Skandal um Macrons Leibwächter Der Präsident und sein Rüpel

Ein Leibwächter des französischen Präsidenten soll einen Demonstranten angegriffen haben. Allzu lang schützte Macron seinen Mitarbeiter - jetzt hat ihn der Skandal eingeholt.

Emmanuel Macron und sein Leibwächter Alexandre Benalla
REUTERS

Emmanuel Macron und sein Leibwächter Alexandre Benalla

Von , Paris


Es sieht so aus, als habe der smarte, kluge französische Präsident Emmanuel Macron seinen ersten Skandal. Handfest möchte man den nicht nennen, dazu ist der Anlass der allgemeinen Empörung zu gering. Aber Skandal ist Skandal, er gehorcht bestimmten Regeln und Macron steckt mitten drin.

Zum Stand der Dinge: Der 25-jährige Chef von Macrons persönlicher Leibgarde, Alexandre Benalla, befindet sich in Untersuchungshaft. Dabei hatte er für diesen Samstag eigentlich seine Hochzeit angesetzt. Doch statt dem Bürgermeister, der in französischen Rathäusern die Ehen beschließt, kümmert sich nun eine parlamentarische Untersuchungskommission um Benallas Schicksal.

Aufnahme einer Überwachungskamera - Alexandre Benalla ist rechts im Bild zu sehen.
AP/ Nicolas Lescaut

Aufnahme einer Überwachungskamera - Alexandre Benalla ist rechts im Bild zu sehen.

Am Freitagabend hatte diese ihre Versammlung unter Tumulten aufgelöst. Streitpunkt war, ob die Vernehmungen der erst am Vortag eingerichteten Kommission öffentlich stattfinden sollen. Die Vertreter der Macron-Partei "Die Republik in Bewegung!" hatten keinerlei Interesse an Öffentlichkeit. Der Präsident selbst hat sich bisher zu der Affäre nicht geäußert. Ob das klug ist? Frankreichs Medien stecken mitten im Sommerloch und kennen seit Freitagmorgen kein anderes Thema mehr. An diesem Morgen gab der Élysée-Palast bekannt, dass Alexandre Benalla aus dem Dienst entlassen werde.

Wie bei Skandalen nicht unüblich, war das ursprüngliche Vergehen ein geringes. Alexandre Benalla hatte sich mit einem Bekannten am 1. Mai eine berufliche Sondertour gegönnt. Als Beobachter schloss er sich einer Polizeieinheit an, die gegen die üblichen Mai-Demonstrationen vorging, die in Paris meist mit dem Einsatz von Tränengas enden. Doch Benalla griff selbst ein, ging ohne Uniform, aber mit Helm rüde gegen einen Demonstranten vor. Nicht mit Schlägen, aber immerhin mit grobem Schultergriff. Überwachungskameras von Polizei und Demonstranten hielten den Übergriff fest - der Skandal war im Netz, sprich in der Welt.

Benallas Fehlverhalten - er war kein Polizist und hätte nie gegen Demonstranten vorgehen dürfen - entging dem Élysée-Palast nicht. Er wurde im Mai für zwei Wochen vom Dienst suspendiert und ermahnt. Doch schon am 14. Juli, dem französischen Nationalfeiertag, durfte Benalla wieder als Leibwächter an der Seite des Präsidenten auftreten. Genau das heizt die allgemeine Entrüstung heute an: Macron gebe stets vor, streng zu sein - seinen eigenen Leuten gegenüber sei er das aber nicht, so die Vorwürfe.

Benalla und Macron im März 2017 auf einer Veranstaltung in Paris
AFP

Benalla und Macron im März 2017 auf einer Veranstaltung in Paris

Benalla trägt Bart und hat einen nordafrikanischen Migrationshintergrund. Damit hat er für einige Kritiker auf den ersten Blick mehr mit einem Terroristen gemein als mit einem Polizisten. Macron hätte das vorausahnen können - doch er entließ Benalla erst, als die Zeitungen schon Titelseiten mit seinem Konterfei druckten.

Dabei hat der Fauxpas Macrons, das Festhalten an seinem Leibwächter, auch seine sympathische Seite. Benalla stammt aus einfachen Verhältnissen, er wuchs in der Normandie auf, studierte, erkämpfte sich einen Job im Ordnungsdienst der Sozialistische Partei, gründete später seine eigene Sicherheitsfirma. Das war ganz nach dem Geschmack Macrons: Lieber eine eigene Firma gründen oder im Uber-Taxi sein eigener Herr sein, als stempeln gehen.

Macron und Benalla im Juni 2017 bei einer Fahrradtour
REUTERS

Macron und Benalla im Juni 2017 bei einer Fahrradtour

Bald wechselte Benalla in den Sicherheitsdienst des Präsidentschaftskandidaten Macron. In dessen Pariser Wahlkampfquartier belegten Benalla und seine Leute einst die vierte Etage. Wer damals dort Interviews führte, erinnert sich an den frech-forschen, aber durchaus kompetenten Ton, der dort herrschte. Macrons Sicherheitsteam bekämpfte zu dieser Zeit nicht zuletzt die russischen Wahlkampfmanipulationen.

Nun berichtet die Zeitung Le Monde: Von den Leuten im vierten Stockwerk durfte im Wahlkampf nur Benalla zum Chef in die sechste Etage. Die beiden hatten wohl Freundschaft geschlossen. Denn als Präsident nahm Macron später keinen anderen als Benalla mit auf seine Privatreisen ins Haus der Ehefrau oder in die Ferien.

Das alles aber fällt nun auf den Präsidenten zurück. Wie konnte er sich nur auf einen solchen Rüpel einlassen? Schon ist die Rede vom "System Macron", das sich im kleinen Kreis der Machteroberer in der Hochburg des Élysées installiert hat. Und der Präsident bekommt Kritik von allen Seiten: Fast wortgleich zürnen die Schlagzeilen des konservativen "Figaro" und der linksliberalen "Le Monde" der "Staatsaffäre Benalla".

Die mediale Entrüstung aber ist nur Ausdruck einer funktionierenden Öffentlichkeit. Und der Skandal, so lächerlich er aus größerer Entfernung auch erscheinen mag, ist nirgendwo anders als im Hause Macron entstanden. Es wird Zeit, dass der Präsident sein arrogantes Schweigen bricht. Es sei denn, er hat keine Ahnung von den Regeln eines Skandals. Gegen die kann nämlich auch der Klügste nichts ausrichten.

dbate-Interview: Macron - Präsident ohne Rückhalt? (09.05.2017)

dbate

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes hatte es geheißen, Benalla sei gegen zwei Demonstranten vorgegangen. Dabei soll es sich lediglich um einen Demonstranten gehandelt haben. Wir haben die Angaben korrigiert.

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