Wahlkampf in Frankreich Mélenchons Schweigen spielt Le Pen in die Hände

Auf den Linken Mélenchon kommt es bei der Wahl in Frankreich an: Spricht er sich für den Mitte-Kandidaten Macron aus? Bisher schweigt der Chef von "Frankreichs Aufsässigen" - wohl aus Kalkül.

Jean-Luc Mélenchon beim ersten Wahlgang am 23. April
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Jean-Luc Mélenchon beim ersten Wahlgang am 23. April

Von , Paris


"Zögert nicht. Zieht euch Handschuhe an oder kneift euch die Nase zu, aber geht wählen. Drückt das Ergebnis von Le Pen so weit wie irgend möglich." Mit Wut und Verve wetterte Jean-Luc Mélenchon 2002 gegen das Rekordergebnis des Front National (FN).

Der "Donnerschlag vom 21. April", als es FN-Chef Jean-Marie Le Pen damals im ersten Wahlgang überraschend vor den Sozialisten Lionel Jospin geschafft hatte, mobilisierte seinerzeit 1,5 Millionen Franzosen zum Massenprotest. Und Jean-Luc Mélenchon, damals noch Mitglied der Sozialistischen Partei (PS), reagierte sofort.

Vehement forderte er seinerzeit Widerstand gegen den Führer der Rechtsradikalen und beim zweiten Wahlgang Unterstützung für den Konservativen Jacques Chirac. "Seiner republikanischen Pflicht nicht nachzukommen, nur weil einem der nötige Schritt Widerwille bereitet, hieße aus individuellen Bedenken das kollektive Risiko in Kauf nehmen."

Und 15 Jahre später? Funkstille. Der Führer der linken Bewegung "Das Frankreich der Aufsässigen" sperrt sich gegenüber der Einheitsfront gegen Marine Le Pen. Der eloquente Volkstribun, der während der TV-Debatte mit galligen Spitzen und linker Politlyrik seine Rivalen vorführte, verkneift sich seit vergangenem Sonntag eine handfeste Stellungnahme.

Auch in seiner jüngsten "Wochenschau" - 32 Minuten politisches Tiefgründeln auf YouTube - fehlt eine Wahlempfehlung für Emmanuel Macron ("En Marche"), den Sieger des ersten Wahlgangs. "Meine Aufgabe ist es, euch für die kommenden Kämpfe zusammenzuhalten", meint Mélenchon verschwurbelt und ringt sich nur die Bemerkung ab: "Ich wähle nicht Front National."

Stattdessen soll sich die Basis bis Dienstag nächster Woche per Internet-Urabstimmung entscheiden, ob Wahlabstinenz, Enthaltung oder ein Macron-Votum angesagt sei. "Jeder soll seine Pflicht tun", so Mélenchons kryptischer Hinweis. Ein "vernichtendes Schweigen", kommentiert die Tageszeitung "Libération".

Verstörung bei den Anhängern

Mit seiner Verweigerung wird der Alt-Linke womöglich zum Präsidentenmacher, denn sein gesammeltes Schweigen arbeitet Marine Le Pen in die Hände. Die Tochter des Parteigründers holte am vergangenen Wochenende mit 21,3 Prozent das bisher stärkste Ergebnis für die rechtsradikale Formation.

Dabei hatte sich der Chef der Bewegung "Das Frankreich der Aufsässigen" während der Wahlkampagne als erbitterter Widersacher der FN-Kandidatin profiliert. Le Pen bezeichnete er als "Halb-Wahnsinnige" oder "eingemachte Reaktionärin".

Mélenchons politische Enthaltsamkeit verstört derweil viele der eigenen Anhänger und ärgert die Gefolgsleute in der Kommunistischen Partei.

Zumal die FN-Chefin derweil Zulauf aus dem rechten Lager erhält: Nicolas Dupont-Aignan, Führer der Partei "Aufrechtes Frankreich" und am vergangenen Sonntag mit 4,7 Prozent sechster im Kandidatenfeld, schlug sich für den zweiten Wahlgang auf die Seite Le Pens. Der Souveränist, der den Front National unlängst noch als "rassistisch und fremdenfeindlich" beschrieben hatte, schloss mit Le Pen einen symbolischen Koalitionsvertrag und wird für die FN-Frau in den Wahlkampf ziehen. Im Gegenzug will Le Pen den selbsterklärten Gaullisten im Fall eines Sieges zum Premier ernennen.

