Parlamentswahlen in Frankreich Macrons neue Macher

Frankreich wählt - und ein Bretone aus Ruanda drängt ins Parlament: Mit Quereinsteigern wie Hervé Berville will Präsident Macron die Berufsparlamentarier aufmischen. Politische Erfahrung ist zweitrangig.

Hans-Helmut Kohl

Aus Dinan berichtet


"Ich bin ein Sohn der Region": Hervé Berville steht auf dem historischen Marktplatz von Dinan zwischen Ständen für Obst, Fisch und Gemüse. Und strahlt. Der Kandidat der Regierungspartei "La République en Marche!" (REM), verteilt Flyer, schüttelt Hände, versucht sich in politischen Kurzdebatten. Und in Zuversicht: "Wir werden gewinnen."

Der Wirtschaftswissenschaftler, der am Sonntag bei der ersten Runde von Frankreichs Parlamentswahlen als Bewerber für den Wahlkreis II. im Département Côtes-d'Armor an der bretonischen Nordküste antritt, stemmt seine erste Kampagne für die Partei von Präsident Emmanuel Macron: Mit 27 Jahren zählt Berville zu den jüngsten Abgeordnetenanwärtern.

Berville gehört zu jenen "Bürgern aus den Reihen der Zivilgesellschaft", mit denen Macron die alternde Riege der Berufsparlamentarier aufmischen will. "Wir sind Bauern, Ärzte, Forscher, Angestellte oder Freiberufler - wir sind die Gesichter der Erneuerung", verkündet ein Wahlkampf-Slogan: "Wir sind ihr".

Tatsächlich stellen die Polit-Novizen, die noch nie für ein Amt kandidiert haben, ein Drittel der REM-Kandidaten. Die Seiteneinsteiger sollen der neuen Partei die nötige Bodenhaftung verschaffen und zugleich das Vertrauen in die Volksvertreter wiederherstellen: Rund 54 Prozent der Franzosen, so Transparency International in einer Studie von 2016, sind der Meinung, dass die meisten ihrer Politiker verlogen sind.

"Ich will eine andere Art und Weise, Politik zu machen", sagt Berville. "Und die beste Methode, das Projekt von Macron zu unterstützen, sehe ich in der Arbeit als Abgeordneter - mit der Verbindung zwischen lokalen und nationalen Aufgaben kann ich die Bürger einer Gegend unterstützen, die ich seit meiner Kindheit kenne."

Der schlaksige junge Mann, dunkler Anzug und Krawatte, verkörpert den Idealtypus des von Macron geforderten Generationswechsels. Und Berville begründet seinen Einsatz vor allem damit, dass die traditionellen Parteien, die Frankreich seit Jahrzehnten im Wechsel regieren, angesichts der Herausforderungen einer globalisierten Welt völlig versagt haben.

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Wahl in Frankreich: Macrons Polit-Novize

Sein professionelles Vorleben hat Berville nicht unbedingt für den Wechsel in die Politik prädestiniert. Geboren in Ruanda und 1994 als vierjähriger Waise von einem bretonischen Ehepaar adoptiert, glänzte er bislang als Wissenschaftler - Studium an der Elite-Uni Science Po in Lille und der renommierten London School of Economics. Dann Forscher an der US-Universität Standford und Auslandsmissionen für Frankreichs Agentur für Entwicklungshilfe in Kenia und Tansania.

"Der eigentliche Anstoß kam durch die Europawahlen 2014. Ich war im Ausland, als die Medien meldeten: 'Der Front National ist die stärkste Partei Frankreichs'." Für Berville, in dessen Familie stets über Politik diskutiert wurde - der Vater war Facharbeiter in der Luftfahrtindustrie, die Mutter Angestellte in der örtlichen Krankenhausverwaltung -, war klar: "Ich will zurück nach Frankreich, ich will mich engagieren."

Die Gelegenheit bot sich mit der Gründung von Macrons Bewegung "En Marche!": "Ich fand seine Vision einer gesellschaftlichen Umgestaltung spannend, seine Methode überzeugend - und habe das lokale Komitee von 'Jugend für Macron' gegründet."

