Frankreich Zahl antisemitischer Übergriffe hat sich fast verdoppelt

Die französische Regierung verurteilt Antisemitismus, die Bevölkerung hat weniger Vorbehalte als noch vor einem Jahr. Und trotzdem: Die Zahl der Übergriffe auf Juden in Frankreich ist drastisch gestiegen.

Die Geiselnahme    in einem koscheren Supermarkt: Vier Juden starben im Januar 2015
AP

Die Geiselnahme in einem koscheren Supermarkt: Vier Juden starben im Januar 2015


Die Zahl antisemitischer Übergriffe und Bedrohungen ist in Frankreich drastisch gestiegen. In den ersten fünf Monaten des Jahres habe es 84 Prozent mehr solcher Taten gegen Juden oder jüdische Einrichtungen gegeben als ein Jahr zuvor, berichtete der Dachverband jüdischer Organisationen CRIF unter Berufung auf Zahlen des Innenministeriums.

Die Gesamtzahl gab die Organisation mit 504 Übergriffen an. Im gleichen Vorjahreszeitraum waren es 276 Angriffe oder Bedrohungen gewesen. 2013 wurden in diesem Zeitraum erst 195 Taten erfasst.

Auch Gewalttaten nahmen deutlich zu. Dramatisches Beispiel ist die Ermordung von vier Juden während der Geiselnahme in einem Supermarkt für koschere Waren im Januar. Die Terrorserie hatte in Paris mit dem Angriff auf die Redaktion des Satireblattes "Charlie Hebdo" begonnen. Laut CRIF gab es in den ersten fünf Monaten 121 Gewalttaten gegen Juden, 59 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Damals wurden 76 Fälle erfasst (2013: 54).

Eigentlich hatte sich nach den jüngsten antisemitischen Anschlägen in Frankreich, Belgien und Deutschland die Einstellung der Bevölkerung gegenüber Juden laut einer Untersuchung der Anti-Defamation-League verändert.

In Frankreich sei die Zahl der Bürger, die Vorbehalte gegen Juden haben, von 37 auf 17 Prozent gesunken.

Die aktuelle Entwicklung sei jedoch "leider keine Überraschung", hieß es bei der Dachorganisation CRIF von etwa einer halben Million Juden in Frankreich. Das Internet entwickle sich zum wichtigsten Faktor für die Verbreitung antisemitischer Ideen in der Öffentlichkeit.

kbl/dpa



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