Schrumpfender Vorsprung für Macron

Die Kehrtwende des Flügelmanns von Frankreichs Konservativen schwächt Emmanuel Macron: Umso wichtiger sind für den 39-Jährigen am 7. Mai jene sieben Millionen Wähler, die für Mélenchon gestimmt haben. Zwar sehen die Umfragen Macron beim zweiten Wahlgang vor der FN-Kandidatin. Doch der Vorsprung schrumpft und es ist durchaus denkbar, dass unentschlossene Wähler beim Duell Macron-Le Pen ins Lager der FN-Kandidatin wechseln.

Trotz der Gefahr einer rechtsextremen Machtübernahme spielt Mélenchon weiter die Sphinx. Möglicherweise aus Kalkül. Sicher ist, dass er - nach dem Totaldebakel der Sozialisten - darauf spekuliert, bei den Parlamentswahlen im Juni als Führer einer neuen breiten Linksopposition aufzutreten. Die Distanz zu Macron, dem ehemaligen Wirtschaftsminister von Präsident François Hollande, soll diese Position untermauern.

Das Taktieren Mélenchons nutzt Le Pen zur Offensive um die Gunst der linken Wähler. In einer Videobotschaft an die "Aufsässigen" preist sie gönnerhaft deren "respektable Wahlkampagne", das "schöne Absingen der Marseillaise" und die Tatsache, dass die Trikolore die Roten Fahnen verdrängt hätten. Und sie fordert einen "Dammbau gegen den Ex-Banker Macron".

"Macron steht für die Herrschaft der Oligarchie, die Kontrolle durch die Lobbyisten und die Brüsseler Technokraten. Die Gefahr ist zu groß, dass man Macron die Zügel der Macht in die Hände geben kann", so Le Pen.

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marthaimschnee 29.04.2017
1. Warum auch?
Macron zu wählen, wird Le Pen nicht verhindern, sondern nur verzögern. Macron steht für das "Weiter so" im Bezug auf EU und Reformen im Stil einer Agenda 2010. Er steht für eine bereits gescheiterte Ideologie und wird nur noch mehr Wähler nach rechts treiben. Insofern ist es tatsächlich Mélenchon größte Aufgabe, schlicht und einfach die linken Wähler links zu halten. Alles andere ist irrelevant.
viceman 29.04.2017
2. soll melonchon
etwa für macron stimmen? was soll das denn? weil der das vermeintlich kleinere übel ist? aber ist schon klar, gewinnt le pen sind ' die linken' schuld, dieser schw...sinn kann nur den schreiberlingen auf der rechte seite einfallen! dem 'bobo' macron keine linke stimme, auch keine - das ist ja selbstverständlich - für le pen!
rkinfo 29.04.2017
3. Links wählt nicht rechts ;-)
Die überwiegende Zahl der Mélenchon wird NICHT Le Pen wählen. Vielleicht bleiben einige zu hause, aber die 'Gefahr Le Pen' wird auch genügend viele Wähler mobilisieren. Der zweite Wahlgang benötigt gute Wahlbeteiligung, um Emmanuel Macron den Sieg zu bringen. Da ist es durchaus nicht schlecht, wenn die Prognosen noch Luft /Gefahr aufzeigen.
gersois 29.04.2017
4. Wahlverweigerung
Es wird sicher trotz der drohenden Marine Le Pen nicht für Macron stimmen wollen und einen leeren Stimmzettel abgeben werden. Noch hat Macron nicht gewonnen! Und le Pens sozialistische Wirtschaftpolitik kann auch für Linke attraktiv sein.
Edgard 29.04.2017
5. Sind auch in Frankreich...
... die politischen Schnittmengen zwischen Rechts- und Linksextrem größer als angenommen? Es ist doch wohl kaum anzunehmen daß Mélenchon die süsslichen Wahlversprechungslügen LePens oder ihrem neuen Schmusekurs erlegen ist... Thälmann war schon in den 20ern ein Wegbereiter Hitlers.. wir Mélechon ein Wegbereiter LePens? Seine Lippenbekenntnisse jedenfalls sind wohl eher Makulatur.
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