Stichwahl in Frankreich: Sarkozy wildert in Le Pens Revier

Von Stefan Simons, Longjumeau

Um den Sozialisten Hollande noch schlagen zu können, braucht Sarkozy in der Stichwahl die Stimmen aus dem rechtsextremen Lager. Dafür geht der Präsident auf Stimmenfang beim Front National, mit den Parolen von Marine Le Pen. Der Erfolg ist fraglich.

REUTERS

Gepflegte Reihenhäuser zwischen städtischem Grün, Hochhauszeilen, ein verschachteltes Einkaufszentrum: Hier in Longjumeau, im Vorstadtgürtel von Paris, tritt Nicolas Sarkozy mit kratziger Stimme vor biederem Publikum auf, in einem kleinen trikolorengeschmückten Theater mit weichen Sesselreihen. Zuvor hatte er für die TV-Bilder ein Café besucht, Hände geschüttelt, Kinder geherzt. Und dann umwirbt er mit einer Ansprache "an alle Franzosen" die Wähler von Marine Le Pen.

Mit knapp 18 Prozent im ersten Wahlgang hatte sich die Spitzenfrau des Front National (FN) im Kandidatenfeld auf Platz drei vorgeschoben, ein historisches Rekordergebnis - besser noch als der Erfolg von Vater Jean-Marie Le Pen 2002. Die Haltung der 6,4 Millionen FN-Wähler wird am 6. Mai darüber entscheiden, wer als nächster Präsident in den Elysée einzieht - und damit über die politische Zukunft von Sarkozy und Sozialist François Hollande.

Die Jagd auf die Stimmen ist eröffnet, und Sarkozy wildert im rechtsextremen Revier des Front National. Nachdem er bei der ersten Runde knapp hinter seinem sozialistischen Konkurrenten lag, bleibt dem Kandidat der Konservativen Regierungspartei (UMP) jetzt nur die Möglichkeit, sich als wackerer Vertreter des Vaterlandes zu profilieren. In der Konfrontation "Kandidat gegen Kandidat" und "Projekt gegen Projekt" greift Sarkozy zu unverhohlenen Anleihen bei den Parolen des Front National, die in Longjumeau beachtliche 15 Prozent einfuhren.

Mit einem rhetorischen Trick stellt er sich als Opfer und Sieger zugleich dar: Alle waren sie gegen ihn, "die Medien und Spezialisten", und trotzdem ist er nicht beiseite gefegt worden, trotz "der Lügen, der Tricks". Seine Erklärung für den Erfolg der Rechtsextremisten: Es war eine "Abstimmung der Krise", die FN-Stimmen seien genauso "Ausdruck der Demokratie" wie die Stimmen der Linken, "um die Hollande betteln geht". Mehr noch, der Wahlgang war ein "Votum des Leidens", weiß der Präsident und versichert seinen Zuhörern: "Ich habe euch gehört."

"Ich will zu den Kleinen reden, zu denen ohne gesellschaftliche Stellung", hatte er bereits am Vortag verkündet, "zu den Rentnern, zur Landbevölkerung, zu den Arbeitern."

Poetisch spricht er vom "Frankreich der Arbeit", von "euch, die ihr das ganze Leben gearbeitet habt". Am 1. Mai will er das Bürgertum in Paris zum symbolischen Massenaufmarsch am Eiffelturm versammeln - ein propagandistischer Geniestreich, um den Sozialisten und Gewerkschaften ausgerechnet am traditionellen "Festtag der Arbeit" die ideologische Oberhoheit streitig zu machen. "Der 1. Mai", höhnt Sarkozy, "ist nicht das Privateigentum der Sozialisten."

Und dann arbeitet er sich durch den Kanon der patriotischen Themen: Das Europa der angeblich viel zu offenen Grenzen, die Werte der Republik, die christlichen Wurzeln der nationalen Identität, Ehe, Familie, Erziehung. Er wettert gegen die unkontrollierte Immigration, die Verschleierung oder den getrennten Schwimmunterricht für Jungen und Mädchen.

Doch ob Sarkozys Plan aufgeht? Marine Le Pen, die Königsmacherin der nächsten Wahlrunde, bestreitet, dass die Stimmen ihres Lagers bloße Protestreaktion seien. "Es ist ein Votum der Zustimmung", kommentierte sie den ersten Wahlgang. Sie sieht sich als einzige Vertreterin der Opposition gegen das System und wirft Sozialisten (PS) in denselben Topf wie die Regierungspartei (UMP): Es sind die Etablierten "der UMPS", höhnt sie.

Mit Ironie über den Gegner herziehen

Weil sie von einem Wahlsieg des Sozialisten Hollande profitiert, will Le Pen keine Empfehlung für Sarkozy abgeben. Dahinter steckt das Kalkül, dass die Regierungspartei nach einer Niederlage auseinanderbrechen könnte - zum Nutzen des Front National bei der Parlamentswahl im Juni. Offen bekennt sie sich nicht zu dieser Strategie; immerhin neigen 60 Prozent ihrer Anhänger für den zweiten Wahlgang zu Sarkozy.

Auf dieses Potential hofft der angezählte Präsident. Mit Ironie zieht er über Hollande her, den er zum Mehrfach-Duell herausgefordert hat. "Die Franzosen haben ein Recht auf Wahrheit, nur so respektieren wir unsere Bürger."

