Regionalwahl in Frankreich Sarkozy bockt, Le Pen frohlockt

In Frankreich steht die zweite Runde der Regionalwahl an - und die Nerven liegen blank. Eigentlich müssten die demokratischen Parteien gegen Le Pens rechten FN paktieren. Doch da macht Sarkozy nicht mit. Der Überblick.

AFP

Was für eine Woche in Frankreich! Ein sozialistischer Premier, der öffentlich die Wähler der Linken aufruft, für die konservative Opposition zu stimmen. Dazu heftiger Streit im Lager der Republikaner, Beschimpfungen, Verleumdungsklagen. Und ein rechter Front National (FN) um Chefin Marine Le Pen, der sich die Hände reibt: Die Tage vor dem zweiten Durchgang der französischen Regionalwahlen waren voll von heftigen Querelen - vor allem innerhalb der etablierten Parteien.

Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Worum geht es am Sonntag?

Im ersten Durchgang hat keiner der Kandidaten die Mehrheit erreicht. Beim zweiten Votum entscheidet nun die höchste Stimmenzahl. Das führte zu Listen-Fusionen im linken wie im rechten Lager.

Doch trotz des "Schocks" vom vergangenen Wochenende, als die rechte FN-Truppe um Le Pen sechs von 13 Regionen eroberte, konnten sich Sozialisten (PS) von Präsident François Hollande und die Republikaner (LR) von Nicolas Sarkozy nicht auf eine gemeinsame "republikanische Union" gegen den FN einigen.

Kann der FN damit seinen Erfolg sichern?

Nicht unbedingt. "Wir können drei Regionen gewinnen oder überhaupt keine", sagt FN-Generalsekretär Nicolas Bay. Zwar liegt die FN-Chefin Marine Le Pen nach dem ersten Wahlgang (40,64 Prozent) im Norden mit gut 15 Prozent vor dem konservativen Konkurrenten und Nichte Marion Maréchal-Le Pen liegt mit ähnlichen Werten im Süden vorn.

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Marine Le Pen und der Front National: Radikal seriös
In beiden Regionen jedoch haben die sozialistischen Kandidaten auf Weisung der PS-Zentrale ihren Verzicht erklärt. Deswegen könnte es dort nun für die konservativen Konkurrenten reichen - nach den jüngsten Umfragen liegen die Vertreter der Republikaner vor den FN-Frauen.

Warum der Rückzieher der Sozialisten?

Als "Dammbau" gegen den Front National: Abgewatscht im ersten Wahlgang und landesweit an dritter Stelle hinter Front National und Republikanern, hat die PS dort verzichtet, wo der FN deutlich in Führung liegt und die Sozialisten keine Aussicht auf Erfolg hätten.

Premier Manuel Valls forderte die PS-Wähler auf, aus "republikanischer Verantwortung" für Sarkozys Republikaner zu stimmen. Offen ist, ob sich die PS-Wähler an die Empfehlungen halten.

Wie reagierte die linke Basis?

Mit Zähneknirschen. In der Großregion Ost (Elsass-Champagne-Ardennen-Lothringen) gab es sogar offenen Widerstand. Dort verweigerte sich der sozialistische Spitzenkandidat dem Erlass aus der Parteiführung. Daraufhin wurde dem Genossen das PS-Label aberkannt. Die Folge: Weil sich die Stimmen nun auf drei Listen verteilen, hat FN-Vizechef Florian Philippot gute Aussichten, im Osten zu siegen.

Wo hoffen die Sozialisten auf Zuwachs?

Vor allem in der Bretagne und dem Großraum Südwest am Atlantik dürften die Sozialisten ihren Erfolg vom ersten Durchgang festigen. Im Großraum Paris liegt der PS-Kandidat, der mit Linken und Grünen fusionierte, Kopf an Kopf mit der Kandidatin der Republikaner. Insgesamt hoffen die Sozialisten sogar in bis zu neun der 13 Regionen auf knappe Siege - die PS verbündete sich vielerorts mit Formationen der Linken und Grünen.

Wie ist die Strategie der Republikaner?

Kompromisslos. Eine Einheitsfront mit den Sozialisten hat LR-Chef Sarkozy für den zweiten Wahlgang ausgeschlossen. Seine Linie: Auch wenn der Front National in Führung liegt - weder gemeinsame Listen mit den regierenden Sozialisten, noch Rückzug zu Gunsten der PS-Kandidaten. Sarkozys Linie ist parteiintern jedoch umstritten.

