Sarkozy im Wahlkampf: Im Endspurt rechts
Er schürt Ängste und predigt den wehrhaften Staat: Frankreichs Präsident Sarkozy umwirbt im Wahlkampffinale gezielt die Rechtsextremen. Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit dem Sozialisten Hollande könnten diese Stimmen den Ausschlag geben.
Es war ein Osterwochenende fast wie alle anderen: Staus auf den Autobahnen, gemischtes Wetter, üppige Mahlzeiten und - fast kein Wahlkampf: Nur noch zwei Wochen vor dem ersten Urnengang gönnten sich die führenden Polit-Matadoren eine Ruhepause. Nicolas Sarkozy zog sich in die Residenz der Schwiegereltern am Cap Nègre zurück, François Hollande blieb daheim im 15. Arrondissement von Paris, während Eva Joly von den Grünen noch am Sonntagabend am Mittelmeer gegen Ölbohrungen protestierte. Allein Zentrist François Bayrou, abgeschlagen in den Umfragen, nutzte das Wochenende und tourte durch die Insel La Réunion.
Österliche Ruhe als Vorbereitung auf die letzte heiße Phase: Von dieser Woche an verfügen alle zehn Kandidaten im Fernsehen über gleiche Redezeit zu gleichen Bedingungen - neben den Spitzenkandidaten von Rechts und Links müssen auch Trotzkisten, Antikapitalisten oder rechte Souveränisten gewürdigt werden; zu vergleichbaren Sendezeiten und -plätzen und nicht mehr ins Mitternachtsprogramm verbannt.
Grund genug, bei der Kampagne noch an Tempo zuzulegen. Den Anfang machte Sarkozy, der vergangene Woche seinen "Brief an das französische Volk" schrieb - 16 Seiten einer "Vision von Frankreich und seiner Zukunft".
Die persönliche Form, abgekupfert bei dem sozialistischen Vorgänger François Mitterrand, der 1988 mit einen "Brief an alle Franzosen" zur Wiederwahl aufforderte, liest sich jedoch als weitgehend rechtes Manifest und schildert eine Republik, gebeutelt von Gefahren, bedroht von Unsicherheiten und dem - ungenannten - islamischen Fundamentalismus: einer "extremistischen Ideologie, die darauf hinarbeitet unsere westlichen Werte zu zerstören".
Deutlicher Schlenker ins Lager der Nationalisten
Jenseits der "Liebe zum Land", die darin besteht, am 22. April und 6. Mai den "Wahlschein in die Urne gleiten zu lassen", kehrt der Kandidat der Konservativen vor allem zu den Lieblingssujets Sicherheit, Immigration und Autorität zurück - vor allem mit der Absicht, Marine Le Pen vom Front national die nötigen Stimmen abzujagen. Aus gutem Grund: 2007 hatte er mit seinem thematischen Rechtsschwenk und der Gründung eines "Ministeriums für Nationale Identität" die rechtsextreme Formation auf rund zehn Prozent schrumpfen lassen. Fünf Jahre später liegt Marine Le Pen jedoch bei 15 bis 16 Prozent. Und vor allem bei den Jugendlichen und den Erstwählern geht die große Blonde mit ihren Attacken gegen Ausländer und Immigranten als aufrechte Republikanerin durch.
Sarkozy braucht diese fehlenden Prozente, zumal aktuelle Meinungsumfragen seinem Herausforderer, dem Sozialisten François Hollande, im zweiten Wahlgang noch immer einen deutlichen Vorsprung vorhersagen. Nach dem ersten Ruck nach rechts folgte am Samstag in Saint Raphaël ein weiterer deutlicher Schlenker ins Lager der Nationalisten.
Mit der ihm gewohnten Mischung aus Aggressivität und Ironie hieb der "Kandidat des Volkes" auf Gewerkschafter, Experten und die Eliten ein; auch Hollande bekam sein Fett weg, eine "Wundertüte", ein unverantwortlicher, schwacher Kandidat, der "binnen zwei Tagen fünf Jahre der Anstrengungen zunichte macht". Mehr noch: Ein Sozialist, der zur "steuerlichen Knüppelung der Familien und Mittelklassen aufruft" und Frankreich zum Zusammenbruch führen würde.
Nach dem Untergangsszenario warnte Sarkozy seine Zuhörer, Marine Le Pen auf die propagandistische Leimrute zu gehen. Sarkozy gab sich verständnisvoll und zitierte einen Slogan aus der Wahlkampagne von Bill Clinton: "Ich verstehe euer Leiden", sagte der Kandidat, "aber ein Votum für den Front national wird sie nur vermehren, nicht lösen."
"Kaviar-Linke, die das Denken terrorisieren"
An die Adresse der Sozialisten folgte die nächste Kanonade: Sie seien "Kaviar-Linke", die das "Denken terrorisieren" und ihre Kinder in bessere Schulen schicken, höhnte Sarkozy. "Sie wettern 'Ich bin ein Feind der Finanzwelt' - und genießen dann die Gespräche und Besuche in angesagten Clubs." Und mit Nachdruck betonte er das Recht, von Immigration und nationaler Identität zu sprechen, "damit das Thema nicht von jenen verdreht wird, die nur die Worte Hass und Angst kennen".
Beim Front national gibt man sich derweil gelassen angesichts der Vorstöße des Kandidaten Sarkozy. Für Marine Le Pen und ihre Mitstreiter sind die Sozialisten wie die Konservativen zwei Seiten desselben Systems. Die FN-Chefin will daher auf jeden Fall verhindern, dass ihre Anhänger in die Versuchung kämen, eine "nützliche Stimme" für Sarkozy abzugeben, um den Sozialisten Hollande zu vermeiden.
Eine falsche Alternative, warnte sie. Denn "um einen Mann zu verhindern, den sie nicht wollen, würden sie einen Mann wählen, den sie nicht mehr wollen".
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- Dienstag, 10.04.2012 – 16:34 Uhr
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