Frankreichs Politiker im Internet Pleiten, Pannen, Peinlichkeiten

Was nützt die schönste offizielle Website, wenn Blogger im Netz garstige Bilder verbreiten? Frankreichs Politprominenz hat jedenfalls ein getrübtes Verhältnis zum Internet. Jeder Tritt in den Fettnapf findet sofort ein Millionenpublikum. Ein besonders dankbares Opfer: Präsident Sarkozy.

Homepage von Präsident Sarkozy: Bockiges, gefährliches Medium

Homepage von Präsident Sarkozy: Bockiges, gefährliches Medium

Von , Paris


Professionell, optisch gelungen, technisch einwandfrei: Wer die Web-Seite des Élysée anklickt, landet auf einer perfekt gebauten Seite, mit Links und Querverweisen auf Agenda, Projekte und Erfolge des Staatschefs. Nach wenigen Sekunden grüßt Nicolas Sarkozy mit der jüngsten Videobotschaft oder dem Mitschnitt nationaler wie internationaler Begegnungen.

Der ansprechende Internetauftritt vermittelt nicht nur den Eindruck einer modernen geführten Administration, er zählt zudem zu den Säulen der präsidialen Propaganda, seit der Kandidat bereits im Wahlkampf mit dem neuen Medium gepunktet hat. Sein Team organisierte damit die Kampagne, bot Informationen zum politischen Programm und sorgte bei Massenversammlungen für den richtigen visuellen Eindruck; Fernsehteams von "Sarkozy-TV" lieferten Bild und Ton in Echtzeit, wenig später schmückten die Highlights die Seite des Kandidaten.

Seither funktioniert das Internet als Transmissionsriemen, längst hat Sarkozy seine eigene Seite bei "Facebook", und neuerdings werden Info-Häppchen aus der politischen Intimsphäre des Staatschefs gar per "Twitter" unters Volk gestreut.

Trotzdem hat sich das Internet für Frankreichs Präsidenten als bockiges, ja bisweilen gefährliches Medium erwiesen - vor allem aber als unberechenbar, zumal im Vergleich zur herkömmlichen Berichterstattung. Die nämlich wird genau überwacht: Die seltenen Pressekonferenzen des Präsidenten sind orchestriert, die Ausflüge in die Provinz abgestimmt und inszeniert.

Säuselnde Hofberichterstattung und holzschnittartige Kritik

Die Medien reagieren mit politischer Demut oder reflexartiger Ablehnung - konservative Zeitungen und Glittermagazine ergehen sich in ergebener Linientreue und säuselnder Hofberichterstattung, Oppositionsblätter überziehen den Präsidenten mit bitterer holzschnittartiger Kritik. Staatsfunk oder -fernsehen ihrerseits werden vom Élysée genau beäugt, und private Sendeanstalten stehen gehorsam stramm, wenn sich der Präsident als Gast zum Abendjournal einlädt.

Ganz anders im Internet. Immer wieder verheddert sich die politische Elite im Netz, werden Indiskretionen, Pannen, Pleiten und Peinlichkeiten im Nu auf Web-Seiten verbreitet - genauso allerdings auch Gerüchte, Halbwahrheiten oder glatte Falschmeldungen. Besonders nachhaltig wirken Videos mit verbalen Ausrutschern oder entlarvenden Geständnissen der Polit-Elite, die, an den traditionellen Medien vorbei, bei Youtube oder Dailymotion für millionenfache Resonanz sorgen.

Längst ein Klassiker etwa der Ausfall von Präsident Sarkozy, der während der Landwirtschaftsausstellung im März vergangenen Jahres einen wenig ehrerbietigen Besucher mit der Bemerkung anfuhr: "Na dann hau ab, du Dummkopf!". Der Schnitzer entlarvte den Staatschef als dünnhäutigen Politiker, seither führt der Clip mit dem ausrastenden Staatschef die Hitliste der politischen Entgleisungen an.

Einen Eklat verursachte unlängst auch Innenminister Brice Hortefeux, der bei einer Veranstaltung der regierenden UMP mit Parteinachwuchs posierte. "Der sieht ja gar nicht wie ein Prototyp aus", juxt der Minister über einen arabischstämmigen Jugendlichen und meint dann zu seiner Entourage: "Einen braucht man immer, einer, das geht. Erst wenn es viele sind, gibt es Probleme."

"Ich bin im Parlament, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr"

Kein Wunder, dass auch die derzeit laufende Debatte über "nationale Identität" eine Reihe von rassistischen Stilblüten produzierte. Nadine Morano, im Kabinett zuständig für Familie und Solidarität, verbreitete am vorletzten Montag erst ihre Definition der idealen islamischen Jugend: "Was ich von einem jungen Muslim erwarte, wenn er Franzose ist", erklärte die Staatssekretärin bei einer Debatte in den Vogesen, "ist, dass er sein Land liebt, eine Arbeit findet, keinen Slang spricht und seine Mütze nicht verkehrtherum aufsetzt."

Derartige Ressentiments beschränken sich freilich nicht auf die Regierung, sondern tauchen auch bei Oppositionspolitikern auf. Manuel Valls, Bürgermeister der Pariser Vorortgemeinde Evry und aufstrebender Sozialist aus der Riege des Mittelbaus, stöhnt beim Gang über den Flohmarkt seiner Gemeinde: "Schönes Bild, dass die Stadt Evry abgibt…" und meint dann zu seinem Begleiter: "Setz mir mal ein paar Weiße hierher, ein paar 'whites', ein paar 'blancos'."

Natürlich werden derartige Geschmacklosigkeiten als "Witz" verharmlost oder als Verdrehungen apostrophiert, die von übelwollenden Internauten "aus dem Zusammenhang gerissen" wurden. Umso entlarvender wirkten daher die versehentlich aufgenommenen Bemerkungen von Rachida Dati, die erst beim TV-Sender M6 und dann im Netz für Furore sorgten. Die ehemalige Justizministerin, wegen ihrer nordafrikanischen Abstammung einst Star von Sarkozys Frauenriege, aber seither in Ungnade gefallen und zur Europaabgeordneten heruntergestuft, ließ sich am Telefon über den wenig glamourösen EU-Alltag aus. "Ich bin im Parlament, ich kann nicht mehr, ich kann nicht mehr", klagt sie, "ich glaube es wird ein Drama geben, bevor ich mein Mandat zu Ende gebracht habe."

Propagandistischer Fauxpas

Mit diesem Geständnis, von Dati als Angriff auf die Privatsphäre getadelt, schaffte es die Ex-Ministerin immerhin in die Negativ-Schlagzeilen. Doch selbst wenn es die Regierung darauf anlegt, mit positiven Botschaften das Volk zu erreichen, enden die Werbeaktionen bisweilen als propagandistischer Fauxpas: Ein fröhlich-frischer Werbespot der konservativen Parteijugend, bei dem Minister und Politpromis zur Schlagermelodie "Wir wollen die Welt verändern" als Playback-Figuren agierten, wurde angesichts von Krise und Arbeitslosigkeit sogar vom Präsidenten gerügt.

"Das ist nicht lustig, sondern lächerlich", schimpfte Sarkozy über den schrägen Clip. Unprofessionell war der Video obendrein: Weil die Produzenten sich nicht nach den Rechten der benutzten Melodie erkundigt hatten, stehen der UMP-Jugend jetzt auch noch Regressforderungen ins Haus. Vorläufig freilich ist die Realsatire noch immer auf der offiziellen Web-Seite zu besichtigen.

Auch mit einer anderen TV-Botschaft hatten die Kommunikationsgurus der Regierungspartei unerwartet Pech. Für die im März anstehenden Regionalwahlen hatten sie einen Werbestreifen gebastelt, der unter dem Motto " Frankreich ändert sich - meine Region auch", eine heile Heimat vorführt: Traute Familienharmonie am Wochenende, moderne Häuser mit Solarpanelen, glückliche Kinder verschiedenster Hautfarbe … "das Frankreich und die Welt von morgen werden wir bauen", raunt dazu eine Frauenstimme aus dem Off.

Doch die schöne neue Welt, das bewies der TV-Sender Canal+, war nicht aufgenommen in den malerischen Gegenden der "France profonde", sondern aus Bildern der US-Agentur Getty zusammengemischt: Ausgerechnet das "Frankreich von morgen" - illustriert mit Fernsehbildern aus Wisconsin und Kalifornien.

