Frankreich nach dem Terror Kann man einen Dschihadisten umerziehen?

Frankreich setzt in der Terrorabwehr auch auf Umerziehung. IS-Anhänger sollen künftig in entsprechenden Einrichtungen entradikalisiert werden. In Dänemark gibt es ein solches Zentrum bereits.

Von , Paris

Tatort Bataclan: Wie lassen sich solche Taten verhindern?
AP/dpa

Tatort Bataclan: Wie lassen sich solche Taten verhindern?


Frankreich löst sich aus der Schockstarre - zehn Tage nach den Anschlägen von Paris. Langsam schiebt sich die Frage nach dem Warum in den Vordergrund. Kriminologen, Psychologen und Politiker beginnen mit der Aufarbeitung:

  • Wie wurden aus kleinen Gaunern verbohrte Mörder?
  • Welche biografischen Verwerfungen machten die unauffälligen Jugendlichen aus den Vorstädten zu Kamikaze-Attentätern?
  • Welche Rolle spielt die islamistische Gehirnwäsche durch salafistische Imame?
  • Wie lässt sich verhindern, dass in Syrien zu Dschihadisten ausgebildete Franzosen ihre eigenen Mitbürger ermorden?

Künftig sollen landesweite "Zentren zur Entradikalisierung" Vorsorge- und Umerziehungsstrategien für reuige Islamisten liefern. "Eine erste Einrichtung wird geschaffen", gelobte Ministerpräsident Manuel Valls bereits während der Parlamentsdebatte über die Verlängerung des Notstands. "Beratungen über den juristischen Rahmen und das pädagogische Konzept stehen vor dem Abschluss."

Neu sind diese Pläne allerdings nicht. Aufgelegt wurden sie bereits nach den Januar-Anschlägen gegen das Satireblatt "Charlie Hebdo" und den koscheren Pariser Supermarkt. Seither passierte wenig, obwohl die konservative Opposition unter Nicolas Sarkozy derartige Zentren begrüßt; der Vorschlag zählt sogar zum Polit-Repertoire der Republikaner (LR).

"Beinahe wie im Nationalsozialismus"

Das Projekt orientiert sich an einem dänischen Modell: In Aarhus, der zweitgrößten Stadt Dänemarks, existiert ein Zentrum zur ideologischen Entgiftung reuiger Dschihadisten. Dort werden Heimkehrer psychologisch betreut, sie bekommen Beistand bei der Wohnungs- und Arbeitssuche oder zur Fortsetzung ihres Studiums - eine Betreuung, die in Dänemark auch kritisch betrachtet wird.

Vergleichbar ist in Frankreich bisher nur das private Präventionszentrum gegen sektiererisches Abgleiten verbunden mit dem Islam (CPDSI): Die Initiative mit dem sperrigen Namen wurde vor zwei Jahren von Dounia Bouzar gegründet. Die Anthropologin wurde durch hilflose Eltern aufgeschreckt, die sie um Hilfe baten. Seither hat ihr Zentrum rund 4000 Familien betreut.

Anthropologin Bouzar: "Am Ende steht die Ausgrenzung des Andersdenkenden"
REUTERS

Anthropologin Bouzar: "Am Ende steht die Ausgrenzung des Andersdenkenden"

Ihre Methodik vergleicht sie mit der Behandlung von Suchtkranken: "In der Herangehensweise arbeiten wir wie die Anonymen Alkoholiker." Denn auch angehende Dschihadisten würden durch gezielte Indoktrinierung in steigender Dosis angefixt: "Der Jugendliche entwickelt allmählich einen totalen Hass gegen alle, die keine 'wahren Muslime' sind." Am Ende stehe die Ausgrenzung des Andersdenkenden, so Bouzar, "beinahe wie im Nationalsozialismus". Das Ziel: "Die Dehumanisierung des anderen."

Die Wissenschaftlerin scheut sich daher nicht, auch ehemalige IS-Sympathisanten in ihrem Team mitarbeiten zu lassen. "Die sind am höchsten motiviert, sie haben keine Angst, und sie wissen, dass man diese jungen Leute wieder zu Personen mit menschlichen Werten machen kann."

