Demo gegen Homo-Ehe in Frankreich: Kreuzzug unterm Eiffelturm

Von , Paris

Massenmobilisierung gegen die "Ehe für alle": Hunderttausende protestieren in Paris gegen den Plan, schwulen und lesbischen Paaren die Ehe zu erlauben. Kritiker sehen Frankreichs Traditionen in Gefahr - und die Opposition verkauft den Aufmarsch als Plebiszit gegen Präsident Hollande.

Demonstration in Paris: Marsch gegen die Homo-Ehe Fotos
DPA

Jean-François und Amélie sind mit ihren drei Kindern gekommen, jetzt stehen sie mit dem Kinderwagen zu Füßen des Eiffelturms und schwenken Plakate: "Papa und Mama - nichts ist besser für ein Kind" und "Nachwuchs gibt es nur mit Mann und Frau". "Wir fordern den Rückzug des Gesetzes für die Homo-Ehe", sagt der 39-jährige Kaufmann, während seine Frau Schokoriegel verteilt. "Es geht doch nicht, dass Schwule Kinder adoptieren", ergänzt Yvonne Raguet, 60, stolze Mutter, dreifache Großmutter und praktizierende Katholikin, die mit ihrem Ehemann vor dem Pariser Wahrzeichen posiert. "Das bricht mit allen Traditionen."

Die beiden Paare aus der Hauptstadt und dem Süden der Region zählen zu den Hunderttausenden auf dem Weg zur "Demo für alle", der zentralen Kundgebung gegen die gleichgeschlechtliche Ehe. Bischöfe sowie politische Prominenz aus Abgeordnetenhaus und Senat sind vor Ort, mehr als 50.000 Menschen aus ganz Frankreich sind angereist. Sie skandieren Parolen, machen Musik, schaffen eine Karnevalsatmosphäre unter grauem Himmel. Wegen des Ansturms war das Sonntagsspiel des Fußballclubs Paris Saint-Germain bereits um zwei Tage vorverlegt worden.

Die Organisatoren, ein Bündnis aus religiösen Gruppen, konservativen Bürgervereinen und der politischen Opposition, hoffen, die Teilnehmerzahl des ersten Sternmarsches vom vergangenen November noch zu übertreffen: "Jede Zahl über 300.000 wäre ein Erfolg", sagt einer der jugendlichen Anführer. "Dann kann die Regierung uns nicht einfach übergehen."

Angeschoben hat den Widerstand Virginie Tellenne, eine Schauspielerin, die mit humorvollen Happenings bekannt wurde, bis sie "zum Glauben fand". Seither tritt die wortgewaltige Blonde unter dem Namen Frigide Barjot auf - ein Kalauer in Anlehnung an Brigitte Bardot. Die selbsternannte "Botschafterin Jesu", die bereits mit einer Kampagne zur Verteidigung von Papst Benedikt XVI. von sich reden machte, versteht sich als "Sprachrohr der Katholiken, die man nicht hört".

"Hoden haben keine Eizellen"

Barjot, berüchtigt für provokante Parolen ("Hoden haben keine Eizellen"), hat mehr als 30 Gruppen zu einer Front geschmiedet, zu der katholische Familienverbände zählen, das "Kollektiv für das Kind" oder der Verband "Liebe und Familie". Mit im Boot sind Homosexuellenvereine wie "Noch Schwuler ohne Ehe" oder "Homovox". Eine heilige Allianz vereint evangelikale Protestanten und Buddhisten mit den patriotischen Muslimen "Söhne Frankreichs". In eigener Kolonne marschiert nur der erzkonservative Christen-Verband Civitas, dem die Auftritte von Barjot zu "gay-freundlich" daherkommen.

Das Bündnis schaffte es dank Facebook und Twitter binnen vier Monaten, eine landesweite Struktur zu schaffen, ohne sich dabei dem Vorwurf der Schwulen- und Lesbenfeindlichkeit auszusetzen. "Wir lieben alle Homosexuelle", sagt Barjot zum Auftakt der Kundgebung. Denn ihre "Demo für alle" wolle allein die Ablehnung gegen einen Gesetzesentwurf kanalisieren, der "die Ehe für Personen desselben Geschlechts öffnen" soll und Ende Januar im französischen Parlament beraten wird.

Die Reform, von den Befürwortern griffig als "Ehe für alle" umschrieben, war lange ein Reizthema nur für die Kirchen. Dann aber mutierte es zu einer mit Herz, Hirn und bisweilen Hass geführten Debatte um den Versuch, die Institution Ehe den veränderten Realitäten anzupassen. Und weil es dabei um Überzeugungen geht, um Glaubensfragen, um Wertvorstellungen, ist die Diskussion in Zeitungen und Talkshows zum ideologischen Grabenkampf eskaliert.

