Frankreich nach dem Anschlag von Trèbes "Alle sind ruhig geblieben"

Die Franzosen reagieren auf den islamistischen Terror in ihrem Land anders als nach den Anschlägen vor drei Jahren. Das Attentat von Trèbes deutet an: Frankreichs Demokratie ist offenbar reifer geworden.

Trèbes am Freitag
AP/ La Depeche du Midi

Trèbes am Freitag

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Wie sehr sich die Stimmung in Frankreich in den vergangenen Jahren verändert hat, lässt sich an diesem Samstag nach dem Terrorattentat in dem südfranzösischen Städtchen Trèbes besser verstehen als je zuvor. Vier Tote sind zu beklagen, darunter ein Gendarm, der für andere sein Leben opferte. Ein freundlicher Fleischermeister, wie ihn jeder Franzose kennt. Ein Weinbauer, dessen Typ für ganz Südfrankreich steht. Ein Maurer im Ruhestand, Stammkunde des Supermarktes.

Aber schon jetzt gäbe es allen Grund, sich so richtig aufzuregen. Und Marine Le Pen, Parteichefin des rechtsextremen Front National, tut es: "Wann wird diese Regierung begreifen, dass wir im Krieg sind?" twitterte die erfolglose Präsidentschaftskandidatin des vergangenen französischen Wahljahrs. Le Pen hat aber offenbar nicht begriffen, dass sich ihr Land seit dem ersten, großen Terrorattentat gegen die Redaktion des französischen Satire-Magazins "Charlie Hebdo" vor drei Jahren weiterentwickelt hat.

Damals ging die vom "Islamischen Staat" inspirierte Terrorwelle in Frankreich los. Die Täter waren radikalisierte Franzosen - wie nun auch der Täter in Trèbes. Damals gingen am Wochenende nach dem Attentat vier Millionen Franzosen auf die Straße, um für "Charlie Hebdo" und gegen den Terror zu demonstrieren. Und heute? "Wie jeden Tag", antwortete der Zeitungsverkäufer auf dem Pariser Boulevard Voltaire, wo vor drei Jahren auch Bundeskanzlerin Angela Merkel demonstrierte, auf die Frage, wie denn am Tag nach dem Attentat der Verkauf laufe. Vor drei Jahren druckten die Zeitungen am Wochenende nach dem Attentat Extraausgaben.

"Alle sind ruhig geblieben"

Schon am Tag nach der Tat fragte sich die Leiterin des Supermarkts in Trèbes, in dem drei Menschen getötet wurden, die 25-jährige Samia Menassi, im Gespräch mit der Nachrichtenagentur AFP, wann sie wohl ihr Geschäft wiedereröffnen könne. Im Rathaus von Trèbes hatte ein psychologisches Beratungsteam Menassi und sämtliche Mitarbeiter und Kunden des Supermarkts empfangen, die das Drama am Vortag unmittelbar miterleben mussten.

"Alle sind ruhig geblieben", berichtete eine Krankenschwester aus dem zum Tatort nächstgelegenen Krankenhaus in der südfranzösischen Stadt Carcassonne. "Wir haben schnell Betten freigeräumt und Verstärkung für die Wiederbelebungsexperten gerufen. Die Organisation lief gut. Man merkte sofort, dass sich unsere regelmäßigen Notfallübungen auszahlten."

Ganz anders als "im Krieg" ging auch die Polizei vor. Statt die Angehörigen des Täters als mutmaßliche Komplizen zu betrachten, sah sie in ihnen mögliche Helfer. Also schaffte die Polizei die Schwestern des Attentäters zum Supermarkt, damit sie ihren Bruder überredeten, aufzugeben. Es gelang ihnen nicht. Aber ihr Einsatz zeigte noch während des Geschehens, auf welcher Seite die meisten französischen Muslime standen.

Auch die Politik bewies ihre Lernfähigkeit. Der französische Innenminister Gérard Collomb war binnen kurzer Zeit vor Ort, markierte aber nicht den Oberbefehlshaber, sondern gab ohne Allüren informative Interviews am Straßenrand. Ohne Anschuldigungen, ohne Verdächtigungen, ohne Verallgemeinerungen, die Innenminister sonst mögen.

Auch der französische Präsident und die deutsche Bundeskanzlerin spielten in dem Terrordrama von Trèbes eine Rolle. Gerade als es seinen traurigen Höhepunkt erreichte und die französischen Anti-Terror-Einheiten am Freitagnachmittag den Supermarkt stürmten, gaben Emmanuel Macron und Angela Merkel in Brüssel ihre gewöhnliche gemeinsame Pressekonferenz nach einem Treffen des Europarats.

Macron beantwortete Fragen zum Attentat, aber er ließ den Dingen in Brüssel seinen normalen Lauf, unterbrach keine Sitzung, musste nicht alles abbrechen, um an die heimische Terror-Front zu stürmen. Als er später am Freitagabend dann doch als oberster Befehlshaber der Nation vor den Kameras sprach, tat er es nicht länger als zwei Minuten und stellte Fragen wie ein Kommissar: "Wann hat sich der Täter radikalisiert? Wann und wie kam er zu dieser Waffe?", fragte Macron.

