Frankreichs Militär Großmacht am Limit

Frankreich verstärkt nach den Anschlägen von Paris seine Luftangriffe auf IS-Stellungen, Präsident Hollande kündigt weitere Vergeltung an. Doch schon jetzt ist die Streitmacht an der Grenze ihrer Leistungsfähigkeit.

Von , Paris

French Ministry of Defense/ DPA

"Mit kalter Entschlossenheit werden wir antworten", versprach François Hollande im Schloss von Versailles bei seiner Rede vor beiden Häusern des Parlaments. "Wir sind in einem Krieg gegen den Terrorismus der Dschihadisten", sagte der Präsident und kündigte einen unerbittlichen Kampf gegen den "Islamischen Staat" (IS) an. "Bis zur Zerstörung."

Der Staatschef als Oberbefehlshaber. Dem martialischen Bekenntnis vor den in Trauer versammelten Parlamentariern folgte ein Maßnahmenbündel zur inneren Sicherheit und Ankündigungen für eine außenpolitische Wende. Vor allem aber drohte Hollande dem IS. "Frankreich wird seine Operationen in Syrien verstärken", sagte der Präsident. "Ohne Pause, ohne Waffenstillstand." Der Flugzeugträger "Charles de Gaulle" werde ins Mittelmeer entsandt: "Damit verdreifachen wir unsere Schlagkraft."

Das ist auch bitter nötig. Hollande berichtete zwar stolz, dass bei einem Angriff auf die IS-Hochburg Rakka eine Kommandozentrale und ein Trainingslager der Dschihadisten getroffen worden seien. Doch gerade zehn Kampfjets starteten von Basen in Jordanien und Saudi-Arabien. Zudem wäre die Attacke ohne die Unterstützung durch die US-Satellitenaufklärung nicht möglich gewesen.

Video: Frankreich schickt Flugzeugträger ins Mittelmeer

Marine Nationale France
Hollandes vollmundiges Versprechen, "die Organisation zu vernichten", erscheint unrealistisch - gemessen an den operativen Möglichkeiten der eigenen Streitkräfte. Zwar rühmt sich Frankreich, eine militärische Großmacht zu sein. Das Land gehört mit knapp 300 Nuklearsprengköpfen, stationiert auf einer modernen U-Boot-Flotte, zum exklusiven Klub der Atommächte.

Mit rund 31 Milliarden Euro liegt der Verteidigungshaushalt weltweit unter den ersten fünf. 230.000 Soldaten stehen unter Waffen. Dennoch sind die verfügbaren Mittel gegen den IS eher beschränkt.

Seit den Anschlägen vom Januar sind bereits 10.000 Soldaten zum Schutz der Heimatfront im Einsatz. Zudem sind die Streitkräfte in Frankreichs Übersee-Departements gebunden, und auch im Senegal, in Dschibuti, Gabun, der Elfenbeinküste und den Vereinigten Emiraten militärisch präsent. Zusätzlich haben die Missionen in Libyen, Mali oder Zentralafrika die Truppen bis an die Grenze ihrer Leistungsfähigkeit gebracht. Seit 2014 beteiligt sich Paris im Rahmen der Operation "Chammal" auch noch am Kampf gegen den IS - erst mit Aufklärungsflügen im Irak, dann durch Luftangriffe in Syrien.

Militärstärke im Vergleich (Auszug aus dem Waffenarsenal)

Russland USA Großbritannien Frankreich
Soldaten (aktiv, in Tausend) 771 1433 159 215
Geschütze 7429 5145 642 323
Kampfpanzer 2800 2785 227 200
Taktische Kampfflugzeuge 1144 3345 206 266
Kampfhubschrauber 296 908 66 45
Interkontinentalraketen 378 450 - -
Bomber 141 155 - -
U-Boote 59 73 10 10
Zerstörer, Kreuzer, Fregatten 34 98 19 22
Flugzeugträger 1 10 - 1

*xxx
Quelle: IISS, Military Balance 2015

Hollandes "Sicherheitspakt" zum Schutz des französischen Territoriums wird kostspielig: Geplant sind 5000 zusätzliche Polizisten und Gendarmen, 1000 neue Zöllner und 2500 Posten in der Justiz. Die Ausgaben werden den Haushalt weiter in die roten Zahlen treiben, auch wenn der Staatschef markig bekannte: "Ich stehe zu den zusätzlichen Ausgaben."

Ist Hollandes Ansage "Mehr Schläge sind nötig" in der Praxis umsetzbar? Von Frankreichs rund 260 Kampfflugzeugen sind bisher insgesamt zehn "Rafale" und "Mirage" in Jordanien und den Vereinigten Emiraten stationiert. Unterstützt wird das Kontingent durch einen "Atlantique 2"-Aufklärer und ein Tankflugzeug.

Bodentruppen sind vorerst tabu

Das ist eine eher symbolische Streitmacht, die seit September 2014 zwar 1285 Einsätze flog - aber nur 271 Angriffe. Vor drei Monaten kündigte Hollande an, Kampfjets nun auch über Syrien einzusetzen - bis jetzt folgten ganze drei Luftschläge. "Die Beteiligung Frankreichs an den Operationen der Koalition gegen den IS in Syrien", kommentiert "Le Figaro", "blieb bisher minimal: rund fünf Prozent der Attacken."

Dabei ist nicht einmal sicher, ob dem IS auf dem schwierigen Terrain aus der Luft beizukommen ist - zumal die Kämpfer jederzeit unter der Zivilbevölkerung untertauchen können. So ist etwa die Tempelstadt Palmyra trotz der jüngsten russischen Luftoffensive noch immer unter Kontrolle des IS.

Ein rascher Erfolg gegen das selbst ernannte Kalifat ist daher auch mit mehr Bombardements kaum denkbar. "Der Vorteil des IS", erläutert Ex-General Vincent Desportes, "sind eine klare Strategie, Ehrgeiz und unerbittliche Entschlossenheit." Der Professor an der renommierten Universität Sciences Po ergänzt: "Kein Krieg ist allein mit Luftschlägen gewonnen worden."

Eine Intervention von Bodentruppen ist vorerst aber tabu. Hollande hatte sie während seiner Pressekonferenz im September ausgeschlossen. Eine Entsendung von Soldaten nach Syrien, so der Präsident, sei "unrealistisch und falsch".

Der aktuelle Ermittlungsstand zu den Täter und Anschlägen von Paris

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