Spezialeinheit in Mali: Frankreichs Schattenkrieger

Von , Paris 

Forces Spéciales: Frankreichs Elitesoldaten Fotos
REUTERS

Eine französische Elitetruppe ist schon seit Monaten in Mali. Die "Forces Spéciales" wurden bereits im Herbst 2012 still und heimlich stationiert. Sie gelten als Experten für heikle Operationen. Eines verhinderten sie aber offenbar nicht: dass malische Soldaten gegen Menschenrechte verstoßen.

Sie kamen unauffällig, fast geheim. Die ersten französischen Einheiten waren schon vor mehr als vier Monaten in Mali aktiv, zurückhaltend agierende Militärs, die bereits im Herbst 2012 ihre Einsatzorte erreichten. Diskret eingeflogen wurde eine Hundertschaft der Forces Spéciales und an strategischen Punkten meist außerhalb der Hauptstadt Bamako stationiert. Ihre Aufgabe: unterstützt von Aufklärungsmaschinen der Marine und elektronischen Horchanlagen im benachbarten Niger die islamistischen Rebellen im besetzten Norden Malis auszuforschen.

Offiziell erklärte Paris die Präsenz der Soldaten mit der Ausbildung von Malis maroden Streitkräften. Denn nach den Erfahrungen des zehnjährigen Einsatzes in Afghanistan und unter dem Druck von Budgetkürzungen wollten die Militärs allenfalls im Rahmen einer multilateralen Operation am Ort eingreifen. Jeder Alleingang, so fürchteten Experten, könnte angesichts der kolonialen Vergangenheit als "imperialistische Geste" interpretiert werden und wäre obendrein eine Gefahr für die von den Islamisten festgehaltenen Geiseln. Frankreichs Einsatz könne nur in "logistischer Hilfe" bestehen, beteuerte seinerzeit Verteidigungsminister Jean-Yves Le Drian.

Der überraschend schnelle Vormarsch der Dschihadisten, der vorübergehend die Übergangsregierung in Bamako bedrohte, warf alle Planungen über den Haufen, Präsident François Hollande entschloss sich zur Intervention. Die Ersten, die nach der Offensive der Rebellen in Marsch gesetzt wurden und mit der Luftwaffe den Durchbruch bei Konna stoppten, waren die Männer der Forces Spéciales. Seither sind sie immer wieder an vorderster Front, gerade bei Gefechten, die als "Kampf Mann gegen Mann" beschrieben werden.

Derzeit kämpfen die Franzosen in Mali aber nicht nur gegen Islamisten - sie haben zudem ein Problem mit einem vermeintlichen Verbündeten: Malische Soldaten sollen gegen Menschenrechte verstoßen haben. Es soll außergerichtliche Hinrichtungen vor allem in den Städten Sevaré und Mopti gegeben haben. Verteidigungsminister Drian forderte Verantwortliche der malischen Armee auf, "außerordentlich wachsam" zu sein. Die für humanitäre Hilfe zuständige EU-Kommissarin Kristalina Georgieva bezeichnete die Berichte als "sehr besorgniserregend".

"Operativ sind diese Kräfte eher ein Handicap"

Zunächst waren rund 800 französische Soldaten beim Einsatz in dem westafrikanischen Land, das im Militärjargon schon als "Malistan" qualifiziert wird, zu ihnen sind weitere 1500 Mann gestoßen. Maximal ist zurzeit ein Kontingent von 2500 Soldaten vorgesehen. Zwar sollen Hilfstruppen aus den afrikanischen Nachbarstaaten das Aufgebot der Franzosen verstärken, wobei möglicherweise deutsche Maschinen eingesetzt werden. Doch ihre Präsenz hat bestenfalls symbolische Bedeutung: Damit wird politische Solidarität signalisiert, so ein Militärexperte im Magazin "L'Express" über die bunt zusammengewürfelte Truppe aus Togo, Benin, Nigeria, Niger, Burkina Faso und Senegal: "Operativ sind diese Kräfte eher ein Handicap."

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Die Hauptlast der Kämpfe, die sich am Donnerstag noch immer auf die Städte Diabali und Konna konzentrierten, liegt weiter bei Frankreichs Soldaten und den Forces Spéciales, die wichtige Orte am sogenannten Schwanenhals kontrollieren - jener Region zwischen dem Norden und dem Süden, wo die bewaldeten Gegenden entlang des Niger-Flusses in die zunehmend trockenen Wüstenregionen übergehen. Gestützt auf gepanzerte Patrouillenfahrzeuge, die über Kanonen vom Kaliber 12,7 Millimeter verfügen, sichern sie die Verbindungsrouten nach Norden.

