Frankreichs Vorstädte Dauerrandale der Ghetto-Guerilla

Freunde und Mitbürger gedachten am Freitag in Frankreich zweier Schüler, deren Tod vor einem Jahr die Explosion der Gewalt in den Vorstädten auslöste. Krawallmacher ignorieren Aufrufe zur Ruhe seit Wochen, greifen immer gezielter an - am Elend in den Ghettos hat sich nichts geändert.

Aus Clichy-sous-Bois berichtet


Clichy - "Wer sollte hier denn Interesse an der Wiederholung der Massenaufruhr haben?", fragt Mohammed Mechmache und zeigt auf die urbane Tristesse vor dem historischen Rathaus von Clichy-sous-Bois. "Die Kinder sind noch immer traumatisiert, die Eltern verschreckt und verunsichert", sagt der 40-jährige Streetworker und Präsident des Kollektivs mit dem programmatischen Namen "AC Lefeu", was frei übersetzt bedeutet: "Genug mit dem Feuer". "Wir wollen keinen Geburtstag der Gewalt, sondern ein würdiges Gedenken." Es gab eine Kranzniederlegung, einen Schweigemarsch, eine private Trauerfeier im Kulturzentrum 93' - der Chiffre für das Unruhe-Departement Seine-Saint-Denis

Mechmaches Aufruf zur Ruhe tut Not. Brennende Busse, blitzendes Blaulicht, Razzien der Republikanischen Garden, Hubschrauber über den Hochhauszeilen - in den vergangenen Wochen verdichteten sich die Bilder aus den Randzonen französischer Metropolen zum gespenstischen "Déjà vu". Vor einem Jahr waren nach dem Tod zweier Jugendlicher auf der Flucht vor der Polizei die Vorstädte in Flammen aufgegangen. Und schon vor dem Jahrestag der Ereignisse eskalierten die Zusammenstöße zwischen gewaltbereiten Jugendbanden und überforderten Sicherheitskräften.

Hier freilich enden die Parallelen zum heißen Herbst des vergangenen Jahres. Denn als sich am 27. November 2005 Zyad Benna, 17, und Bouna Traore, 15, auf der Flucht vor einer Polizeikontrolle in einer Transformatoren-Station verstecken und dort durch einen Stromschlag umkamen, entlud sich die Frustration der ausgegrenzten Jugendlichen in ungesteuerter, spontaner Randale - mit Molotow-Cocktails gegen Privatautos oder Einsatzfahrzeuge von Polizisten und Feuerwehr.

10.300 Autos gingen in Flammen auf

Erst nach der Multiplikation der Bilder im Fernsehen und Internet griff die sinnlose Zerstörungswut gegen die vermeintlichen Symbole der Staatsmacht von der Hauptstadt auf 300 Kommunen im ganzen Land über: Polizeistationen wurden angegriffen, Schulen, Kindergärten und Bibliotheken niedergebrannt, aber auch Fabriken und Supermärkte geplündert und angezündet. Etwa 10.300 Autos gingen in Flammen auf, bevor der Aufstand der Vorstädte nach Verhängung einer Ausgangssperre zu Ende ging. Die Schadensbilanz: 160 Millionen Euro.

Ein Jahr später addieren sich die immer brutaleren Übergriffe gegen die verhassten Ordnungskräfte hingegen zu einer Chronik der orchestrierten Konfrontation. In den Pariser Vorstädten werden Linienbusse gestoppt, geentert und niedergebrannt, Polizisten in Hinterhalte gelockt und mit Steinen, Messern und Spitzhacken attackiert. Der Inlandsgeheimdienst "Renseignement Généraux" sieht hinter den "strukturierten Angriffen" mittlerweile "ethnische Gruppen" am Werk, die sich "gegen die im manchen Stadtteilen letzten verbliebenen institutionellen Repräsentanten der Republik wenden: die Polizei".

Als "Szenen eines Guerillakrieges" beschreibt das Magazin "Le Point" die Vorfälle rund um Paris, durch die laut Innenministerium täglich rund zehn Beamte verletzt werden. "Es gibt keine moralischen Bedenken mehr", sagt Manuel Valls, Bürgermeister der Vorortgemeinde Evry, wo Kinder unlängst von einer Brücke eine Autobatterie auf einen vorbeifahrenden Streifenwagen warfen. "Wir sitzen auf einem Pulverfass", sagt der Sozialist.

Der Grund für den gespannten Dauerzustand bleibt das "erschreckende Elend" (Valls) in den sogenannten "sensiblen Zonen": Enklaven, wo sich die Attribute des sozialen Verfalls ansammeln, Arbeitslosigkeit, Armut, Kriminalität, und dabei oft nur wenige Kilometer entfernt sind vom Glitter der städtischen Luxusboulevards. "Trotz aller Versprechungen nach dem Aufstand im vergangenen Jahr hat sich hier nichts geändert", sagt Sozialarbeiter Mechmache und deutet auf die urbane Tristesse rings um das historische Rathaus. "Wir haben weder Kino noch Schwimmbad, weder Sozialbehörde noch Arbeitsamt, es gibt hier nicht einmal eine Polizeiwache."

Es stinkt nach Urin und Kot

Mechmache macht die Regierungspolitik für den immer noch desolaten Zustand seiner Heimatkommune verantwortlich. Sein Kollektiv, das nach dem heißen Herbst 2005 entstand, sammelte nach der Rebellion des vergangenen Jahres in Elendsvierteln französischer Städte 20.000 Beschwerden - eine Bestandsaufnahme der Hoffnungslosigkeit.

