Jo Dalton Getto-Rapper sieht Frankreich im Krieg

Vom kriminellen Gewalttäter zum Star der Vorstädte: Jo Dalton dreht HipHop-Videos, gibt Rap-Kurse - und hat dabei auch einen der Attentäter von Paris geschult. Die französische Gesellschaft hält er für gescheitert.

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Ein trüber Wintertag in Paris, am Place d'Italie zeigt sich die Stadt von ihrer hässlichen Seite: graue Hochhäuser, Billigläden, Fast-Food-Restaurants.

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Heft 4/2015
Warum junge Männer Europa den Krieg erklären

Viele Menschen hier haben arabische oder afrikanische Wurzeln. Breitbeinig kommt Jérémie Maradas-Nado angelaufen, besser bekannt als Jo Dalton, wie er sich nach der Comicfigur nennt. Er trägt, wie viele hier, dunkle Jacke, darunter Kapuzenpulli, weite Hose, Turnschuhe. In den Vorstädten ist der 46-Jährige eine Berühmtheit.

Früher hat er mit seiner Gang Black Dragons Skinheads gejagt, er war ein Krimineller und saß mehrfach über Monate im Gefängnis. Er hat als Leibwächter den Komiker Dieudonné beschützt, der wegen antisemitischer Äußerungen und des sogenannten Quenelle-Grußes sehr umstritten ist. Dalton glaubt, ziemlich genau zu wissen, warum Einwandererkinder in Frankreich zu Terroristen werden.

"Wir haben eine große Diskriminierung erlebt", sagt er. Die französische Gesellschaft sei tief gespalten. Auf der einen Seite die "Weißen", wie Dalton es ausdrückt. Auf der anderen "die Schwarzen und die Araber". Niemand interessiere sich für das Leben in der Banlieue. Die Politik sei gescheitert, und der Frust groß. "Wir befinden uns im Krieg."

Mit sechs Jahren ist Dalton aus der Zentralafrikanischen Republik nach Frankreich gekommen. Von 1985 bis 1987 lebte er in Grande Borne, der gefürchteten Vorstadt 20 Kilometer südlich von Paris, in der auch Amédy Coulibaly aufwuchs. Der Mann, der vor wenigen Tagen erst eine Polizistin erschossen hat und dann vier Kunden eines jüdischen Supermarkts in Paris. "Ich kannte ihn flüchtig, weil ich immer wieder in Grande Borne war", berichtet Dalton.

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"Ich war auch ein kleiner Coulibaly. Ich hatte Waffen, um an Geld zu kommen", sagt er. Grande Borne sei schon zu seiner Zeit ein sozialer Brennpunkt gewesen. Heute liegt die Arbeitslosenquote bei 40 Prozent, Familien haben weniger als 10.000 Euro pro Jahr, bereits Jugendliche klauen. Die jungen Bewohner von Grande Borne bezeichnen sich selbst als "racaille" (Abschaum). Die Älteren machen Überfälle, so wie Coulibaly es auch tat, bevor er von Islamisten radikalisiert wurde.

Unerwartete Liebe im Gefängnis

Dalton hat selbst erlebt, wie schnell man im Gefängnis in die Fänge der Hassprediger geraten kann, wie aus Kleinkriminellen Gotteskrieger werden. "Dort wirst du in ein Loch gesperrt. Alles ist versifft, nachts hörst du Klopfen aus den Nachbarzellen. Das macht dich verrückt." Im Gefängnis rechne man mit allem, aber nicht mit Liebe. "Und dann triffst du dort Muslime, die dir mit Liebe begegnen." Das sei sehr beeindruckend.

Dalton saß wie Coulibaly im berüchtigten Gefängnis Fleury-Mérogis ein, das kaum einen Kilometer südlich von Grande Borne liegt. Coulibaly hatte 2008 dort sogar illegal gefilmt und gemeinsam mit anderen Ex-Insassen ein Video über die Zustände im größten Gefängnis Frankreichs gedreht.

Dalton sagt, auch er sei radikalisiert worden. Doch er habe noch etwas anderes neben seinem Glauben gehabt: den Kampfsport Taekwondo. Er war fünffacher französischer Meister, trainierte auch im Knast. Heute schult er Jugendliche. Der Sport habe ihm eine andere Perspektive geboten: "Taekwondo - das ist meine Spiritualität."

Außerdem veranstaltet er Rapkurse in den Vorstädten. Dabei hat er auch Chérif Kouachi kennengelernt, einen der beiden Attentäter, die in der Charlie-Hebdo-Redaktion zwölf Menschen ermordet haben. "Er war engagiert beim Rappen und wollte eine Botschaft rüberbringen."

An ein Ende der Gewalt und des Terrors glaubt Dalton nicht. Von klein auf erlebten die Menschen den Rassismus der französischen Gesellschaft. Und wenn sie ins kriminelle Milieu abrutschten, sei eine Radikalisierung fast zwangsläufig. "Alle Ideale fallen, wenn du im Knast bist." Man werde ein Coulibaly, wenn man wieder rauskomme. "Und es gibt Tausende solcher Leute", warnt Dalton.


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Seite 1
BeatDaddy 23.01.2015
1.
französische Gesellschaft hält er für gescheitert." - Das liegt unter anderem auch an solchen Leuten wie ihm! Wer sich nicht integrieren will und immer Vollalarm schlägt, gegen die Einwohner aufhetzt, Gewalt predigt und einen Chaiss auf unsere westlichen Werte gibt, ist sicher kein guter Landsmann und gibt auch kein gutes Beispiel für die Jugend ab...Im Sinne des Völkerfriedens in Europa und weltweit müssten solche Idis entweder sofort weggesperrt oder des Landes verwiesen werden! Wer jetzt nicht aufsteht und solche Leute stoppt, ist an unserer "Zukunft" entweder nicht interessiert oder dumm bis ins Knochenmark.
gerd.leineune 23.01.2015
2.
Erfrischende Selbstkritik. Sehr gut, weiter so.
Art. 5 23.01.2015
3.
Warum werden solche jungen Männer in Frankreich kriminell? Frankreich ist ein Sozialstaat, jeder Bedürftige bekommt Sozialhilfe, davon kann man leben.
Franz D. 23.01.2015
4. Alles Opfer
Immer die gleiche Story, der Staat und Politiker sind Schuld am Elend der Muslime, die Diskriminierung der bösen Weißen. 450.000 Chinesen leben in Frankreich. Wieso werden die nicht kriminell und landen in Gettos?
Bärthold 23.01.2015
5.
Jo Dalton schildert sehr genau, was passierz, wenn eine Gesellschaft ihre (vermeintlichen) Außenseiter ignoriert und im Problemfall wegsperrt. Wir lästern über die Wellness-Gefängnisse in Skandinavien, denken aber nicht weiter. Und an Prävention schon gar nicht: Bildung, Bildung, Chancengleichheit
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