Sarkozy vor Wahl in Frankreich Monsieur rastlos, Monsieur ratlos

Nicolas Sarkozy und seine Konservativen lagen gut in den Umfragen, mit guten Chancen bei der Regionalwahl am Wochenende. Dann kamen die Terroranschläge in Paris - und alles ist anders.

AFP

Von , Orléans


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Er hat es noch drauf: Das strahlende Lächeln, das Abklatschen der hingehaltenen Hände, Winken, Küsschen für ein bekanntes Gesicht - das Bad in der Menge. Nicolas Sarkozy, Ex-Präsident und Führer der konservativen Opposition "Les Républicains" (LR) glänzt in seiner Lieblingsrolle - der des Wahlkämpfers.

Schiltigheim im Elsass, Avignon, Rouen, jetzt Saint-Jean-le-Blanc, Ort am Rand von Orléans: Ein paar Tage vor den Regionalwahlen am kommenden Sonntag ackert sich der LR-Boss durch die Pflichttermine seiner Partei. Und vereint basisnahe Hilfestellung für die Kandidaten mit dem rastlosen Ehrgeiz eines Politikers, der zugleich sein langfristiges Comeback betreibt - die Rückkehr in den Élysée 2017.

Pointensicher feuert er auf der Blau-Weiß-Rot angestrahlten Bühne vor 1200 Anhängern seine Salven gegen die Versäumnisse der Regierung ab. "Wir unterstützten alles, was dem Schutz unserer Bürger dient", sagt Sarkozy. "Aber was ist zwischen den Anschlägen vom Januar passiert und den Attentaten vom November?", so die rhetorische Frage: "Nichts ist passiert!"

Sarkozy ist zurück im Kampagnen-Modus. Der 60-Jährige hat noch immer denselben Gestus, dieselben Ticks: Das Schulterzucken, die Handkantenschläge, mit denen er seine Sätze unterstreicht, der pädagogisch ausgestreckte Finger, der Wechsel zwischen Ironie und Bissigkeit, das Stakkato.

Fußfesseln und Hausarrest

Er zählt auf, wie Frankreich wieder zu einem "sicheren Land" wird: Fußfesseln, Hausarrest, Strafen für Nutzer von islamistischen Internetseiten. Und zieht zugleich gegen die konformistische Linke zu Felde, wettert wider Burka und Schleier. Und schließlich beschwört er die nationale Identität, Traditionen, Werte, seine christlichen Wurzeln.

So könnten seine Konservativen bei den Regionalwahlen eigentlich auf einen großen Erfolg hoffen. Wirtschaftskrise, Arbeitslosigkeit, Bildungsmisere, Streiks - Präsident François Hollande war angezählt, die Europa-, Kommunal- und Départementswahlen gerieten für die Sozialisten zum Debakel.

Zudem ist bei den Republikanern der innerparteiliche Streit beigelegt. Die Promi-Troika von Bordeauxs Bürgermeister Alain Juppé, Ex-Premier François Fillon und Sarkozy hält einen Burgfrieden.

Die Partei hat zwar längst nicht die von Sarkozy angestrebte Marke von 300.000 Mitgliedern erreicht, die Zahl liegt bei rund 180.000. Aber die Spenden stiegen seit Anfang des Jahres um fast ein Drittel auf 4,8 Millionen Euro. Die bankrotte Partei ist zumindest finanziell saniert, die Umfragen sahen die Republikaner für die Regionalwahlen im Aufwind.

Dann kamen die Anschläge von Paris.

Die Attentate vom 13. November, bei denen 130 Menschen ermordet wurden, haben die politische Situation durcheinandergewirbelt und die Agenda für die Wahl neu definiert. Es dominiert nur noch ein einziges, nationales Thema: Sicherheit.

"Die Republikaner sind der Kollateralschaden der Attentate"

"Wie kann man von Regionalverwaltung sprechen, von Ausbildung, Wirtschaftsförderung oder Infrastruktur, wenn die Wähler nur vom Terror reden", sagt Éric Ciotti, LR-Vizesekretär: "Das Klima hat sich verändert, die Bürger wollen beschützt werden und an der Staatsspitze einen Mann, der das Ruder fest in der Hand hat."

Diese Rolle erfüllt derzeit der politische Gegner. Präsident François Hollande hat die Krise mit staatsmännischem Gestus gemeistert und in den Umfragen satte 22 Prozent zugelegt. Doppeltes Pech für die Konservativen: Auch Marine Le Pen vom Front National (FN) nützt die Wahl im Schatten der Attentate. "Die Republikaner sind der Kollateralschaden der Attentate", sagt Brice Teinturier vom Umfrageinstitut Ipsos.

