Triumph für Marine Le Pen Frankreich im Schockzustand

Was für ein Debakel für Staatschef Hollande: Der Front National von Marine Le Pen holte erstmals die meisten Stimmen bei einer Wahl in Frankreich. Die Spitzenpolitiker der etablierten Parteien reagieren ratlos auf den Triumph der Rechtsextremen.


"Totale Abfuhr", "dramatischer Zusammenbruch", "einmalige Niederlage", "verhängnisvolles Desaster": So schockiert reagierten die Politiker von Frankreichs etablierten Parteien, als die Umfragen den deutlichen Sieg des Front National (FN) bei den Europawahlen meldeten. Auf der Seite der Rechtsextremen hingegen ungebremster Jubel, Champagner und die spontan angestimmte "Marseillaise".

Ein Viertel der abgegebenen Stimmen ging auf das Konto des FN. In Straßburg, wo deren Abgeordnete bislang ein Trio stellten, werden künftig um die 25 Vertreter sitzen - die Rechtsextremen sind damit die größte Gruppe der französischen EU-Parlamentarier. Und mit einem halben Dutzend anderer EU-Rechter könnten sie sogar eine eigene Fraktion bilden - mit Zugang zu Geld, Posten und Redezeit.

Parteichefin Marine Le Pen schwelgte in historischem Pathos: "Das souveräne Volk hat gesprochen, wie immer in den großen Momenten der Geschichte", sagte die FN-Chefin bei ihrer Siegesansprache in beinahe präsidialem Tonfall. "Unser Volk verlangt nur eine Politik: Von Franzosen, für Franzosen, mit Franzosen." Zum ersten Mal in der Geschichte der V. Republik erreichte der FN bei einem landesweiten Urnengang die Spitzenposition: "Das bedeutet eine Neudefinition des politischen Lebens in Frankreich", jubelte Le Pen. Für sie ist damit die traditionellen Vormachtstellung von Sozialisten und Konservativen vorbei: "Das ist das Ende des Zwei-Parteien-Systems."

Ein Debakel für Hollande

Ihr Vater Jean Marie Le Pen, Parteigründer und wiedergewählter EU-Abgeordneter, verbarg seine Genugtuung nicht: "Erdrutsch? Nein, Erdbeben!", triumphierte der Ehrenpräsident des FN, der nach dem Sieg bei der Europa-Abstimmung auch für Frankreich Neuwahlen forderte. Seine Tochter ließ ebenfalls keinen Zweifel an dieser Haltung. Der Front National sei nun zur "ersten Partei Frankreichs" aufgerückt.

"Ein Schock für die Welt", konstatierte Ségolène Royal, Exkandidatin der Sozialisten und amtierende Umweltministerin. Die Ernüchterung bei den etablierten Parteien sitzt tief. Umfragen hatten der Partei der Le Pens ein überzeugendes Abschneiden zugetraut. Doch niemand rechnete mit einem solchen Durchmarsch der Rechtsradikalen.

Das Ergebnis ist vor allem ein Debakel für Präsident Hollande. Gerade erst bei den Kommunalwahlen abgewatscht, hatte der Sozialist mit Manuel Valls einen neuen Ministerpräsidenten installiert. Der Wechsel an der Spitze des Kabinetts sollte Dynamik und Reformeifer signalisieren, Steuererleichterungen den Frust des linken Lagers besänftigen. Doch statt der erhofften "Überraschung", erlebte die Regierungspartei eine tragische Pleite - das Ergebnis um die 14 Prozent ist das schlechteste EU-Votum der PS. Valls zog ein deprimierendes Fazit: "Das ist ein schwerwiegender Moment für Frankreich und Europa, das ist ein mangelhaftes Ergebnis für die Mehrheit und die gesamte Linke."

Doch auch die Konservativen der UMP kassierten mit dem zweiten Platz und rund 20 Prozent eine "schallende Ohrfeige", wie der "Nouvel Observateur" schrieb. Die stärkste Oppositionspartei der Nationalversammlung, die bei den Kommunalwahlen durch die Unpopularität des Sozialisten Hollande in den meisten großen Städten die Rathäuser eroberte, verlor satte fünf Prozent.