Die Frontlinien verlaufen quer durch alle gesellschaftlichen, politischen und konfessionellen Lager, rechte wie linke Medien positionieren sich mit flammenden Aufrufen. "Für die Kirche ist das Bündnis von Mann und Frau ein Zeichen für die Verbindung mit Christus", titelte "La Croix". Der linke "Le Nouvel Observateur" titelte diese Woche mit einem "Manifest: Ja zur Ehe für alle". Der konservative "Figaro" wertet die Kundgebung gar als "einen Bewusstseinswandel, der den Kurs der Geschichte ändern könnte".

Hollande steht im Wort

Am Anfang stand der Punkt 31, eines von vielen Versprechen, mit denen François Hollande 2011 in den Wahlkampf zog. Der Sozialist gelobte für den Fall seines Sieges, schwulen und lesbischen Paaren den Weg zur Ehe zu ebnen, nach dem Vorbild von einem Dutzend anderer Staaten. Ein Fortschritt gegenüber dem existierenden "Zivilpakt der Solidarität" sollte es sein, der seit 1999 die Verbindung zwischen zwei Partnern rechtlich verankert - vor allem mit Hinblick auf Wohnung, Steuern und Erbe.

Die "Ehe für alle" geht vor allem in einem Punkt weiter: Die Gleichstellung von gleichgeschlechtlichen Paaren - befürwortet von einer Mehrheit der Franzosen - würde ihnen auch die Adoption von Kindern erlauben. Es ist vor allem dieser Punkt, der die Befürworter und Gegner der Reform gegeneinander aufbringt.

Für die einen geht es um die überfällige Gleichstellung von Schwulen und Lesben und ihren mehreren zehntausend Kindern; die anderen sehen in der Initiative eine Verdrehung des Bürgerlichen Gesetzbuchs, weil die Begriffe Ehemann und Ehefrau, von Vater und Mutter zu asexuellen Bezeichnungen wie Eltern abgewertet würden. "Dieses Projekt", formuliert der Kundgebungsaufruf, "will per Gesetz die sexuelle Andersartigkeit abschaffen und damit die Fundamente menschlicher Identität."

In Gefahr sei die Familie: Die Adoption durch zwei Männer oder zwei Frauen würden Jungen und Mädchen Kinder der tradierten Rollenmodelle berauben. Die Kritiker befürchten "eine tiefe Diskriminierung und Ungerechtigkeit" für derart erzogene Kinder und obendrein ein Ende der "natürlichen Abstammung", eine Gefahr für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Mit der "Ehe für alle" drohe ein Dammbruch: Danach könnten Schwulen und Lesben das Recht auf künstliche Befruchtung einfordern oder bei Leihmüttern ihren Nachwuchs bestellen.

Opposition wittert ihre Chance

Es ist dieses Szenario, das wertbewusste Franzosen beunruhigt und auf die Straße treibt. Die Opposition witterte prompt die Chance, die Kundgebung zum Plebiszit gegen die sozialistische Regierung zu erheben. Für die konservative UMP, die nach der Wahlniederlage von Nicolas Sarkozy wochenlang über dessen Nachfolge stritt, ist das eine einmalige Gelegenheit, sich als Vertreterin des Bürgertums und Bewahrerin republikanischer Werte zu profilieren.

Dabei gibt es auch innerhalb der UMP Befürworter der Reform, wie etwa Ex-Gesundheitsministerin Roselyne Bachelot. Selbst der rechtsextreme Front National ist in der Frage gespalten. Und ebenso finden sich im sozialistischen Regierungslager überzeugte Gegner der "Ehe für alle". Dessen ungeachtet will François Hollande die als "große gesellschaftliche Maßnahme" angekündigte Reform durchsetzen und sich nicht "dem Widerstand der Straße" beugen.

Ist der Misserfolg für die "Demo für alle" damit programmiert? Theodora Boone, Vize-Bürgermeisterin aus dem Pariser Vorort Levallois 68, will daran nicht glauben. "Hollande kann doch den Widerstand nicht einfach übergehen", so die Zentrumspolitikerin, die mit ihrer Schärpe in Blau-Weiß-Rot erschienen ist. "Es geht um die Zukunft unserer Gesellschaft. Das zu leugnen würde ihm politisch enormen Schaden zufügen."

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