Aus Paris und Tulle berichten Stefan Simons und Mathieu von Rohr
Er lässt sich mehr als eine Stunde bitten: Erst um 21.15 Uhr tritt François Hollande, der Sieger des ersten Wahlgangs, in der Kleinstadt Tulle im Südwesten Frankreichs vor die Presse und vor seine Anhänger - hier ist sein Wahlkreis, hierhin zog er sich für das Wahlwochenende zurück, und hier genießt er nun seinen ersten Platz vor seinem begeisterten Heimpublikum.
Er betritt unter dem gewaltigen Jubel einiger hundert Anhänger eine Sporthalle und stellt sich vorsichtig lächelnd an sein Rednerpult: neben ihm die französische und die europäische Flagge, hinter ihm steht in riesigen Lettern: "C'est maintenant" - "es ist jetzt." Das war sein Wahlkampfslogan: "Der Wandel ist jetzt."
Er strahlt, aber er triumphiert nicht. Er will wie ein Präsident wirken. Er spricht aus der Provinz zum ganzen Land: "Die Franzosen sind in großer Zahl zur Wahl gegangen, mit einer außergewöhnlichen Beteiligung." Er lächelt weiter, als er sagt, dass er heute Abend in Führung ist, er dankt seinen Wählern: Ihre Wahl bedeute für ihn eine "Verpflichtung". Er habe seit Monaten konstant sein Programm verkündet und er sei heute in einer guten Ausgangsposition, um der nächste Präsident zu werden. Jubel.
"Ich will einen Sieg, einen schönen Sieg"
Und dann sagt Hollande, was für ihn noch wichtig ist an diesem Abend: Diese Wahl sei eine Strafe für den amtierenden Präsidenten. Niemals habe der Front national (FN) so viele Stimmen bekommen wie heute, und das sei ein Signal. Das verlange nach Verständnis, nicht nur nach Verurteilungen. Er wolle der Kandidat aller Franzosen sein, die nun ein neues Kapitel eröffnen wollten. Hollande sagt: Er wolle die Menschen zusammenbringen, und zwar so viele wie möglich. Und als er von ihren Sorgen spricht, erwähnt er nicht nur die Ungleichheit, sondern auch die Unsicherheit.
"Ich will einen Sieg, einen schönen Sieg", sagt er am Ende, die Anhänger brüllen vor Begeisterung, er steht etwas steif am Bühnenrand und winkt seinen Freunden und den Fernsehkameras zu. Als er dann zu seinen Fans geht, um ihnen die Hände zu schütteln, kommt es zum Tumult, und die ihn umringenden Journalisten zertrümmern fast einen Flachbildschirm.
Fast zur gleichen Zeit rast Nicolas Sarkozy in einer schwarzen Limousine durch das nächtliche Paris, er ist auf dem Weg zu seinen Anhängern, die sich im Maison de la Mutualité versammelt haben. Ausgerechnet. Die Auswahl des Saals kommt einem bösen Omen gleich. Das Pariser Art-déco-Gebäude gilt als Traditionstreff von Frankreichs Linken, und nach dem Wahldebakel von 2007 waren die Führer der Sozialisten hier bei einer öffentlichen Tagung mit hässlichen Vorwürfen übereinander hergefallen.
Jetzt, fünf Jahre später, muss Sarkozy ausgerechnet in diesem Saal der bitteren Wahrheit ins Gesicht schauen: Er, der Präsident, ist in diesem Wahlgang nur Zweiter geworden. Am 6. Mai könnte ihm die schmachvolle Abwahl drohen. Doch Sarkozy will kämpfen - das macht er vor seinen Anhängern deutlich.
Als Sarkozy kurz vor 22 Uhr vor seine Fans tritt, gibt er sich kämpferisch und in Siegerpose und schaltet gleich auf Kampagnenmodus. Runde zwei: Sicherheit, Schutz der Grenzen, Bewahrung des Lebensstils, benennt er seine Lieblingsthemen, die die nächsten zwei Wochen bestimmen sollen.