Sarkozys Partei und ihre Alliierten vom Zentrum stehen zwischen zwei Fronten. Links Hollande, der die harten Maßnahmen der Konservativen einfach kopierte; rechts Marine Le Pen, die von der Angst der Bevölkerung profitiert: Islamismus, Immigration, Terror sind Sujets, die von den Rechtsextremen besetzt sind.

Das doppelte Handicap macht es schwer für Sarkozy, der sich bislang als Kämpfer gegen das Vordringen der Rechtsradikalen gerierte. In Saint-Jean-le-Blanc hakt er daher nicht nur FN-Reizthemen ab. Der LR-Boss rügt auch die Bilanz von Hollande, die marode Ökonomie, das Ansteigen von Steuern und Abgaben. Und warnt vor dem Front National, einer "Partei der Unordnung", "ohne jede Erfahrung bei der Ausübung der Macht".

Bevor der LR-Chef beim Absingen der Marseillaise mit seinen Parteifreunden auf der Bühne eine Phalanx der Geschlossenheit bildet, erinnert er freilich noch an seine ganz persönliche Agenda - die Rückeroberung des Élysée. "Das Bündnis von heute dürfen wir in Zukunft nicht vergessen", ruft er: "Zusammen bei den Regionalwahlen, aber zusammen auch bei der Präsidentenwahl 2017."


Zusammengefasst: Nicolas Sarkozy will zurück auf Frankreichs große politische Bühne. Dabei sollten die kommenden Regionalwahlen für ihn und seine Konservativen der nächste Schritt sein. Und es sah in den Umfragen auch gut aus - bis zu den Anschlägen von Paris. Seit den Terrorattacken ist Präsident Hollande wieder im Aufwind, ebenso wie der rechte Front National.

insgesamt 19 Beiträge
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joes.world 04.12.2015
1. Sarkozsy kann gar nicht genug falsch gemacht haben,
um - verglichen mit dem überforderten, dafür um so rachedurstigeren Hollande - nicht noch immer eine Lichtgestalt zu sein. Hollande hat Frankreich wirtschaftlich weiter abrutschen lassen, die Islamisten weder bekämpft noch in den Griff bekommen (ich spreche von den für Frankreich gefährlichsten, nämlich den französischen) und sonst auch keine Ahnung wie man einen Staat. gesund oder zumindest erfolgreich, führt.
claudiosoriano 04.12.2015
2. Sarkozsy
Zitat von joes.worldum - verglichen mit dem überforderten, dafür um so rachedurstigeren Hollande - nicht noch immer eine Lichtgestalt zu sein. Hollande hat Frankreich wirtschaftlich weiter abrutschen lassen, die Islamisten weder bekämpft noch in den Griff bekommen (ich spreche von den für Frankreich gefährlichsten, nämlich den französischen) und sonst auch keine Ahnung wie man einen Staat. gesund oder zumindest erfolgreich, führt.
wie Hollande haben politisch total versagt! Vergleicht man diese mit der zugehörigkeit der Parteien, ergibt das ein Ebenbild von CDU und SPD! Die FN wird enorm zulegen, ebenso wie in D die AfD. Das ist das Ergebnis jahrelanger verpennter Friedenspolitik, auch dank der Nato und EU!
Schroekel 04.12.2015
3. sarko ...
... oder le peng. pech oder schwefel. colera oder ebola.
windpillow 04.12.2015
4. Gut aufgepaßt Monsieur Hollande...
auch als Margaret Thatcher damals in den Umfragen total absackte, fing sie umgehend den Falkland-Krieg an und wurde promt wieder gewählt.
e.pudles 04.12.2015
5. Frankreichs Kasperle
Nach der verlorenen Wahl erklärte Sarkozy, dass für ihn das Kapitel Politik abgeschlossen sei, und zwar für immer. Kaum 1 1/2 Jahre später will er erneut Präsident werden. Eine unglaubwürdige Person. Glücklicherweise hat die Mehrheit der Franzosen dies erkannt und er wird bei den Vorwahlen (in einem Jahr) wohl kaum als erster durchs Ziel gehen. Hollande der Europäische G.W. Bush versucht sich mit Ausland Politik zu retten, da seine Innen Politik zu 100% gescheitert it. Da bleibt nur noch die Frage wer will die einstige Grande Nation vor der totalen Bedeutungslosigkeit und dem Untergang retten. Marine Le Pen jedenfalls nicht.
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