Schließlich verabschiedet er sich mit einer Prise Nachdenklichkeit: "Ich habe lange überlegt, ob ich noch einmal antreten soll", sagte er im Ton intimer Vertraulichkeit, "ich kenne die Last des Amtes, das ich fünf Jahre unter den schlimmsten Bedingungen ausgeübt habe."

Nein, er kandidiert nicht um seinetwillen, sondern für die Nation. "Ich tue das für die Idee, die ich von meinem Land habe", ruft er dem Fahnen schwenkenden Publikum zu. "Ich habe unser Land geschützt, eure Vermögen, eure Renten", erinnert Sarkozy: "Frankreich hat kein Recht auf einen Fehler."

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insgesamt 21 Beiträge
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1. Ich will es mal so sagen...
Heinz-und-Kunz 24.04.2012
Um den Konservativen Sarkozy noch schlagen zu können, braucht Hollande in der Stichwahl die Stimmen aus dem extrem linken Lager. Dafür geht der Herausforderer auf Stimmenfang bei der Linksfront, mit den Parolen von Jean-Luc Mélenchon. Der Erfolg ist möglich.
2. Frankreich...
glücklicher südtiroler 24.04.2012
Zitat von Heinz-und-KunzUm den Konservativen Sarkozy noch schlagen zu können, braucht Hollande in der Stichwahl die Stimmen aus dem extrem linken Lager. Dafür geht der Herausforderer auf Stimmenfang bei der Linksfront, mit den Parolen von Jean-Luc Mélenchon. Der Erfolg ist möglich.
Im Prinzip könnte ich Ihnen ja zustimmen, nur so einfach ist es nicht. Hollande wird natürlich im linken Lager fischen und die Wähler der französischen Grünen und Linken werden natürlich mehrheitlich Hollande wählen; auch um nur ein Sarkozy II zu verhindern. Allerdings, die Wähler von Marie Le Pen sind keineswegs mit den Wählern manch anderer rechten Parteien in Europa, der FPÖ oder gar der NPD zu vergleichen. Im wesentlichen handelt es sich oftmals um Wähler, die ein anderes Europa, mehr Staat(mit staatlichen Leistungen), einen starken Staat wollen und bsw. den Euro aus verschiedenen Gründen ablehnen. Von ihrer Denkweise und von der sozialen Herkunft her könnten es ruhig auch linke Wähler sein. Meines Wissens hat der FN gerade unter den Arbeitern und Kleinbürgern sehr stark abgeschnitten. Das Rechts-Links-Muster gilt also für Frankreich nur sehr bedingt. Italien hat bei allen Unterschieden teilweise eine ähnliche 'soziale' Rechte. Da für die Rechte Frankreichs Sarkozy das absolute Feindbild ist und man ihn daher kaum irgendwie unterstützen wird, könnten sich viele FN-Wähler für Hollande entscheiden... Sarkozy muß natürlich dort fischen; wo denn sonst auch...? Ich favorisiere für den zweiten Wahlgang Hollande. Aber leicht wird er es nicht haben... Schian Gruaß...
3.
andynm 24.04.2012
Zitat von Heinz-und-KunzUm den Konservativen Sarkozy noch schlagen zu können, braucht Hollande in der Stichwahl die Stimmen aus dem extrem linken Lager. Dafür geht der Herausforderer auf Stimmenfang bei der Linksfront, mit den Parolen von Jean-Luc Mélenchon. Der Erfolg ist möglich.
Das ist zu hoffen. Denn besser von Menschen gewählt werden, die für mehr soziale Gerechtigkeit sind, als von Rassisten, die der rechtsextremen FN ihre Stimme gegeben haben.
4.
Reg Schuh 24.04.2012
Zitat von Heinz-und-KunzUm den Konservativen Sarkozy noch schlagen zu können, braucht Hollande in der Stichwahl die Stimmen aus dem extrem linken Lager. Dafür geht der Herausforderer auf Stimmenfang bei der Linksfront, mit den Parolen von Jean-Luc Mélenchon.
Wieso bin ich überhaupt nicht überrascht? grübel...
5.
sahospiegel 24.04.2012
Nach den Ergebnissen vom Sonntag wird es nur einen Sieger geben und das ziemlich klar: Sarkozy! Gefällt mir zwar persönlich nicht aber ist so. Wieso soll ein liberaler (Bayrou) oder rechter (Le Pen) Wähler sozialistisch wählen? Bestenfalls bleiben die doch zu Hause aber auch da werden wie meisten zur Wahl gehen und schlicht konservativ wählen. Die Medien wollen jetzt Spannung herbeireden aber das ist Unsinn. War letztens bei der OB Wahl in Frankfurt auch so. Nach der ersten Wahl war klar, so überraschend das Ergebnis auch war, der SPD Kandidat wird es machen. Weil SPD Gruene Linken Piraten stimmen das einfach logisch hergaben. Habe drauf gewettet mit Freunden und klar gewonnen. Würde auch jetzt Wetten annehmen auf Sarkozy
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Vorläufiges amtliches Endergebnis: Die Ergebnisse des ersten Wahlgangs in Prozent

Nicolas Sarkozy UMP (Konservative)
27,2
François Hollande PS (Sozialisten)
28,6
Marine Le Pen FN (Nationalisten)
17,9
François Bayrou MoDem (Liberale)
9,1
Jean-Luc Mélenchon FG (Linksfront)
11,1
Eva Joly EELV (Grüne)
2,3

Quelle: Französisches Innenministerium


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