Sarkozy empfiehlt sich als erfahrener Steuermann
"Es geht um das Projekt und um die Persönlichkeit, die Frankreich während der nächsten fünf Jahre führen wird", sagt Sarkozy und empfiehlt sich selbst als erfahrener Steuermann in der Krise. "Ich kenne das Gewicht des Amts, ich kenne die Pflichten." Und dann öffnet er die politische Trickkiste und fordert seinen Gegner Hollande - ohne ihn beim Namen zu nennen - zu gleich drei großen Debatten im Fernsehen heraus. Über die Wirtschaftspolitik, über die Gesellschaft und über internationale Beziehungen: "Damit jeder Franzose weiß, wer wo steht."
Der feurige Appell ist nötig. Denn im Lager der Sarkozy-Fans herrscht Verunsicherung. Das Ergebnis des ersten Wahlgangs lässt die Analysten von Sarkozys Partei, der UMP, für den zweiten Durchgang nichts Gutes erahnen. Die Mobilisierung der letzten Tage hat zwar für eine mit gut 80 Prozent frappierend hohe Beteiligung gesorgt; überraschend ist jedoch, dass der (noch) amtierende Präsident davon nur wenig profitierte.
Die eigentliche Sensation des Abends ist das Abschneiden von Marine Le Pen. Die Chefin des rechtsextremen Front national übertrifft mit gut 18 Prozent nicht nur den "historischen Rekord" ihres Vaters Jean-Marie von 2002, sondern sie hat sich damit auch endgültig als dritte Kraft im politischen Universum Frankreichs etabliert. Im Saal Equinoxe im 15. Arrondissement von Paris fliegen an diesem Abend die Champagnerkorken, es herrscht ausgelassene Jubelstimmung. Ganz vorn in der ersten Reihe der Jubler sitzt der alte Jean-Marie Le Pen und freut sich über den Triumph seiner Tochter.
Hollande könnte die "Anti-Sarko"-Stimmung helfen
Paradoxerweise dürfte Sarkozy vom Triumph der rechtsradikalen Marine Le Pen bestenfalls nur teilweise profitieren: Sein harter Rechtskurs, der wie 2007 darauf abzielte, Wähler aus dem FN-Lager abzusaugen, hat eher dazu geführt, dass sich Sympathisanten für einen stramm nationalen Kurs gleich für das Original Len Pen entschieden statt für die Kopie Sarkozy. Damit ist mehr als zweifelhaft, ob und zu welchem Teil der Le-Pen-Stimmenanteil bei der zweiten Runde am 6. Mai auf dem Konto des Präsidenten niedergehen wird.
François Hollande hingegen könnte die weitverbreitete "Anti-Sarko"-Stimmung helfen: Er kann nicht nur auf die Stimmen der Grünen setzen, deren Kandidatin Eva Joly nach einer apathischen Kampagne gerade zwei Prozent einfuhr. Er darf sich auch sicher sein, dass die Wähler der Linken Front unter Jean-Luc Mélenchon, der mit 11,1 Prozent unter den Erwartungen blieb, mit überwiegender Mehrheit für Hollande stimmen werden. Mélenchon gab noch am Abend die Losung an seine Sympathisanten aus: "Unser Verantwortung heißt - am 6. Mai muss Sarkozy geschlagen werden." Das dürfte genauso gelten für die Anhänger der anderen Parteien von Linksaußen - Trotzkisten wie Antikapitalisten: "Im Zweifel schlägt das Herz links", sagt ein Anhänger von Nathalie Arthaud, Kandidatin der Lutte Ouvrière.
Ministerpräsident François Fillon gab mit einer kurzen Ansprache den Auftakt zum jetzt folgenden zweiten Kapitel der Kampagne. "In schwierigen Zeiten brauchen wir einen starken Mann", so der Premier, "schart euch am 6. Mai um den Präsidenten." Die aufmunternden Worte klangen fast wie ein Nachruf.
Im Maison de la Mutualité wollen sich die Anhänger von Sarkozy derweil nicht geschlagen geben. "Wir werden siegen", skandiert die Parteijugend im überheizten Kuppelsaal. "Das Rennen ist noch nicht verloren", meint ein Sarkozy-Berater angesichts der Vorschusslorbeeren, "aber gewonnen ist es auch noch lange nicht."
Sarkozy dankt es seinen Fans mit Komplimenten - "Ihr wart großartig, ich bin stolz auf euch" - und gelobt: "Ab morgen sind wir wieder unterwegs."
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