Die Männer sind die Elite der Streitkräfte. Direkt dem Generalstab unterstellt, handverlesen und geheimnisumwittert - Fotos und TV-Aufnahmen der Schattenkrieger sind meist gepixelt, um die Identität der Militärs zu schützen. "Unsere Forces Spéciales", so ihr Chef Christophe Gomart, "sind ein Bollwerk gegen den Terrorismus."

Operationen unter strengster Geheimhaltung

Gegründet 1992, nach dem ersten Golfkrieg, und ausgerichtet nach dem Vorbild der amerikanischen oder britischen Special Forces, setzen sich die Soldaten vom Kommando der Sonderoperationen (COS) je nach Bedarf aus allen Waffengattungen zusammen: Zu ihnen zählen Fallschirmspringer und Spezialeinheiten aus den Luftlandetruppen des Heeres, Kommandos der Marine und deren Gruppe für Anti-Terror-Einsätze und Geiselbefreiung, sowie Fallschirmspringer und eine Hubschrauberstaffel der Luftwaffe. Mit im Einsatz sind zudem Männer der Interventionsgruppe der Gendarmerie oder Vertreter aus der operativen Einheit des Auslandsgeheimdiensts DGSE.

Die Einheit verfügt über die beste Ausbildung, modernste Ausrüstung, schnelle Schlauchbote und Mini-U-Boote inklusive. Abgesetzt aus Hubschraubern oder Transportmaschinen, agieren die Spezialisten bei riskanten Einsätzen - Anti-Terror-Aktionen, Evakuierung, Festnahme von Kriegsverbrechern oder Sicherung von strategischen Objekten.

Die Kommandos können unabhängig von den Bewegungen der normalen Streitkräfte operieren, im Rücken des Feindes und unter strenger Geheimhaltung. Die Einsätze mit poetischen Codenamen wie "Amaryllis", "Türkis" oder "Azalee", unterliegen der Geheimhaltung, Einzelheiten werden selten bekannt.

COS-Kämpfer griffen 2003 während des Bürgerkriegs in Liberia ein, als französische Bürger vom umkämpften Flughafen Monrovia ausgeflogen wurden. Oder ein Jahr später, als Paris während der Aufstände in der Elfenbeinküste die Evakuierung der bedrohten französischen Citoyens aus der Hauptstadt Abidjan anordnete. "Es ging um Minuten", erzählten die Geretteten später.

Insgesamt haben die COS-Kräfte rund 1300 solcher Einsätze abgewickelt. Im Mai 2003 gehören die Einheiten zum Vorauskommando, das nach den ethnischen Massakern im Kongo den Flughafen in Bunia sicherte und damit die Vorbereitungen für den Einsatz der Operation "Artemis" schuf - die Entsendung von 1500 EU-Soldaten zum Schutz Tausender ziviler Flüchtlinge. In Afghanistan kämpfen die COS-Kommandos an der porösen Grenze nach Pakistan.

Zu den spektakulären Erfolgen gehört die Festnahme von somalischen Piraten 2008, die zuvor den Dreimaster "Le Ponant" im Golf von Aden gekapert hatten.

Debakel in Somalia

Bei Einsätzen zur Geiselbefreiung mussten die Elitesoldaten allerdings auch herbe Misserfolge einstecken. Bei Einsätzen in Mali und Niger kamen die verschleppten Franzosen ums Leben. Zum Debakel geriet auch das Kommandounternehmen in Somalia in der vergangenen Woche, bei dem ein seit drei Jahren gefangener Geheimdienstmann befreit werden sollte. Die Aktion gegen die Schabab-Milizen endete mit dem Tod der Geisel; zwei weitere französische Soldaten kamen ums Leben.

Unterstützt werden die Forces Spéciales mittlerweile durch Einheiten der Licorne-Truppen, die seit 2011 in der Elfenbeinküste stationiert waren. Diese Einheiten verfügen über bewegliche Gefechtsfahrzeuge und Radpanzer vom Typ "Sagaie", die für den schnellen und mobilen Einsatz entwickelt wurden. Dank ihrer 90-Millimeter-Kanonen können sie feindliche Fahrzeuge in zwei Kilometer Entfernung treffen. Unterstützt werden die Elitekräfte durch die Luftwaffe, die Waffen-, Munitionsvorräte und Benzinlager rund um die Städte Gao und Timbuktu bombardieren. "Man muss die logistische Basis der Rebellen im Hinterland zerstören", sagt Vincent Desportes gegenüber dem Internetdienst des Magazins "Le Nouvel Observateur".

