die LR-Mehrheit proklamierte sich zur "stärksten Kraft" der Opposition. Dennoch bleibt die Partei durch parteiinterne Machtkämpfe und Querelen geschwächt.

"Rückkehr der Rechten"

Für die "Rückkehr der Rechten" setzt Wauquiez daher auf die Rezepte von Sarkozy: Ein Kurs stramm rechts, mit ideologischen Anleihen beim extremistischen Front National (FN). Europa, Islamismus, Terrorgefahr - es sind Ausdrücke aus dem Vokabular von Marine Le Pen, auch wenn Wauquiez es nie versäumt, sich von jeder Zusammenarbeit mit dem FN zu distanzieren.

"Ich bin überzeugt, dass es zwischen dem technokratischen Föderalismus von Emmanuel Macron und dem 'Frexit' von Marine Le Pen einen politischen Raum gibt", erklärt Wauquiez und fordert ein "Ende des Laxismus": "Wir brauchen ein Europa, in dem Frankreich über die Migrationsströme bestimmen kann." Und er legt nach: "Macron will die Staaten Osteuropas in Europa einbinden, ich bin dagegen. Es gibt schon zu viele."

Mit ähnlichen Parolen konnte Sarkozy 2007 große Teile der Le Pen-Wählerschaft für sich gewinnen. Dennoch ist Wauquiez' kalkulierter Rechtsruck unter anderen LR-Promis wie etwa Alain Juppé umstritten. Der Bürgermeister von Bordeaux befürchtet ein Abdriften seiner Partei in den radikalen Populismus.

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Laurent Wauquiez: Hoffnungsträger der Konservativen

Dennoch bedient sich Wauquiez ungeniert im rhetorischen Fundus von Sarkozy: Bei seinen Auftritten beschwört der Kandidat die Geschichte der Nation, die Leidenschaft für ein Frankreich, "das nicht seine Identität wechseln will". Wauquiez spricht von den Kirchtürmen der ländlichen Regionen, den Kathedralen der Metropolen, dem christlichen Wertekanon und der laizistischen Verfassung der Republik.

Die Appelle treffen auf ein dankbares Publikum. Wauquiez weiß die frustrierten Republikaner zu umwerben. Er erinnert nicht nur an die "Ursprünge unserer politischen Familie", sondern lobt auch die örtlichen Mandatsträger für ihre "klaren Überzeugungen" und die Parteibasis für ihre "unermüdliche Arbeit".

Nach markigen Worten für die "vernachlässigte Mittelklasse" und die von Steuererhöhungen gebeutelten Rentner, schließt Wauquiez mit einem Plädoyer für die "Autorität der Nation" und die "Werte der Republik". Während der Beifall in rhythmisches Klatschen übergeht, bleibt in Straßburg gerade noch Zeit für das Absingen der Nationalhymne. Die Wauquiez-Fans erheben sich zu den Klängen der "Marseillaise".

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mariamadrid 10.12.2017
1.
Interessant. Zwischen Rechtspopulismus und Laxismus hat sich ein politischer Raum geöffnet, in den jetzt mehr und mehr Akteure hineinstoßen werden. Man könnte auch von einer Marktlücke sprechen, die hohe politische Renditen verspricht. Wir sehen das nicht nur in Holland und Österreich, in England und Frankreich, wir werden es bald auch in D sehen. Mit Söder hat der Anti-Laxismus bereits eine mächtige Stimme erhalten. Auch im Rest der Union wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis die Radikal-Laxistin Merkel einen wortgewaltigen Konkurrenten bekommt, der den Bürgern eine härtere Gangart verspricht. Man muß kein Prophet sein: Am Ende der vierten Groko wird sich die politische Landschaft in D stark verändert haben. Die Laxisten werden sich einer heterogenen, aber breiten Front von Hardlinern gegenüber sehen, die den politischen Diskurs dominieren. Das gewohnte Parteienspektrum könnte dabei - wie in Frankreich - pulverisiert werden. Keine guten Aussichten für CDU und SPD, vor allem für letztere nicht. Die SPD hat ja das große Talent, am Ende der Dumme sein.
002614 10.12.2017
2. Ist es nicht
schon immer so gewesen, dass jede Übertreibung zu einer Seite einen Pendelschlag zur anderen Seite auslöst? Dieses Gesetz ist ein Prinzip in der Demokratie. Dass jetzt striktere, diszipliniertere Tendenzen mehr und mehr gefragt sind und Erfolg haben, ist nur normal.
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