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Wahlen in Frankreich: Sarkozy im Handshake-Modus
Welche Aussichten haben die Republikaner?

Nach der Schlappe vom vergangenen Sonntag könnten die Konservativen und ihre Zentrumspartner in der Normandie künftig den Präsidenten stellen, rechnerisch möglich ist auch ein Sieg in der Region Pays-de-la-Loire wie in der Auvergne-Rhône-Alpes. Selbst mit drei Vertretungen bliebe die Wahl für Hoffnungsträger Sarkozy eine Niederlage.

Wem nützt eine mögliche stärkere Wahlbeteiligung?

Vor allem den Linken. Nachdem am vergangenen Sonntag nur jeder zweite wahlberechtigte Franzose zur Urne ging, hoffen die Sozialisten auf die Mobilisierung ihrer frustrierten Genossen. Bei den Konservativen und Zentristen ist das Wählerpotenzial weitgehend ausgeschöpft. Der Front National setzt, nach dem Erfolg der ersten Runde, auf weiteren Zulauf.

Video: Regionalwahlen in Frankreich - rechtsextremer Front National vorne

REUTERS

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windpillow 12.12.2015
1. Runde 2
Nicht nur Hollande wird am Sonntag Abend wie gebannt auf die Wahl-Ergebnisse warten. Ebenso Frau Merkel und der Rest der europäischen Mächtigen. Denn alle sehen schon ihre Felle davon schwimmen.
brux 12.12.2015
2. Nun ja
Der Artikel ist besser als die Überschrift. Denn Sarkozy liegt sehr richtig, wenn er eine reine Wahltaktik zugunsten der PS-Kandidaten ablehnt. Es ist Le Pens stärkstes Argument, dass die andere Parteien eine Sosse sind und nur der FN eine Alternative bietet. Wenn Sarkozy nun empfehlen würde, sozialistische Kandidaten zu wählen, wo doch die Sozialisten das Land an die Wand fahren, würde er Le Pens Geschäft betreiben. Davon abgesehen, haben die Sozialisten wieder einmal die üblichen weltfremden Apparatchiks ins Rennen geschickt. Diese sind durchweg nicht wählbar.
dr.chucknorris 12.12.2015
3. Bin mir nicht...
...sicher, ob man das gut heißen soll. (Vor)gelebte Demokratie ist das für mich nicht. Die Konfrontation eines politischen Gegners durch Programme und Aussagen ist das auch nicht. Für mich ist das purer Machterhalt und mir schwant schon, dass in Deutschland ähnliches passieren wird, wenn die AFD einmal über die 20% springen wird. Auch wenn wir kein direktes Mehrheitswahlrecht wie die Franzosen haben, kann ich mir gut vorstellen, dass wir auf lange Sicht eine große Einheitskoalition ohne identische Programme haben werden, die nur deswegen existiert um aufstrebende politische Gegner klein zu halten. Ergebnis ist Stillstand und fauler Kompromiss - wie wir es jetzt schon haben.
BettyB. 12.12.2015
4. Nun ja...
Als Nachfahre von Einwanderern setzt Sarkozy anscheinend auf den Sieg der FN. Tja, vielleicht hat er etwas gegen nicht aus dem Adel stammende Schicksalsgenossen...
d.meinung 12.12.2015
5. warum das Erstaunen?
In Frankreich, genauso wie in den meisten europäischen Ländern, haben die etablierten Parteien seit vielen Jahren an den Wünschen und Ängsten der Bevölkerung vorbeiregiert. Man darf sich dann nicht wundern, wenn eine - und leider in Frankreich einzige - Alternative einen rasanten Aufstieg hinlegt. Das Wort 'Demokratie' kommt vom altgriechischen 'Demos' und das bedeutet 'Volk'. Die Front National zu stoppen wäre in Wahrheit recht einfach - man müsste nur den Wählerwillen berücksichtigen. Tut aber niemand, also wird Mme Le Pen vielleicht tatsächlich eines Tages in den Elysee einziehen. Mich schaudert bei dem Gedanken, möglich machen es aber die Sarkozys, Hollandes, Junckers und Merkels Europas.
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