Eine Voraussage über den Ausgang der Kämpfe will der ehemalige Direktor der französischen Kriegsakademie, der die Dschihadisten als "intelligent und kämpferisch" einschätzt, freilich nicht wagen. "Das kann Stunden dauern oder Jahre."

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insgesamt 50 Beiträge
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1. Falsches Thema
mc6206 24.01.2013
Zitat von sysopREUTERSEine französische Elitetruppe ist schon seit Monaten in Mali. Die "Forces Spéciales" wurden bereits im Herbst 2012 still und heimlich stationiert. Sie gelten als Experten für heikle Operationen. Eines verhinderten sie aber offenbar nicht: dass malische Soldaten gegen Menschenrechte verstoßen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreichs-forces-speciales-elitetruppe-im-mali-einsatz-a-878310.html
Bitte mal halblang. Wieder einmal eine seltsame Gewichtung. Wieso schreiben Sie nicht: Eines verhinderten sie aber offenbar nicht: dass Terroristen Teil des Landes übernehmen konnten. Auch eine Elitetruppe kann nicht überall sein und solche Massaker verhindern.
2. Elitetruppe
kdshp 24.01.2013
Zitat von sysopREUTERSEine französische Elitetruppe ist schon seit Monaten in Mali. Die "Forces Spéciales" wurden bereits im Herbst 2012 still und heimlich stationiert. Sie gelten als Experten für heikle Operationen. Eines verhinderten sie aber offenbar nicht: dass malische Soldaten gegen Menschenrechte verstoßen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreichs-forces-speciales-elitetruppe-im-mali-einsatz-a-878310.html
Und im afghanistan konnten sie das auch nicht bei französichen soldaten verhindern! Es gibt in jeder arme und jedem krieg soldaten aller die gegen menschenrechte verstoßen so ist das nun mal.
3.
Onkel_Karl 24.01.2013
Zitat von sysopREUTERSEine französische Elitetruppe ist schon seit Monaten in Mali. Die "Forces Spéciales" wurden bereits im Herbst 2012 still und heimlich stationiert. Sie gelten als Experten für heikle Operationen. Eines verhinderten sie aber offenbar nicht: dass malische Soldaten gegen Menschenrechte verstoßen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/frankreichs-forces-speciales-elitetruppe-im-mali-einsatz-a-878310.html
Frankreich ist gerade mal paar Wochen in Mali und schon kommen sehr unschöne Sachen ans Licht, wie die Franzosen und ihre Schattenkrieger mit ihren Gegnern umgehen oder mit mutmaßlichen Terroristen,da wird nicht lange geredet und offen Rache verübt. Die Armee in Mali hat vor knapp einem Jahr die Regierung gestürzt und so erst den ganzen Chaos ermöglicht. Die Armee besteht aus vielen Ethnien die seit langer Zeit verfeindet sind und jetzt wird Rache an den Gegnern verübt. Wie französische Meiden selbst berichten wurden mehrere Verbrechen seitens angeheuerter Kämpfer gegeben die mehrere Menschen hingerichtet haben weil sie alte Rechnungen begleichen wollten. Es dauert nicht lange und die Malis selbst werden zu Waffen greifen und gegen Franzosen kämpfen,denn so rosig und friedlich ist die Situation und die Bevölkerung gegenüber den Franzosen bei weitem nicht. Und wenn man auch noch dazu in paar Wochen geschafft hat Exekutionen,als eine Art der Kriegsführung zu etablieren,dann gute Nacht Hollande..er will da solange bleiben bis in Mali Demokratie herrscht.
4. Typisch
Beobachter123 24.01.2013
Typische Stimmungsmache. Erst gegen die Existenz der "Sicherheitsbehörden" wettern und im Anschluss das sie ihre Arbeit nicht machen. Wie linke Anarchisten die nach ihren Grundrechten schreien :)
5. optional
aeronaut79 24.01.2013
Wie sollten die französischen Truppen das verhindern? Sie sind auf Wunsch der gewählten malischen Regierung im Land und unterstützen die malischen Regierungstruppen. Die Truppen können Berichte über Menschenrechtsverletzungen weiterleiten und somit politische Gespräche darüber verursachen. Aber verhindern? Mali ist ein souveräner Staat, wie sollen befreundete Truppen solche Taten verhindern?
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Mali: Gefährlicher Militäreinsatz im Krisenland

Bevölkerung: 15,370 Mio. Einwohner

Fläche: 1.240.194 km²

Hauptstadt: Bamako

Staatsoberhaupt:
Ibrahim Boubacar Keita

Regierungschef: Moussa Mara

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