"Die Mittel sind vorhanden"

Gemessen an solchen privaten Projekten, haben die Behörden auf die Bedrohung durch die ideologischen Rattenfänger des IS schleppend reagiert. Zwar wurde schon im April 2014 ein "Nationaler Plan gegen gewalttätige Radikalisierung" verkündet. Eine Internetseite und eine kostenlose Telefon-Hotline (0.800.005.696) wurden aufgebaut.

Im Oktober 2014 folgte, begleitet von viel Medienwirbel, ein Zentrum zur Deradikalisierung; eingeweiht in Saint-Denis, jenem Vorort von Paris, in dem am Mittwoch die jüngste Terrorzelle ausgehoben wurde. Der Modellversuch im "Haus der Prävention und der Familie" sollte sich an irregeleitete Islamisten und angehende Dschihadisten wenden und ihr Abgleiten in die Gewalt verhindern.

Nach elf Monaten stellte das Zentrum seine Arbeit wieder ein - angeblich war das Finanzgebaren des Trägervereins wenig transparent. "In Wahrheit", schimpfte die ehemalige Direktorin Sonia Imloul, "hatte der Staat nie die Absicht, wirklich eine Einrichtung zum Kampf gegen die Radikalisierung zu schaffen."

Das hat sich mit den Attentaten von Paris geändert. "Die Mittel sind vorhanden", verkündete Ministerpräsident Valls, "vor Ende des Jahres wird die erste Einrichtung geschaffen." Für zurückgekehrte Dschihadisten aus Syrien oder dem Irak ist dort laut dem Premier allerdings kein Platz: "Die kommen ins Gefängnis."

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 42 Beiträge
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Seite 1
bernsteinchen 23.11.2015
1. Etwas anderes bleibt ja nicht, oder?
Wenn das Strafrecht ausgereizt ist, man diese Menschen nirgend wohin "zurück" schicken kann, weil gebürtige Franzosen, ist dies die einzige Möglichkeit. Dramatisch, aber nicht zu ändern.
lupenreinerdemokrat 23.11.2015
2. Ich wette,
mit Geld kann man jeden Dschihadisten "umerziehen". Es gibt ja 2 Arten von Dschihadisten: die mittellosen und von der Gesellschaft sich verstoßen fühlenden und die, die damit ordentlich Cash machen (das sind dann üblicherweise die im religiösen "Management" und ja, auch beim ISIS sitzen Großverdiener an den Schalthebeln der Macht. Okay, es gibt noch eine 3. Variante: das sind die, die durch Terror Angehörige verloren haben. Diese wird man auch nie umerziehen können, denn die haben einen nachvollziehbaren Hass auf die Täter. Aber alle anderen kann man mit dem nötigen Geld umerziehen, denn ihr religiöser Fanatismus gründet sich nur auf einer Ersatzreligion des schnöden Mammons.
Here Fido 23.11.2015
3. Unsichtbare Freunde
Vielleicht macht man denen mal klar, dass man als Erwachsener keine unsichtbaren Freunde haben sollte. Ohne diesen Unsinn von Paradies und Jenseits sieht das Diesseits schon ganz anders aus.
May 23.11.2015
4.
Hört sich nach einem positiven Ansatz an. Langfristig ist Prävention aber noch wichtiger. Ich kann mir vorstellen, dass das fördern der kindlichen Wissbegier am erfolgversprechendsten ist. Insbesondere das Unterrichten von Strategien wie man gute Erklärungen von schlechten unterscheiden kann. Wenn ein Kind auf die Frage "Warum..." nicht mehr die Antwort "Weil Gott es so gemacht hat." oder "Weil es so in der Bibel/dem Koran steht" akzeptieren, dann haben Fundamentalisten aller Art schlechte Karten.
Dette 23.11.2015
5. Zeitbomben
Zitat von bernsteinchenWenn das Strafrecht ausgereizt ist, man diese Menschen nirgend wohin "zurück" schicken kann, weil gebürtige Franzosen, ist dies die einzige Möglichkeit. Dramatisch, aber nicht zu ändern.
Man kann sehr wohl das Strafrecht ändern. Pass- und Staatszugehörigkeitsentzug bei Ausreise, auch wenn es erst später bekannt wird. Keine Wiedereinreiseerlaubnis. Knast bei illegaler Einreise, Sollte von vornherein klar gemacht werden. Was soll die Gesellschaft mit solchen Leuten noch anfangen? Sollen bei ihren Brüdern bleiben.
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