Die Unruhen des vergangenen Jahres haben die Politik aufgeschreckt. Doch selbst ein 100-Millionen-Euro-Subventionsprogramm für Vereine und soziale Initiativen hat sich kaum auf die lokale Basis ausgewirkt; städtische Neubauprogramme, die eine bessere soziale Mischung der Bevölkerung bewirken sollen, sind schwerfällig. "Ein Generationenprojekt", kommentierte die Zeitung "Le Monde".

Für Geduld aber fehlt Zeit. Zum Beispiel Clichy-sous-Bois: Die Schlafstadt mit dem bukolischen Namen entstand in den sechziger Jahren. Kaum 20 Kilometer außerhalb von Paris, ist sie doch Welten entfernt: ohne Metro-Station, ohne S-Bahn-Verbindung, der geplante Autobahnzubringer wurde nie gebaut. "Damit bleiben unsere Mitbürger vom Zugang zu den Jobs ausgesperrt", sagt Vize-Bürgermeister Olivier Klein, "und umgekehrt fehlt Unternehmen der Anreiz hier zu investieren."

Das war schon so, als die Wohnsilos Anfang der sechziger Jahre als wuchtige Betonriegel auf die grüne Wiese gesetzt wurden. Damals galten die Anlagen mit 500 Einheiten als Symbole des sozialen Aufstiegs: Wohnungen mit eigenen Bädern, Zentralheizung und Aufzügen. Mittlerweile sind die Hochhäuser Belege des sozialen Verfalls. Die leprösen Fassaden sind mit Graffti bespritzt oder vom Ruß abgefackelter Müllcontainer gezeichnet. In den bröckelnden Hochhäusern funktionieren die Aufzüge nicht, in den Treppenhäusern häuft sich Dreck, es stickt nach Urin und Kot.

Eine Änderung erhofft sich Mechmache von den Wahlen des kommenden Jahres und hat daher mit prominenten Rappern, Sportlern und Pop-Stars in den Vorstädten eine politische Werbekampagne angeschoben: "Jugendliche, tragt Euch in die Wahllisten ein!" Der Aktivist mit dem Kurzhaarschnitt, die Hände ständig an zwei Mobiltelefonen, weiß um das Gewicht der potentiellen Wähler. Wenn die Franzosen im April über den Nachfolger von Präsident Jacques Chirac entscheiden und wenig später über die Zusammensetzung der Nationalversammlung, könnte das Votum der Randzonen den Ausschlag geben.

Immerhin: Seit die Medien und Meinungsforscher die Debatte um die Gewalt der Vorstädte mit 110 ausgebrannten Autos pro Nacht als Reizthema entdeckt haben, beherrscht das Thema Sicherheit plötzlich den Vorwahlkampf - auf dem rechen wie auf dem linken Flügel.

Sarkozy verliert an Popularität

Premier de Villepin, insgeheim noch Mitbewerber für einen Einzug in den Élysée, machte sich überraschend zum Anwalt des sozialen Dialogs: Er bat Vertreter der Vorstädte, nach Hautfarbe politisch korrekt zusammengestellt, zum medienwirksamen Treffen in den Regierungspalais, verkündete die Errichtung einer "Nationalen Agentur für Soziale Kohäsion und Chancengleichheit" und verlegte seine monatliche Pressekonferenz in den Pariser Vorort Cergy-Pontoise. Dort versprach der Regierungschef am vergangenen Donnerstag neue Jobs, Fortbildungsmaßnahmen und städtische Reformprojekte.

Der Innenminister und Präsidentschafts-Aspirant Nicolas Sarkozy hingegen muss sich jetzt vorhalten lassen, seine Politik habe den Verfall der öffentlichen Ordnung nicht gestoppt - ganz im Gegenteil. Der martialische Repressionskurs des Innenministers wird als einseitig, unwirksam oder kontraproduktiv angeprangert. Umfragen belegen einen deutlichen Popularitätsverlust für Sarkozy, der berüchtigt ist seit seinem Bekenntnis vor einem Jahr, das "Gesindel" der Vorstädte mit einem Hochdruckreiniger Marke "Kärcher" wegzuspülen.

Selbst von Kabinettskollegen gibt es Schelte. So rügte Azuz Begag die Publicity-trächtige "Inszenierung von Polizeiaktionen. Die Bewohner der betroffenen Wohnviertel fühlen sich verachtet", sagte der Minister für Chancengleichheit. Azuz zog sich mit seiner angeblichen Empathie für die Vorstädte einen cholerischen Ausfall des Innenministers zu: "Der Mann sollte lernen, seine Schnauze zu halten", sagte Sarkozy. Er reagierte auf die neuerlichen Zwischenfälle zunächst wie gewohnt - mit der Mobilisierung zusätzlicher Sicherheitskräfte.

Diese hielten sich allerdings im Hintergrund, und auch ihr oberster Befehlshaber suchte offenbar Distanz zu den Unruheherden rund um Paris. Sarkozy besann sich auf seinen Zweittitel als "Minister für Raumordnung" und besuchte den friedlichen Süden der Republik, den Languedoc-Roussillon. Auf dem Besuchsprogramm in der Lozère-Gemeinde Rieutort-de-Randon mit 646 Einwohnern stand unter anderem der Besuch "lokaler Geschäfte und des örtlichen Postamts".



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