Emmanuel Macron wird über den Zugriff in Trèbes informiert
AFP

Emmanuel Macron wird über den Zugriff in Trèbes informiert

Genau das wollten die Franzosen offenbar wissen. Damit sie es erfahren, so schien es im Licht der Ereignisse, hatten sie vor zehn Monaten Macron zum Präsidenten gewählt. Und eben nicht Le Pen, die im Wahlkampf ständig vom Kampf für das Überleben der französischen Zivilisation gesprochen hatte.

Vorurteile lassen nach

Sogar das Pariser Boulevard-Blatt "Le Parisien" hatte am Tag nach dem Attentat den Terror schon verarbeitet. Es titelte: "Das Heldentum eines Gendarmen" über das Opfer des Polizisten, der sich im Supermarkt von Trèbes für eine Geisel eintauschen ließ. Laurent Joffrin, der gewöhnlich etwas konservative Chefredakteur des Pariser Linksblatts "Libération", war von der Stimmung nach dem Attentat geradezu begeistert: "Was einen umhaut, ist die bemerkenswerte Gelassenheit, welche die ganz große Mehrheit der französischen Bevölkerung an den Tag legt."

Joffrins Beobachtung belegte auch eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der öffentlich-rechtlichen französischen Menschenrechtskommission über Rassismus und Intoleranz in Frankreich, die seit 1990 jedes Jahr durchgeführt wird. Zwischen 2013 und 2016 hatte die Kommission einen deutlichen Anstieg von Vorurteilen und Intoleranz vor allem gegen Nordafrikaner und Schwarze registriert, seither jedoch ein noch deutlicheres Nachlassen der Vorurteile. So dass Frankreichs Toleranzwerte gegenüber Menschen anderer Abstammung heute wieder das Niveau von 2008 erreicht haben.

"Im Grunde wissen die Franzosen, dass die Demokratie mit den Mitteln der Demokratie immer gewinnen wird", schrieb Joffrin. Der Samstag nach dem Attentat von Trèbes ließ tatsächlich ein so positives Resümee nach drei Jahren islamistischen Terrors in Frankreich zu.



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spon-1262956449612 24.03.2018
1. Abstoßend
Ihre eingeforderte Coolness und Kaltschnäuzigkeit angesichts dieses furchtbaren Verbrechens ist einfach nur widerlich. Trauer, Entsetzen, Abscheu und der unbedingte Wille, dass sowas nicht wieder passiert, sind normale menschliche Reaktionen, nicht das schnelle Übergehen zur Tagesordnung.
SK3112 24.03.2018
2. Euphemismus
Men merkt, Herr Blume, wie Ihnen das Spiel mit Worten gefällt. Der Euphemismus "Weiterentwicklung" ist nämlich nichts anders als Abstumpfung, die Gleichgültigkeit, das Phlegma einer Gesellschaft, die sich offenbar an den Terror gewöhnt hat, ihn als unabwendbares Übel hinnimmt. Jeder einzelen zumindest so lange, wie es ihn nicht persönlich trifft. Und was Sie als "Reife" bezeichnen, die Frage der 25jährigen Marktleiterin, wann sie denn endlich ihren Laden wieder öffnen kann, in dem gerade eben erst zwei Menschen ermordet wurden, nenne ich kaltherzigen Zynismus.
the_tetrarch 24.03.2018
3. Überlegenheit der aufgeklärten Vernunft
Professionalität & Gelassenheit angesichts des Empörenden sind eine reifere Reaktion als entfesselte Emotionen, mit denen die Europäer sich auf die gleiche Stufe stellen würden wie die permanent wegen jeder Kleinigkeit wie irre aufbrausende Tätergruppe. Man muss eine tiefe Demarkationslinie sichtbar werden lassen zwischen der Unkultur der Wahnsinnigen und der mitteleuropäischen Zivilisation.
nic 24.03.2018
4. Frankreichs Demokratie ist offenbar reifer geworden.
Entschuldigung aber was für ein Unsinn. Die Menschen haben sich schlicht daran gewöhnt und haben begriffen, dass Politisch wohl kaum noch nach einer Lösung gesucht wird den Terror zu beenden. Sich nicht mit dem Terror abzufinden hieße ja nach Ihrer Theorie undemokratisch zu sein, ich fass es nicht.
schwaebischehausfrau 24.03.2018
5. Ganz toll...
... wenn französische Journalisten " von der Stimmung nach dem Attentat geradezu begeistert sind". Und richtig "umgehauen sind" von der " bemerkenswerten Gelassenheit, welche die ganz große Mehrheit der französischen Bevölkerung an den Tag legt.". Es ist wohl eher eine Abgestumpftheit angesichts regelmässiger islamistischer Terror-Attacken und Resignation und ein "sich Fügen in sein Schicksal". Ja, in Westeuropa, in Frankreich ebenso wie in Deutschland gewöhnen sich die Menschen an die Alltäglichkeit des Terrors mit seinen Opfern. So wie uns unsere Politiker ja schon vor 2 Jahren damit beruhigt haben, dass wir uns bald ähnlich "professionell" in unser Schicksal fügen werden wie die Menschen in Israel . Unser Land hat sich verändert, so wie uns Merkel das ja schon frühzeitig versprochen hat. Leider nicht zum Guten . Und toll muß man das ganz sicher auch nicht finden. Und am Ende gewinnt schon gar nicht "die Demokratie". Denn Ziel der Terroristen ist es, möglichst viele "Ungläubige" zu töten. Und dieses Ziel haben sie auch gestern in Frankreich wieder erreicht.
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