Frankreichs Justizministerin Sarkozys stürmische Selfmade-Ministerin

Die Frau ist wie ein Sechser im Lotto. Frankreichs neue Justizministerin Rachida Dati vereint in ihrer Person all die Eigenschaften, die der neue konservative Präsident Sarkozy im Wahlkampf heraufbeschworen hat.

Von Kim Rahir, Paris


Paris - Rachida Dati, 41, ist eine Selfmade-Frau, der nichts vorbestimmt war, sondern die sich alles erkämpft und erarbeitet hat. Dass sie dabei auch noch aus einer maghrebinischen Einwandererfamilie stammt, macht sie zu einer idealen Symbolfigur für die von Nicolas Sarkozy gepredigte Öffnung und Wendung, die Frankreich und die Franzosen seiner Ansicht nach praktizieren sollen. Dati hat kaum politische Erfahrung, sie hat sich weder in der Partei noch in der Justiz mühselig hochgedient. Dass sie dennoch eines der ganz großen Ministerien bekam, unterstreicht, wie ernst es Sarkozy mit seiner Betonung von Kompetenz und seinem Hang zu positiver Diskriminierung ist.

Frankreichs neue Justizministerin Rachida Dati: Unverhohlener Ehrgeiz
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Frankreichs neue Justizministerin Rachida Dati: Unverhohlener Ehrgeiz

Dabei hat sicher auch geholfen, dass Dati und Sarkozy sich sehr ähnlich sind: Beide eint eine unglaubliche Entschlossenheit, unverhohlener Ehrgeiz und die feste Überzeugung, dass jeder es aus eigener Kraft schaffen kann. Anfang des Jahrtausends begann Sarkozy, diese Eigenschaften ungehemmt als Tugenden zu preisen - und seither ist Dati ihm hundertprozentig ergeben. Sie war es, die ihm 2002 schrieb und erklärte, sie wolle für ihn arbeiten. Als er 2004 Wirtschafts- und Finanzminister wurde, kam sie als Beraterin zu ihm ins Kabinett. Das hatte sie nicht nur ihrem an Dreistigkeit grenzenden Mut zu verdanken, Sarkozy ihre Mitarbeit anzubieten, sondern auch ihrer Kompetenz. Denn was den Lebenslauf anlangt, so lässt Rachida Dati nichts zu wünschen übrig.

Aus der Sozialwohnung ins Ministerium

Sie studierte Wirtschaftswissenschaften in Dijon, legte an der renommierten Handelsschule HEC ihren MBA ab und wurde schließlich auch noch Juristin. Obwohl sie sich ihre Studien meist selbst durch Jobs finanzieren musste, hat sie doch immer auf Unterstützung großer Persönlichkeiten gesetzt. Legendär ist mittlerweile ihre "Kommandoaktion" von 1987: Sie ergatterte eine Einladung zum Nationalfeiertag in der algerischen Botschaft in Paris, wo sie ohne Umschweife auf den damaligen Justizminister Albin Chalandon zuging und ihn in einem Gespräch von wenigen Minuten davon überzeugte, sie unter seine Fittiche zu nehmen. Bei Datis Amtseinführung Mitte Mai war der mittlerweile 87-Jährige im Ministerium an der Place Vendôme selbstverständlich dabei.

Der Weg, den die zierliche Frau mit den dunklen Haaren und den feurigen Augen bis zu ihrem Einzug in das Ministerium an einem der elegantesten Plätze der französischen Hauptstadt zurücklegte, könnte kaum weiter sein. Sie wuchs in einer Sozialwohnung in der Vorstadt von Chalons-sur-Saône in Burgund auf, als zweitältestes Kind von insgesamt zwölf Geschwistern. Ihr Vater ist ein Maurer, der 1963 aus Marokko nach Frankreich kam, ihre mittlerweile verstorbene Mutter war Algerierin. 18 Kinder brachte die Mutter zur Welt, zwölf davon überlebten - und um die kleinen Geschwister kümmerte Rachida sich von Beginn an. Seit die Mutter 2001 starb, haben die ältesten Schwestern die Führungsrolle im Clan übernommen, Datis rund zwei Dutzend Neffen und Nichten eingeschlossen. Doch dass die Lebens- und Familienverhältnisse ihren Weg vorbestimmten, kam für Dati nie in Frage. "Ich hatte Angst vor Determinismus. Ich musste etwas anderes erreichen", sagte sie in einem Interview.

