Von Stefan Simons, Paris
Ein "thermonuklearer Korridor" zwischen Erde und Mond, ehemalige Kasernen zu Gefängnissen umrüsten, Verbot von gewalttätigen Videos, Demontage der europäischen Institutionen, Verringerung der Arbeitszeit auf 32 Wochenstunden, Chorgesang für alle: Diese Vorschläge stammen aus den Programmen von Kandidaten für Frankreichs Präsidentenwahl 2012.
Es sind Pläne, Projekte und Phantasien. Doch viel Aussicht auf Erfolg haben diese Visionen nicht. Sie stammen von den sogenannten "kleinen Kandidaten", also den vier Vertretern von extremen Linksparteien oder Randgruppen am rechts-nationalen Rand des politischen Spektrums. Diese Bewerber liegen nicht nur weit abgeschlagen hinter der Tabellenspitze der Umfragen, wo mittlerweile der Sozialist François Hollande vor dem amtierenden Staatschef Nicolas Sarkozy die Führung übernommen hat. Die Exoten rangieren auch hinter dem Mittelfeld der etablierten Konkurrenz - also Marine Le Pen vom rechtsextremen Front National, François Bayrou von der Zentrumspartei Modem, Jean-Luc Mélenchon, dem Volkstribun der Linken Front und Eva Joly von den Grünen.
Ohne Aussicht auf Erfolg kommen die Trotzkisten, Souveränisten oder Nationalisten erst in den letzten zwei Wochen vor dem Wahltermin in den französischen Medien zu Wort: Wenn alle Kandidaten laut Gesetz von Fernsehen und Radio exakt dieselbe Redezeit bekommen müssen; wobei die Nachrichtensender sich auf den Trick verlegen, die Auflage durch lange Wiederausstrahlung von Parteiveranstaltungen einzuhalten - zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden. Die Exoten sorgen zum Ende einer sonst ziemlich apathischen Kampagne zumindest für Abwechslung:
Jacques Cheminade (http://www.cheminade2012.fr)
Der Ex-Beamte, 70, Kandidat der 1996 gegründeten Partei Solidarität und Fortschritt, ist ideologisch schwer zu fassen: Mal verschrien als Sekten-Guru, mal als Antisemit, bezeichnet er sich bisweilen als "linken Gaullisten". Sein Leitmotiv ist der Kampf gegen die Wall Street und die Londoner City. Er ist Absolvent der renommierten Pariser Hochschule für Management, nahm als Vertreter seines Landes an den Verhandlungen zu Frankreichs EU-Beitritt teil. Von 1972 bis 1977 war er Handelsattaché in New York, wo er auf Lyndon LaRouche traf, einen Ex-Trotzkisten und irrlichternden Vertreter, dessen Interessen er in Frankreich verbreiten half. Cheminade ist erbitterter Gegner von Drogen, will den Austritt aus der Nato und den Maastricht-Verträgen, setzt sich ein für die Verbreitung einer Einschienen-Luftkissenschwebebahn.
Der Politiker wettert gegen die sozialen Netzwerke, die zu vergleichen seien mit einem "Konzentrationslager ohne Tränen". Für einen großen Wurf hält der Präsidentschaftskandidat seinen Vorschlag zur "Industrialisierung des Mondes", die zur Basis für "kontrollierte thermonukleare Energieproduktion" werden könnte. Außerdem plädiert Cheminade für die Erforschung des Mars, mit dem Ziel künftig "die Reisezeit zwischen der Erde und dem Roten Planeten auf 15 Tage zu reduzieren" und zwar mittels eines "thermonuklearen Korridors zwischen Erde, Mond und Mars."
Nicolas Dupont-Aignan (http://nda2012.fr)
Der 52-jährige Politiker, Jurist und früher Abgeordneter der regierenden UMP, gründete im Januar 2008 seine eigene Partei "Debout La République"(DLR): Die Formation, übersetzt etwa "Hoch die Republik", beruft sich auf die Tradition von General de Gaulle - und wird dafür im Lager der Konservativen als überflüssiger Dinosaurier verhöhnt, der eher ins politische Wachsfigurenkabinett gehört als in den Wahlkampf.
Der streitbare Gegner der bestehenden Lissabon-Verträge will "dem Volk per Referendum das Wort zurückgeben, bei allen wichtigen Reformen für die Zukunft des Landes" - er nennt das einen "französischen Frühling". Dupont-Aignan fordert einen Umbau der EU-Institutionen und die Rückkehr zum "Franc". Pech für den gelernten Juristen, als er - im Gegensatz zu seiner Behauptung - im TV-Interview einräumen musste, dass die Euro-Zone Wachstum bescherte.
Nathalie Arthaud (www.nathalie-arthaud.info)
Die Lehrerin für Wirtschaftskunde im Pariser Vorort Seine-Saint-Denis geht für die Lutte Ouvrière, LO, (Arbeiterkampf) ins Rennen. Die 44-jährige Trotzkistin steht dabei im Schatten ihrer legendären Vorgängerin Arlette Laguiller, die Dauerkandidatin der LO, die seit 1974 sechsmal vergeblich für die Präsidentschaft kandidierte. Arthaud, überzeugte Feministin, will nicht nur die Abschaffung der Mehrwertsteuer, einen Mindestlohn von 1700 Euro und einen allgemeinen Mietstopp, sondern auch eine neue Verfassung nach dem Vorbild der Pariser Kommune von 1871 - eine nur wenig verklausulierte Forderung nach einer Volkserhebung und der Diktatur des Proletariats.
Dass sie vorläufig mit derart radikalen Parolen bei den Wahlen kaum Aussicht auf Erfolg hat, stört sie nicht. "Meine Kampagne beschränkt sich auf den ersten Wahlgang", gesteht sie offen. "Für LO sind die Momente der Wahlen nicht wichtig. Grundlegend sind die Augenblicke, wenn das Volk auf die Straße geht", sagt Arthaud. "Das mag lange dauern, aber das stört mich nicht, ich bin nur ein Glied in der Kette."
Philippe Poutou (http://poutou2012.org)
Der Kandidat der Neuen Antikapitalistischen Partei (NPA), Ex-Trotzkist und Arbeiter bei Ford, tat sich schwer, in die Fußstapfen seines charismatischen Vorgängers Olivier Besancenot zu treten. Der 44-jährige Nachfolger des eloquenten Briefträgers aus Neuilly verblüffte dennoch mit seinen direkten unverbogenen Einlassungen. Er fordert nicht nur die Beschränkung der Arbeitszeit auf 32 Wochenstunden, die Streichung der Schulden sowie die Verstaatlichung der Banken. Zudem will er das Verbot von Entlassungen und Schulnoten. Poutour entlarvte während eines Fernsehauftritts den gängigen Polit-Slang, als er feststellte, dass die sogenannten "Arbeitgeberabgaben" in Wahrheit "Sozialbeiträge" seien.
Mit entlarvender Offenheit und charmantem Lächeln räumte Poutou auch ein, dass ihm die Kandidatur manchmal "total auf den Sack geht" und weiß: "Wenn ich verliere, kehre ich in die Fabrik zurück." Und wenn der Trotzkist gewänne? "Stellen wir uns vor, Poutou würde zum Präsidenten der Republik gewählt. Was wäre seine erste Maßnahme?", wurde sein Vorgänger Besancenot gefragt. "Hm, dann steckt er in der Scheiße", sagt der ehemalige NPA-Kandidat. Poutou reagiert zustimmend: "Stimmt, vorgesehen ist das nicht."
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Präsidentenwahl in Frankreich 2012 | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH