Frankreichs Ministerinnen Die Waffen der Sarkozetten

11 zu 21 steht es für die Frauen im Elysée-Palast - und dank großartig inszenierter Auftritte stellen sie ihre männlichen Kollegen regelmäßig in den Schatten. Einige wagen sogar Widerspruch gegen ihren omnipräsenten Präsidenten Nicolas Sarkozy.

Von Henning Lohse, Paris


Das Versprechen klang, wie so oft bei Nicolas Sarkozy, großartig. "Ich werde in meine Regierung gleich viele Frauen und Männer aufnehmen", kündigte der Wahlkämpfer vollmundig an. Das war im Frühjahr 2007. Der Kandidat Sarkozy befand sich im Rennen um den Elysée-Palast auf der Zielgeraden, und sein Kontrahent war eine Frau. Nach dem Wahlsieg über die Sozialistin Ségolène Royal aber sündigte der selbsternannte Kämpfer für Frauenstimmen und Frauenrechte.

Kabinett Sarkozy: Die Damen setzen sich durch - soweit der Übervater es zulässt
AFP

Kabinett Sarkozy: Die Damen setzen sich durch - soweit der Übervater es zulässt

Einmal im Elysée installiert, hielt der Präsident Sarkozy seine Zusage zur Frauenquote nicht ein. Als sich seine handverlesene Regierungsmannschaft dem Wahlvolk stellte, standen elf Damen 21 Männern gegenüber. Frankreichs Wählerinnen werteten das - trotz des gebrochene Wahlversprechens - als Erfolg.

Tatsächlich landete Sarkozy mit seinen Ministerinnen und Staatssekretärinnen einen Überraschungscoup, der anhält. Am Ende des ersten Amtsjahres haben Sarkozys Regierungsdamen sich in der politischen Landschaft Frankreichs etabliert. Dabei sind die Politladys dank prägnanter Auftritte deutlich präsenter als die meisten ihrer männlichen Kollegen.

Sarkozys Image braucht die Frauen

Dem ehrgeizigen Sarkozy, der sehr auf die öffentliche Meinung achtet, ging es bei der Mischung seiner Regierung mehr ums Image als um Gleichberechtigung. Der 53-Jährige wollte sich vor allem vom väterlich auftretenden Vorgänger Jacques Chirac unterscheiden. Deshalb holte Sarkozy Frauen, Jugend, Farbe und Minderheiten in die Regierung. Der Neue will erklärtermaßen "die französische Politik entstauben" - und das ist ihm auch auf spektakuläre Weise gelungen.

Frauen in Frankreichs Kabinett

Inneres Michèle Alliot-Marie
Justiz Rachida Dati
Landwirtschaft Christine Lagarde
Kultur Christine Albanel
Forschung, Hochschule Valérie Pécresse
Gesundheit, Jugend, Sport Roselyne Bachelot-Narquin
Wohnungs- und Städtebau Christine Boutin

Da sowohl die konservative UMP-Partei als auch die Sozialisten noch männergeführte Bastionen sind, setzte Sarkozy bei seiner Damenoffensive notgedrungen auf qualifizierte Seiteneinsteiger. Und die haben im ersten Regierungsjahr ihren Spielraum genutzt, so gut es unter dem omnipräsenten Sarkozy eben geht.

Rachida Dati, 42, die vom Richterposten auf den Stuhl des Justizministers wechselt, hat gegen viele Widerstände eine seit langem überfällige Reform der Justiz angeschoben. Schlagzeilen machte die aus einfachen Verhältnissen stammende Dati vor allem aber mit ihrem Hang zu schönen Roben. Im Dezember 2007 lächelte sie im teuren Dior-Outfit und mit hochhackigen Stiefeln vom Titel der Glamour- und Peoplezeitschrift "Paris-Match". Ihre Mitarbeiter äußerten sich erstaunt, teils schockiert über das Amtsverständnis der Chefin, die linke Tageszeitung "Liberation" ernannte Dati flugs zur "Barbie-Ministerin".

Nicht nur Kleidchen, auch Köpfchen

Solche zwiespältigen Auftritte erlaubt sich Christine Lagarde, 52, nicht. Wenn die Wirtschafts- und Finanzministerin mit Kurzhaarschnitt und Blazer vor die Mikrofone tritt, geschieht das mit damenhafter Eleganz und viel Professionalität. Lagarde hat eine atemberaubende Karriere als Juristin in den USA hingelegt. In der renommierten Kanzlei Baker & McKenzie arbeitete sie sich zwischen 1981 und 2004 bis in die Spitze des Weltvorstands hoch, war am Ende Chefin von 4400 Mitarbeitern in 35 Ländern.

Von ihren europäischen Ministerkollegen erntete die fachlich gut aufgestellte Lagarde schon mal Mitleid, wenn sie vom deutlich kleineren Sarkozy düpiert wird. Etwa, wenn der Präsident beschließt, kurz nach seinem Wahlsieg den skeptischen EU-Kollegen höchstpersönlich die Gründe für das französische Haushaltsdefizit zu erklären - und Lagarde beim Blitzbesuch ihres Präsidenten stumm im Schlepptau mitlaufen muss. Das macht sie ohne mit der Wimper zu zucken. Die ehemalige Synchronschwimmerin der französischen Nationalmannschaft kommt auch unter schwierigen Bedingungen nicht aus dem Takt.