Klar, dass sie hoch hinaus wollte

Und fing dabei klein an. Mit 14 verkaufte sie Kosmetika von Tür zu Tür, mit 16 arbeitete sie als Krankenschwester im Krankenhaus. Damals begann sie ihrer eigenen Erzählung zufolge, Zeitungen und Zeitschriften aus den Wartezimmern mit nach Hause zu nehmen. Sie las alle Geschichten aus dieser fremden Welt, der sie einmal angehören wollte, sog alles in sich auf, kannte Namen und Funktionen. Schon damals war klar, dass sie hoch hinaus wollte. Statt billige Klamotten zu tragen, teilte sie sich mit ein paar Freundinnen teure Designerkleidung. Komplexe hatte sie schon damals nicht.

Viel Selbstvertrauen wird sie dabei auch in ihrem neuen Ministerium brauchen. Die französische Justiz liegt - gelinde gesagt - am Boden. Der Justizskandal von Outreau, wo Unschuldige reihenweise in einem Pädophilie-Prozess von den Mühlen der Justiz gnadenlos zerrieben wurden, hat tiefe Wunden geschlagen. Viele Gerichte sind hoffnungslos überladen - genauso wie die Gefängnisse. Oft verzichten Richter auf die Verhängung von Haftstrafen, weil ohnehin kein Platz in den Gefängnissen ist. Die Haftbedingungen in Frankreichs Anstalten gehören dabei zu den schlimmsten in ganz Europa. Diese Probleme muss die 41-Jährige ehemalige Staatsanwältin schnell in Angriff nehmen. Genauso wie Sarkozys "Steckenpferde", die Änderung des Strafrechts für minderjährige Wiederholungstäter und den Kampf gegen die Rückfälligkeit.

Eine Nacht im Gefängnis

Ein gewaltiges Programm für die Frau, die im Wahlkampf Sarkozys Sprecherin war. Doch sie zeigt keine falsche Schüchternheit. Gleich nach ihrer Ernennung verbrachte sie eine ganze Nacht in einem Gefängnis, um sich vor Ort über die Verhältnisse zu informieren. Und an einem Sonntagmorgen besuchte sie das Gericht der Pariser Vorstadt Créteil - sie selbst war einst stellvertretende Staatsanwältin in der Banlieue von Evry. In Créteil sprach sie mit den Richtern der Wochenendbereitschaft, zeigte ihre Kenntnis der Materie und nahm die Sorgen einer einstigen Vorgesetzten über die geplante Minderjährigen-Reform zur Kenntnis. "Ich wollte ihr vor allem sagen, dass meine Tür immer für ein Gespräch offen steht."

Offenheit, das ist die Botschaft, die Dati repräsentiert. Die darf allerdings nicht mit Nachgiebigkeit verwechselt werden. "Hier geht es jetzt richtig zur Sache", sagte ein Ministeriumsmitarbeiter anonym in einem Interview. Aber die Furcht der Einwanderer, ein Präsident Sarkozy werde gnadenlos und geleitet von Vorurteilen gegen sie vorgehen, hat durch die Ernennung der Justizministerin einen Teil ihrer Grundlage verloren.

Und auch als "Alibi-Araberin" kann Dati nicht abgetan werden, denn immerhin hat sie eines der sogenannten "Königsministerien" bekommen. So geschickt ist diese Ernennung, dass die Linke schon neidisch ist. Jacques Attali, einstiger Berater des sozialistischen Präsidenten François Mitterrand, der als Chef der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung ein Jahr lang in London mit Dati arbeitete, bedauert ganz offen, "dass die Linke das nicht hingekriegt hat, entweder mit ihr oder mit jemand anderem, der so ist wie sie".



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