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01. Mai 2009, 17:18 Uhr

Frankreich

Schulterschluss gegen Sarkozy

Von , Paris

Erstmals haben die französischen Gewerkschaften und die Opposition geschlossen zu den traditionellen Mai-Kundgebungen aufgerufen - und erzielten in Zeiten der Krise eine Rekordbeteiligung. Die Sozialisten wollen sich als Vorkämpfer gegen soziale Ungleichheit profilieren.

Paris - Als "eine historische Mobilisierung" beschreibt Bernard Thibault, Generalsekretär der kommunistischen Gewerkschaft CGT, die 283 Mai-Kundgebungen bei denen am Freitag mehrere Millionen Demonstranten in Frankreich unterwegs sind. Zum ersten Mal seit Ende des Zweiten Weltkriegs haben sich alle acht großen gewerkschaftlichen Organisationen auf eine "Einheitsfront" gegen Regierung und Unternehmerinteressen verständigt und auf identische Forderungen.

Auch die politische Opposition zeigt am Tag der Arbeit breite Solidarität; die gesamte Linke ist angetreten und nutzt die Gelegenheit zum medienwirksamen Schulterschluss mit der Arbeiterklasse und macht, angesichts von Wirtschaftskrise und wachsender sozialer Unruhe, Front gegen Präsident Nicolas Sarkozy.

Mai-Demonstration in Paris: "Einheitsfront" gegen Regierung und Unternehmerinteressen
AFP

Mai-Demonstration in Paris: "Einheitsfront" gegen Regierung und Unternehmerinteressen

In Paris beginnt der Zug vom Platz Denfert-Rochereau zur Bastille und erstmals seit sieben Jahren sind auch die Sozialisten wieder dabei, die PS-Prominenz steht in der ersten Reihe: Generalsekretärin Martine Aubry, der Bürgermeister von Paris Bertrand Delanoe und Benoît Hamon, der smarte Sprecher der PS - alle in symbolischer Eintracht neben den "Tenören" des Parteiestablishments. "Unser Platz ist an der Seite der Gewerkschaften, es geht um Solidarität in den Zeiten der Krise", erklärt Hamon, der Jungstar vom linken Flügel der Sozialisten, das Leitmotiv der Mai-Demos: "Sarkozy ist auf der ganzen Linie gescheitert - ob Kaufkraft, Arbeitsplätze, Defizit und sogar der Kampf gegen Kriminalität - der Präsident hat keines seiner Versprechen gehalten."

Mit dieser Botschaft war der PS-Sprecher und EU-Abgeordnete bereits am Vortag der Mai-Demonstrationen im Südosten Frankreichs unterwegs. Auf dem Marktplatz von Bellegarde, einer malerischen Kleinstadt dicht an der Grenze zur Schweiz, macht der Mann mit dem feinen Anzug und den radikalen Parolen die Runde zwischen Textil-, Käse und Wurstständen, verteilt Flugblätter und schüttelt Hände. "Gehen Sie zur Europawahl, bestrafen Sie Sarkozy", sagt Hamon.

Denn längst hat die Wirtschaftskrise das Departement Ain und die umliegenden Gegenden erreicht: Die malerische Randregion, die bislang von der Nähe zum nur 40 Kilometer entfernten Genf profitierte, leidet unter steigender Arbeitslosigkeit und immer häufigeren Firmenschließungen. "Mit einem Umsatzrückgang von 20 bis 25 Prozent können wir nicht lange durchhalten", klagt Gérard Goujon, Präsident der Verpackungsfirma PRP-Création im benachbarten Oyonnax, als der Sozialist nachmittags zur Firmenbesichtigung erscheint. "Das können wir ein, zwei Monate aushalten", so der Chef des Familienbetriebs ("in dritter Generation"), "aber irgendwann ist Schluss - dann folgen Teilzeit und Entlassungen."

Hamon ist beeindruckt, aber fordert auch Verständnis für die Opfer der Krise. "Oft bleibt den Arbeitern und Angestellten nicht mehr, als über den Preis ihrer Entlassung zu verhandeln - da verwundert es nicht, dass die Männer und Frauen zu Mitteln greifen, die selten geworden sind", sagt er später, nach einem Treffen mit Gewerkschaftern und stellt sich damit hinter die umstrittenen Geiselnahmen von Firmenbossen, die landesweit für Schlagzeilen gesorgt haben. Und zugleich empfiehlt er die Sozialisten immer wieder als "einzig vernünftige Gegenmacht zur Politik der Rechten."

Damit findet er freilich Widerspruch - schon auf dem Marktplatz von Bellegarde: "Das Bild, das ihr Sozialisten in Paris abgebt, ist schlichtweg scheußlich", sagt Paulette Faurier, eine vornehme 75-jährige Rentnerin "mit dem Herz auf der linken Seite", die sich etwas erschrocken für ihre "ruppigen Worte" entschuldigt. Ein männlicher Zuhörer wird deutlicher: "Die PS ist einfach eine Schande."

Hamon weiß um den angeschlagenen Ruf der Sozialisten, geprägt von ideologischem Zwist und Zickenkrieg zwischen der Parteichefin Martine Aubry und ihrer Erz-Rivalin Ségolène Royal, der ehemaligen Präsidentschaftskandidatin. "Wir leiden immer noch unter einem enormen Defizit an Glaubwürdigkeit", bekennt er reuevoll bei einer abendlichen Parteiveranstaltung im Theater von Bourg-en-Bresse. "Es stimmt, 2008 haben wir kein schönes Bild abgegeben, zerstritten unter verschiedenen Strömungen und Fraktionen", sagt Hamon vor den "zahlreich vertretenen Kameraden" und den lokalen Parteihonoratioren. "Ich selbst bin angetreten als Vertreter einer Minderheit, aber in meiner Position als Parteisprecher vertrete ich genauso Ségolène Royal wie Martine Aubry - der Streit liegt hinter uns."

Mit solchen Appellen sorgt Hamon bei den überwiegend älteren Genossen für positive Resonanz. Der Bedarf der Basis nach Solidarität, wenn nicht gar nach Nestwärme - im barocken Festsaal, wo die Polit-Kundgebung beim anschließenden "Umtrunk der Freundschaft" ins menschelnde Miteinander übergeht, ist diese Stimmung greifbar. "Die Mai-Demonstrationen sind nur ein erster Schritt", fordert Hamon und schließt mit dem Ausblick: "Wir müssen eine überzeugende Alternative zu Nicolas Sarkozy anbieten, dann könnten die Europawahlen Auftakt einer Bewegung sein, die uns bei den nächsten Präsidentschaftswahlen 2012 die Wende beschert."

Am Tag nach der heftig beklatschten Vision von einer Partei jenseits der Eifersüchteleien zeigen sich erneut Risse im Apparat: Während die PS-Führung in Paris mit den Gewerkschaftskollegen Einmut bekennt, zeigt Ségolène Royal - entgegen früherer Absprachen - in ihrer Heimatregion Flagge. Die Schau der parteiinternen Harmonie ist vertagt.

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