Natürlich erklärte die UMP die Sozialisten zu eigentlichen Verlierern gegen den Front National. Doch die Konservativen, in den vergangenen Wochen von Affären und Finanzskandalen gebeutelt, profitierte nicht von der Abstrafung der Wähler gegen den Präsidenten. Selbst der markige Aufruf von Expremier Nicolas Sarkozy, drei Tage vor der Wahl, vermochte nicht das angeschlagene Image zu retten - stattdessen mobilisierte der allgemeine Unmut nur die Wähler von Marine Le Pen.

Ähnlich trist das Abschneiden der französischen Grünen, die ohne den populären Spitzenkandidaten Daniel Cohn-Bendit auf nur rund zehn Prozent erreichten. Und die extreme Linke? Aufgesplittert in Grüppchen und Fraktionen, konnten sie bestenfalls ihre Stammwähler an die Urne bringen - nicht genug, um bei den frustrierten Massen der Euroskeptiker Stimmenzuwächse zu schaffen. Schlimmer: Gerade unter Jugendlichen und Arbeitern gewann der FN neue Wähler. Jean-Luc Mélenchon, wortgewaltiger Volkstribun der linken "Front de Gauche", sagte zum Sieg der Rechtsextremen: "Frankreich steht vor einem Vulkanausbruch, und es beginnt mit einem sauren Regen."

Staatschef Hollande, der eigentliche Verlierer der Europawahl, hüllte sich in Schweigen. "Aus diesem wichtigen Ereignis", hieß es lediglich in einer Stellungnahme des Elysée, "müssen Lehren gezogen werden". Für Montagmorgen teilte das Protokoll eine Änderung bei der präsidialen Agenda mit: Um 8.30 Uhr bestellte der Staatschef den Premier und seine wichtigsten Minister ein. "Der Hof ist geöffnet."

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lapislaz 26.05.2014
1. Falsch?
Von Franzosen für Franzosen. Was ist daran falsch? Erst werden die nationalen Souveränitäten abgeschafft, ohne die Leute zu fragen. Und wenn die es wieder zurückhaben wollen, dann ist das rechts? Komische Logik. Und kommen Sie mir jetzt nicht mit Friedensstiftung. Die Schweiz und Norwegen leben auch seit Jahrzehnten in Frieden.
donrealo 26.05.2014
2. Gottseidank gibt es bei uns die AfD
als eine demokratische Alternative der politischen Mitte. Gäbe es sie nicht, wären vermutlich ebenfalls viele Wähler bei uns Opfer des rechten Parteienspektrums geworden.
Ray Schmitt 26.05.2014
3. Ver - und Unverständniss
Ich verstehe eventuell die Frust vor der EU, aber rechtsradikal wählen hat sich, historisch erwiesenermaßen, nicht ausgezahlt ... Ich hoffe dass sich die Franzosen besinnen, aber mit rechtsradikalen Parteien, die perfide auf "nur wir nur mit uns" trompeten ist wenig anzufangen. Das ist als wenn man sich auf dem Schulhof freiwillig als Außenseiter etablieren möchte ... Ich wage zu bezweifeln, dass Außenseiter sonderlich glücklich sind ...
NightToOblivion 26.05.2014
4. Also...
Erstmal, die gute Nachricht, 3/4 aller Franzosen haben die Fransosennazis nicht gewählt. Aber man wird daran arbeiten müssen. Schon um der EU wegen. In Deutschland sind von populistisch rechts bis extrem rechts zehn Prozent zusammen gekommen (auch zuviel). Ohne die Achse Frankreich - Deutschland ist der Anker der EU weg. Und das darf nicht passieren!
peter3510 26.05.2014
5. Frankreich ist nicht im Schockzustand
Es sind eher die EU-freunde, die hier in einen Schock fallen. Haben doch die gebetsmühlenartigen Kommentare und Artikel über die großartigen Vorteile von Zuwanderung, Islam und Euro von linken Journalisten die Franzosen nicht geblendet. Die angeblich "einfachen Antworten zu komplexen Problemen der EU" sind zumindest Antworten. Und zwar Antworten die auch funktionieren. Die anderen Parteien von Konservativen bis Sozialisten haben diese Probleme entweder geleugnet oder schön geredet.Und das nicht nur in Frankreich.Probleme mit dem Euro? Unsinn, alles in guten Bahnen. Probleme mit Zuwanderung?Unsinn, man braucht doch trotz aller Arbeitslosen Zuwanderung...Nur lassen sich die Franzosen und Briten nicht mehr verarschen.
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