TV-Debatte in Frankreich Reizüberflutung im Löwenkäfig

Die erste TV-Debatte in Frankreich hat an Überlänge und zu vielen Themen gelitten. Nach drei Stunden lagen bei den Präsidentschaftskandidaten die Nerven blank.

Von Stefan Simons, Paris


Die Attacke kommt gegen Ende des TV-Debatten-Marathons: "Emmanuel Macron, Sie sind verblüffend", wettert Marine Le Pen, "Sie können sieben Minuten reden, ohne eine einzige klare Idee auszudrücken."

Zu diesem Zeitpunkt ist Schluss mit Artigkeiten, der höfliche Umgang, mit dem sich die fünf Präsidentschaftskandidaten zum Auftakt der Diskussion begegnet waren, hat inzwischen bitterer Aggressivität Platz gemacht. Nach mehr als drei Stunden unablässiger Wortgefechte in der ersten TV-Debatte liegen die Nerven blank.

Zum ersten Mal in der Geschichte Frankreichs finden die insgesamt drei TV-Debatten bereits vor dem ersten von zwei Wahlgängen statt. Für die Favoriten steht daher nicht weniger auf dem Spiel als die mediale Vorentscheidung im Kampf um den Einzug in den Élysée-Palast. Frankreichs Medien beschrieben das Ereignis als "Stunde der Wahrheit", die Tageszeitung "Libération" titelte: "Jetzt geht es ans Eingemachte."

Viele Themen, wenig Zeit

Der Aufbau in den Fernsehstudios des Senders TF1 im Pariser Vorort Saint-Denis förderte den Schlagabtausch: Fünf Pulte im Kreis für die Kandidaten, dahinter Publikum auf ansteigenden Rängen - die Anordnung für den ersten Showdown glich einem Löwenkäfig.

Bisher hatten sich die Anwärter auf die Präsidentschaft aus der Ferne beharkt; jetzt stehen sich die Kandidaten - die fünf Top-Favoriten von insgesamt elf Bewerbern - erstmals direkt gegenüber. Und nach Wochen, die mehr von Polit-Soaps umScheinbeschäftigung, Finanzskandale und juristische Affären geprägt waren, gibt es endlich Gelegenheit zum Streit um Programme und Projekte.

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Wahlkampf in Frankreich: TV-Debatte in Überlänge

Drei Themenblöcke sind vorgegeben: Welche Gesellschaft für Frankreich? Welches ökonomische Modell? Welcher Platz in der Welt? Für die Antwort blieben pro Kandidat gerade zwei knappe Minuten - für Ideen, Konzepte, Visionen. Aufgeteilt auf mehr als ein Dutzend Sujets beschränken sich die einstudierten Antworten dann jedoch oft auf vorgestanzte Allgemeinplätze.

Zumal die Kandidaten gebetsmühlenartig ihre Kernbotschaften wiederholen:

  • Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National, spult mit Verve ihre Lieblingsthemen ab: "Schutz der Grenzen", "Sicherheit für alle Franzosen", "ökonomischer Patriotismus". Die Entscheidung für die Wähler stilisiert sie zum Referendum zwischen den "Globalisierungsbefürwortern" und den Verteidigern "nationaler Interessen", wider eine "unkontrollierte Immigration". Sie gibt sich als Vorkämpferin der vernachlässigten Bürger und nennt die anwesende Männerriege allesamt "Vertreter des etablierten Systems".
  • Emmanuel Macron, Neuling im Kreis der politischen Alphatiere, zeigt, dass er seinen Rivalen rhetorisch gewachsen ist. Als Führer der Bewegung "En Marche", der sich "mal rechts, mal links" definiert, kommt er mit seinem Bekenntnis zu "Pragmatismus" und "Progressivität" von allen Seiten unter Feuer. Beim Reizthema Islam profiliert er sich gegenüber Le Pen. Ins Trudeln gerät er bei der Frage nach seinen Finanziers ("Ich verspreche totale Transparenz"), schwammig bleibt Macron mit seinen neoliberalen Ideen zur Arbeitszeit.
  • François Fillon, Ex-Premier und Skandalkandidat der Konservativen, hat sich den Habitus des weisen Staatsmannes zugelegt. Mal mahnend, mal ungehalten rügt er die teuren Versprechungen der Kontrahenten: "Mit Frankreichs Schulden ist das alles nicht finanzierbar." Seine Affären streift er nur nebenbei ("Jeder macht mal Fehler") und empfiehlt sich am Schluss: "Ich bin der Mann mit der größten Erfahrung."
  • Benoit Hamon, Kandidat der regierenden Sozialisten und angetreten als Vertreter der "wahren Linken", tut sich schwer, mit seinen Rezepten für ein postindustrielles Zeitalter argumentativ durchzudringen: "Das universelle Grundgehalt ist die einzig neue Idee, die erklärt, wie durch die Erhöhung der Kaufkraft die Wirtschaft wieder angekurbelt werden kann."
  • Jean-Luc Mélenchon, Vertreter der radikalen Linken und im Kampf um die Wählergunst direkter Konkurrent von Hamon, beschwört seine Vorhaben einer Verfassungsänderung als einziges Mittel zur Beseitigung der "republikanischen Monarchie". Dazu gelobt er ein Füllhorn von Investitionsmilliarden zur Beseitigung von "sozialer Ungerechtigkeit" und "ökologischer Misere".