Dank der Basisgruppe erreichte der Präsident im Wahlkreis Dinan schon beim ersten Wahlgang satte 27 Prozent - und Berville wurde seinerseits zum Kandidaten für die Parlamentswahl gekürt. Seither tourt der REM-Vertreter - Kampagnenbudget: 20.000 Euro - durch die ländliche Region zwischen Fischerhäfen und Bauerndörfern. "Die Säle sind voll", sagt Wahlhelfer Denis Werisse, 60, früher beim Arbeitsamt, "und die Menschen sind neugierig."

Leicht hat es Newcomer Berville jedoch nicht. Sein Team, ein Dutzend Freiwillige, tritt gegen eine Riege von 13 erfahrenen Konkurrenten an: Republikaner, Sozialisten, Anwärter der links- und rechtsextremen Parteien sowie Kandidaten der Grünen, Globalisierungsgegner und Vertreter von gleich zwei bretonischen Regionalparteien.

Dennoch profitiert Berville vom Sieger-Nimbus seines Präsidenten; nach den derzeitigen Umfragen könnte Macron die absolute Mehrheit erreichen. Der Kandidat will seinen Wahlkreis gewinnen und als einer von 577 Volksvertretern in den Palais Bourbon einziehen.

Hat er Angst vor der Aufgabe? "Keineswegs", so der Ökonom, der sich in der Fraktion für globale Wirtschaftsfragen ebenso wie für lokale Belange der Bretagne einsetzen will. "Wir brauchen Unterstützung für unsere Region, mehr Investitionen, bessere Infrastruktur für innovative Unternehmen."

Das sei kein neoliberales Dogma, versichert Berville: "Wir wollen unseren Werten treu bleiben - Flexibilität gepaart mit sozialer Sicherheit, Öffnung zur Welt statt Rückzug und Wagenburgmentalität. Und ja, ein standhaftes Bekenntnis zu Europa, was Kritik freilich nicht ausschließt. Berville: "Das ist wie in einer Ehe: Ansprüche stellt man nur an einen Partner, den man liebt."

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sozialismusfürreiche 10.06.2017
1. das große Problem all dieser Gruppierungen
DAs große Problem all dieser Gruppiereungen ist, dass sie im Alltag versagen, weil sie keine Ahnung haben wie sie sich zu organisieren haben. Und am Ende jeder gegen jeden oder wenige gegen viele oder viele gegen wenige Spielchen treiben. Die 5-Sterne Bewegung hat darin eben auch versagt.
Einweckglas 10.06.2017
2. Zum Thema "Die neuen Macher"
Zum Thema "Die neuen Macher" faellt mir eigentlich nur auf, dass Macron mit seinen Visionen fuer ein anderes Europa um sich schmeisst, doch wenig bis gar nichts zu den verkrusteten & staatsgelenkten Strukturen sagt, an denen die franzoesische Wirtschaft leidet und in Folge vom globalen Wettbewerb abgehaengt wird. Das franzoesische Modell hat ausgedient, Macron aber will es mit nur kleinen Aenderungen ueber die Zeit retten, und wirbt deshalb so schoen mit seinen Versionen fuer eine "Partnerschaft" mit den Deutschen, die ihm das garantieren sollen. Was in Frankreich passiert, ist m.E. Besitzstandswahrung erster Klasse!
Kamillo 10.06.2017
3.
Wenn die Front National nicht so stark wäre, wäre ich in Anbetracht von Macron und seinen Kandiaten als Franzose momentan sehr stolz auf mein Land. Ich drücke ganz feste die Daumen, dass es klappt! Frankreich und Europa brauchen genau das, bitte mehr davon!
susuki 10.06.2017
4.
Wenn Macron mit Quereinszeiger eine ordentliche Hausmacht bekommt werde ich mich vor ihm verneigen.
kleinbürger 10.06.2017
5. macron
"neue macher", also quereinsteiger sind immer zielscheibe der profi-politiker und weil unerfahren anfällig sich selbst zu fall zu bringen, trump ist das beste aktuelle beispiel. abwarten ob macron sich am himmel aller sehnsüchte halten kann oder als bettvorleger endet.
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