Frankreich Sarkozy dreht auf

Buch, TV-Interview und die erste Kundgebung des Kandidaten Nicolas Sarkozy: In Südfrankreich präsentiert der Ex-Präsident sein Credo - Identität, Autorität, Freiheit - und wettert gegen die "Tyrannei der Minderheiten".

Nicolas Sarkozy
AFP

Nicolas Sarkozy

Von , Paris


Eine Deko in Blau-Weiß-Rot: Trikolore-Fähnchen, T-Shirts und Transparente mit dem Konterfei des Kandidaten und allgegenwärtig das neue Buch von Nicolas Sarkozy: "Alles für Frankreich": Mehr als 2500 schwitzende Fans drängen sich in der glühenden Abendhitze vor dem Sportkomplex Pierre Coubertin in Châteaurenard, einem pittoresken provenzalischen Ort, südlich von Avignon.

"Nicolas, Nicolas…" donnern die Ovationen, als der Promi der Republikaner endlich die Bühne erklimmt, auf der handverlesene Fans drapiert sind. Und der Ex-Staatschef, der zwei Tage zuvor seine erneute Kandidatur für den Chef-Posten im Élysée angemeldet hat, gibt gleich den Ton an: Er verbeugt sich vor den "lieben Freunden und Mitbürgern" und "den Männern und Frauen, deren wichtigste Gemeinsamkeit die tief verwurzelte Verbundenheit zu Frankreich ist, zu unserer Nation, zu unserem Vaterland."

Eine gute Stunde lang spult Sarkozy dann seine Rede ab, es ist der Auftakt zu einem perfekten PR-Sturm: Mit dicht gestaffelten Kundgebungen, TV-Auftritten, Autogrammstunden soll die Inszenierung des hyperaktiven Politikers bis zur Vorwahl Anfang November die Themen setzen und dabei das Dutzend parteiinterner Konkurrenten überholen.

"Ein Bonapartist am Beginn des 21.Jahrunderts", schreibt der Essayist Alain Duhamel über die neue Rolle Sarkozys als Frankreichs Napoleon, das Magazin "Marianne" kommentiert süffisant: "Der kleine Korporal ist wieder zurück."

"Spannung, Verzweiflung, Zorn"

Sarkozy macht aus seinen Ambitionen keinen Hehl. Er beklagt den grassierenden Autoritätsverfall des Staates, die wirtschaftliche Misere und geht den amtierenden Präsidenten an: "Noch nie in der Geschichte der Republik war die Funktion des Staatchefs dermaßen geschwächt." Im Klima der Angst nach den Anschlägen empfiehlt sich Sarkozy als gestandener Staatsmann, der seine Landsleute vor Gefahren des Terrors schützen wird: "Die Franzosen sollen wissen, dass der Präsident den Lauf der Dinge bestimmt, statt ihnen unterworfen zu sein."

Inhaltliches Kernstück des angestrebten Comebacks: Der 232-Seiten-Band aus der Feder Sarkozys. Nur fünf Monate nach dem Erfolgstitel "Frankreich für ein Leben", in dem der Chef der Konservativen mit einem maßvollen "mea culpa" die gröbsten Fehltritte seiner fünfjährigen Amtszeit eingestand, geriert sich der Autor von "Alles für Frankreich" als Retter einer Nation, zerrissen von "Spannung, Verzweiflung und Zorn".

Die Publikation sieht er als "Startpunkt für das neue Mandat" und liefert in fünf Kapiteln die inhaltlichen Versatzstücke für Sarkozys Kampagne: "Die Herausforderungen bei Wahrheit, Identität, Wettbewerb, Autorität und Freiheit."

"Scharf gewürzte Vorschläge"

Sarkozys Wunschzettel "scharf gewürzter" Vorschläge für seinen Wiedereinzug in den Élysée listet unter anderem auf:

  • Ökonomie/Steuern: Zehnprozentige Steuersenkungen, Abschaffung der Vermögenssteuer, höhere Freibeträge bei Erbschaft und Firmenübernahmen; für die Unternehmen freie Hand bei der Vereinbarung zur Wochenarbeitszeit, Senkung der Lohnnebenkosten, schrittweise Senkung der Arbeitslosenbezüge, Anhebung des Rentenalters bis 2025 auf 64 Jahre. "Unsere gesamte Wirtschaftspolitik muss sich künftig an und für die Unternehmen orientieren."
  • Sicherheit/Justiz: Bildung eines Gerichtshofes für Terrorismus, präventive Haft oder elektronisch kontrollierter Hausarrest für Terrorverdächtige; reglementierte Strafen, gestaffelt nach Schwere und Häufigkeit der Vergehen, Absenkung der Strafmündigkeit auf 16 Jahre. Und: "Verdächtige Personen, die nicht Franzosen sind, müssen umgehend in ihr Ursprungsland zurückgeschickt werden."
  • Immigration/Islam: Drastische Beschränkung der jährlichen Zuwandererung, Stopp der Wirtschaftsimmigranten, Abschaffung des Familiennachzugs bis zu einem neuen Schengenabkommen. Statt fünf zehn Jahre Wartezeit bis zum Erwerb der Staatsbürgerschaft, gepaart mit einem obligatorischen Assimilierungspakt. In den Moscheen soll künftig auf Französisch gepredigt werden, sagt Sarkozy und fordert bei Burka und Burkini: "Ein Verbot auf dem gesamten Territorium der Republik."

"Frankeich - Nation der Werte"

Die Ursache allen Übels sieht Sarkozy in Laxismus, Laisser-faire und dem Erbe eines linken Konformismus, der Gleichmacherei und den Rückzug in Parallelgesellschaften befördert: "Es ist höchste Zeit, einen entschiedenen Kampf gegen die Multikultur zu führen", wettert der Kandidat: "Die vergangenen vier Jahre haben die Franzosen eine Tyrannei der Minderheiten hinnehmen müssen."

Demgegenüber will Sarkozy eine Gemeinschaft, verankert in Tradition, Erbe und Geschichte. "Frankreich ist eine Nation, die ihren Werten verpflichtet ist, ihren Gebräuchen, ihrer Sprache, ihrer Kultur, ihrer Lebensart."

Zweifel? An diesem Abend in Châteaurenard sind sie fehl am Platz. "Wir werden gewinnen", sagt Sarkozy und seine Getreuen feiern ihren Helden, der sie an diesem Abend mit seiner Rhetorik mitgerissen hat. Allerdings: Bei den Vorwahlen Anfang November braucht der Kandidat nicht nur den Rückhalt seiner Fans unter den 250.000 Republikanern - er wird auch die Mehrheit von rund 2,5 Millionen stimmberechtigten Konservativen und Wählern der Mitte überzeugen müssen.

Eine Herausforderung mehr für Sarkozy: Die jüngste Umfrage ergab, dass 79 Prozent der Franzosen keine Rückkehr des Ex-Präsidenten wollen.



© SPIEGEL ONLINE 2016
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.