Die Ex-Konkurrenz ist jetzt Innenministerin

Disziplin und Loyalität zum Staatschef gelten auch als Stärke von Michèle Alliot-Marie. Die 62-jährige Vollblutpolitikerin hat unter Chirac bereits fünf Jahre als Verteidigungsministerin gedient, sie wurde sogar als Kandidatin der Konservativen für den Elysée gehandelt. Um die Siegeschancen des rechten Lagers nicht zu schmälern, trat sie nach langem Zögern nicht gegen Nicolas Sarkozy an. Zum Dank erhielt sie nach dessen Wahl das einflussreiche Innenministerium zugesprochen.

Damit sichert sich "MAM", wie sie in der Öffentlichkeit genannt wird, zumindest theoretische Chancen auf das Amt des Staatsoberhauptes. Es ist in Frankreich ein offenes Geheimnis, dass ein amtierender Innenminister als Chef der Geheimdienste Zugang zu vielen nützlichen Informationen hat. Diese delikaten Aktenkenntnisse über Politikerkollegen und Wirtschaftsführer sind nicht von Nachteil beim weiteren politischen Aufstieg. Einer der Vorgänger von "MAM" im Innenministerium hieß übrigens Nicolas Sarkozy.

Auch auf der Ebene der Staatssekretäre hat der gewitzte Sarkozy überrascht, indem er auf die Macht der Frauen setzt. Dabei haben Staatssekretäre in den französischen Politsphären mehr Einfluss als etwa in Deutschland. Sie gelten als vollwertige Regierungsmitglieder, erhalten ein ähnlich hohes Gehalt wie die Minister plus einen Dienstwagen mit Chauffeur. Die Staatssekretäre werden einem bestimmten Minister zugeteilt. Im Ministerrat sind sie nicht vertreten, es sei denn sie werden zu ihrem Aufgabenbereich angehört.



Forum - Wie weiblich ist die Politik?
insgesamt 164 Beiträge
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Seite 1
Robert32 28.04.2008
1.
Zitat von sysopStockholm, Paris, Madrid: Immer mehr Frauen rücken in Europas Kabinette auf. Die neuen Ministerinnen brechen mit alten Klischees - sie besetzen harte Ressorts und befehlen Truppen mit Schwangerschaftsbauch. Wie weiblich ist die aktuelle Politik?
Was verstehen Sie unter "weiblicher" Politik? Wenn damit gemeint ist, dass es sich um Politik handelt, die von Frauen bestimmt wird, ist die Feststellung, dass die Politik weiblicher werde, so korrekt wie nichtssagend. Versteht man unter weiblicher Politik klischeehaft eine "sanftere", "nachhaltigere" und überhaupt konziliantere Linie, lässt sich eine in diesem Sinne "weiblichere" Politik nicht feststellen. Seit Margaret Thatcher ist bekannt, dass Frauen in der Politik ebenso rabiat sind wie Männer.
unomundo, 28.04.2008
2.
Zitat von sysopStockholm, Paris, Madrid: Immer mehr Frauen rücken in Europas Kabinette auf. Die neuen Ministerinnen brechen mit alten Klischees - sie besetzen harte Ressorts und befehlen Truppen mit Schwangerschaftsbauch. Wie weiblich ist die aktuelle Politik?
Komische Frage. So weiblich, wie die Natur es eben zulässt.
annew, 28.04.2008
3.
Zitat von sysopStockholm, Paris, Madrid: Immer mehr Frauen rücken in Europas Kabinette auf. Die neuen Ministerinnen brechen mit alten Klischees - sie besetzen harte Ressorts und befehlen Truppen mit Schwangerschaftsbauch. Wie weiblich ist die aktuelle Politik?
Wie weiblich soll Politik schon sein? Wie weiblich sind denn andere Berufsfelder in denen Frauen tätig sind? Eigentlich eine ziemlich blöde Frage.
Astir01 29.04.2008
4. Was soll diese Frage?
Es gibt gute und schlechte Politik, nachhaltige und kurzsichtige, es gibt welche, die dem Gemeinwohl dienlich ist und andere, die kleinen aber mächtigen Interessengruppen entgegen kommt, aber es gibt weder weibliche noch schwule Politik. Was soll diese Frage also? Soll sie unterschwellig suggerieren, dass Frauen von Politik im Allgemeinen und vom Amt eines Verteidigungsministers ins Besondere keine Ahnung haben? In der Bundesrepublik hatten wir schon Verteidigungsminister die NSDAP- Mitglied (Schröder)und sogar Nationalsozialistischer Führungsoffizier (Strauß) waren, während andere nicht mal Wehrdienst geleistet haben. (Rühe) Ich weiß nicht, nach welchen Kriterien José Luis Rodríguez Zapatero sein Kabinett zusammengestellt hat, möchte aber vermuten, dass es nach Kriterien des politischen Proporz´ geschieht; so wie überall anderswo auch.
Kristian Viesmann, 29.04.2008
5. Politik ist a priori nicht an einen sexus gebunden
Wenn weibliche Politik ein Synonym für nachhaltige, Konfliktfreie Solidarität ist, dann wünsche ich mir viel mehr weibliche Politiker. Mit mehr Augenmerk auf die Bildung, auf gute Familienpolitik, Kindergartenförderung. Sozialpolitik wie man sie sich wünscht. _Aber dem ist nicht so!_ Man schaue sich nur mal an, was unsere Politikerinnen so an MIST fabrizieren - sie stehen den Männern was die Kabale angeht, der Machtgier und Geldgier in nichts nach. Sie sind ja nichtmal subtiler. Politik ist aber a priori nicht an einen sexus gebunden ;).
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