Angesichts der mehr als ein Dutzend Themen - darunter Erziehung, Gesundheit, Rente, Arbeitsrecht, Umweltschutz und Atomenergie - gerät die Diskussion zunehmend zur argumentativen Reizüberflutung. Zahlen zur Staatsverschuldung, Prozentangaben zu Asyl, Armut oder Arbeitslosigkeit, Statistiken über Steuersenkungen oder Förderprogramme gehen unter im Stakkato der Kurzstatements.

Nur ein diffuser Eindruck bleibt zurück

Fetzig wird es erst beim Streit um Immigration und Integration - und reflexartig taucht das Sommerthema Burkini wieder aus der Versenkung auf. Für Europa, Terrorismusgefahr, Krieg im Mittleren Osten, Einschätzungen zu Putin oder Trump bleiben am Ende nur Minuten übrig - Le Pen nutzt sie schnell für einen Ausfall gegen die "Vorherrschaft der Brüsseler Bürokraten".

Was als Eindruck der Debatte in Überlänge zurückbleibt, sind weniger die Argumente, mit denen sich die Kandidaten an der Themenliste der TV-Moderatoren abgearbeitet hatten. Eher überwiegt ein diffuser Eindruck vom Charakter der Kontrahenten - eine Art Haltungsnote für den Auftritt: Le Pen aggressiv, Fillon oberlehrerhaft, Hamon blass, Mélenchon kämpferisch engagiert.

Beim Schaulaufen für präsidiales Auftreten kann Macron am Ende am besten abschneiden, auch weil er und seine "neue Bewegung" sich geschickt von den "professionellen Berufspolitikern" absetzen. Ganz staatsmännisch gerät sein Schlusswort. "Ich will zutiefst die verschiedenen Standpunkte vereinen, weil unser Land so oft von der Angst zerteilt wird", so sein Appell. "Unser Land hat die Energie dazu, das französische Volk die Energie."

insgesamt 86 Beiträge
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merapi22 21.03.2017
1. Zukunft, statt zurück in die Vergangenheit
Einzig Benoit Hamon, hat mit den Bedingungslosen Grundeinkommen eine neue Idee. Das BGE erhöht die Kaufkraft, überwindet die Nachfragekrise, nur so kann die Wirtschaft wiederangekurbelt werden. Die Finanzierung erklärt sehr gut der Unternehmer Herr Götz W. Werner = das BGE ist bereits finanziert, weil es heute schon die Güter und Dienstleistungen in Höhe des BGE im Überfluss gibt.
tailspin 21.03.2017
2. Louis Quatorze, der 27 ste
Wenn der Macron so salbungsvoll ueber Einigkeit der geteilten Standpunkte reden kann, an der ich uebrigens ueberhaupt kein Interesse haette, weil dann alles alternativ- und einfallslos wird, dann waere er als Bu Prae der Franzosen besser aufgehoben. Falls die so einen Posten zu vergeben haben. Oder haben die vielleicht noch Koenige?
dereuropaeer 21.03.2017
3. Wahlen in Frankreich
Haben die Franzosen immer nich nicht genug von den Sozis? So dumm kann doch kein Volk sein. Hollande hat Frankreich vor die Wand gefahren und der nächste wird Macron sein? Das kann nicht wahr sein.
kosu 21.03.2017
4. Natürlich der gewünschte Kanidat der Systempresse
Hat besonders gut angeschnitten. Die Meinung der Systempresse ist wie bei den US TV Veranstaltungen! Man will was gesehen haben, was wahrscheinlich die Mehrheit der Zuschauer anders interpretieren würde. So macht die Systempresse Wahlkampf für Ihre Intressen, die müssen und sind aber wahrscheinlich nicht die Intressen der Wähler. Presse sollte neutral berichten, davon sind wir lange weit weg. Presse schafft Präsidenten siehe BRDeutschland Presse macht mit Propaganda den Weg der Richtung. Man kann nur hoffen das immer mehr Bürger zu den alternativen wechseln weil Sie erkennen "Lückenpresse und Propaganda" zahlt sich nicht aus.
blurps11 21.03.2017
5.
Habe vieles ähnlich gesehen, in einem Punkt ist der Artikel aber sträflich falsch: Macron ist kein Neuling in der Politik und gehört schon seit einigen Jahren zum Zirkus dazu.
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