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Grand-Duc 27.12.2009
1. Nettes Video
Allerdings wollte ich anmerken, dass ich "Casse-toi, pauvre con" nicht unbedingt als mit "Na dann hau ab, Du Dummkopf" übertragen würde. Der Übersetzer hat es in meinen Augen verharmlost, denn das Wort "con" bezeichnet in der Ursprungsbedeutung das weibliche Geschlecht (ist/war also in etwa äquivalent zu "Möse" [für den Fall einer automatisierten Zensur: hier steht ein Wort, dass sich von "Möwe" in nur einem Buchstaben unterscheidet, dem "S"] oder "Pussi" [Wort wie eine Kosebezeichnung für eine Katze]) und wird gleichbedeutend mit "Arschloch" (9-Buchstaben-Wort für den After) verwendet. Ich würde daher diesen Satz eher mit "Verpiss dich, Arschloch" (9 Buchstaben) übersetzen. Meine Sprachkenntnisse beruhen auf 8,5 Jahren Aufenthalt in Frankreich, in dieser Zeit habe ich auch 8 Jahre ('93-2001) meiner Schulzeit verbracht. Merci pour ce moment d'hilarité, Sarko! :-))
Newspeak, 27.12.2009
2.
Na und? Was soll das journalistisch dokumentierte Gejammer? Man sieht, wie es ist. Die sich als geistig-moralisch ausgezeichnet fühlenden Geld- und Macht"Eliten" ärgern sich, weil ihre Propaganda beim Volk nicht den in ihren Augen rechten Anklang findet, sondern weil dieses sich einen Spaß daraus macht, die Propaganda der Realität gegenüberzustellen und so satirisch zu brechen. Das zeigt einerseits, daß Demokratien im Prinzip genauso arbeiten wie Diktaturen (man denke nur an den Personenkult um irgendwelche "geliebten Führer", sei es hier, in Russland, China oder Nordkorea), andererseits, daß das Internet ein extrem wirksames realdemokratisches Kontrollinstrument ist. Weshalb inzwischen ja auch unter dem Vorwand des Kinderschutzes und des Schutzes von geistigem Eigentum offiziell versucht wird, eine Zensur einzuführen. Einen Vorteil wird die Globalisierung aber wohl haben. So leicht geht das nicht mehr, meine Herren! Sarkozy selbst ist einfach nur lächerlich. Ein aufgeblasener gallischer Hahn. Knapp über Berlusconi auf der Niveauskala.
descartes101, 27.12.2009
3.
---Zitat von Nadine Morano--- "Was ich von einem jungen Muslim erwarte, wenn er Franzose ist", erklärte die Staatssekretärin bei einer Debatte in den Vogesen, "ist, dass er sein Land liebt, eine Arbeit findet, keinen Slang spricht und seine Mütze nicht verkehrtherum aufsetzt." ---Zitatende--- Was ist daran verkehrt? Hört sich eigentlich vernünftig an. Die Richtung stimmt, geht nur nicht weit genug. Der Skandal ist, dass diese elende political correctness jegliche Vernunft überwuchert und erstickt.
abryx 27.12.2009
4. Rechts...
Ich habe auch mehrere (unfreiwillige) Jahre in den 70ern und 80ern in Paris gelebt und schon als Kind festgestellt, das der Franzose an sich kein Blatt vor den Mund nimmt um Minderheiten oder andere Nationalitäten zu defamieren. Als Deutsche waren wir in unserer Nachbarschaft nur die "Nazis". SS-Runen und Hakenkeuze zierten regelmäßig Haus und Auto, persönliche Angriffe und Sachbeschädigungen waren an der Tagesordnung und der Polizei war es völlig egal, im Gegenteil - die grinsten sich einen und machten sich auch noch darüber lustig. Was ich gelernt habe, war, das meine Nationalität noch unter denen der Algerier oder Afrikaner liegt, was ja schon einiges bedeutet. Seit dem ist Frankreich für mich ein weisser Fleck auf der Landkarte, den ich nie wieder besuchen werde....
serenità 27.12.2009
5. Vernunft?
Zitat von descartes101Was ist daran verkehrt? Hört sich eigentlich vernünftig an. Die Richtung stimmt, geht nur nicht weit genug. Der Skandal ist, dass diese elende political correctness jegliche Vernunft überwuchert und erstickt.
Was ist denn daran vernünftig, Menschen nahezulegen, wie sie ihre Kappen zu tragen haben...?
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