Frauen in Afghanistan: Die Stimme hinter dem Schleier

Von Carolin Ströbele

Bei den Verhandlungen über eine Zukunft Afghanistans sind bisher 50 Prozent der Bevölkerung kaum beachtet worden: die Frauen. In der Vergangenheit zum Schweigen gezwungen, hoffen sie, in einer neuen Regierung Gehör zu finden.

Afghanische Frauen: Verschwunden hinter den traditionellen Ganzkörperschleiern, den Burkas
DPA

Afghanische Frauen: Verschwunden hinter den traditionellen Ganzkörperschleiern, den Burkas

Seit Kriegsausbruch in Afghanistan ist das Thema Frauendiskriminierung wieder in die Öffentlichkeit gerückt. Die systematische Entrechtung der Frauen durch die Taliban wurde zwar von der westlichen Welt zur Kenntnis genommen, doch schien das Leid der Frauen nach und nach vor der Weltöffentlichkeit zu verschwinden - wie sie selbst hinter ihren unförmigen Ganzkörperschleiern, den Burkas. Dabei gibt es wohl kaum ein Land, in dem Frauen so wenig Rechte besitzen. Kein Zugang zur Bildung, keine Arbeitserlaubnis, kein Ausgang ohne männlichen Begleiter - das ist nur ein Auszug einer Liste von Menschenrechtsverletzungen, die die Revolutionäre Vereinigung Afghanischer Frauen (RAWA) anprangert.

Afghanische und internationale Frauen- und Menschenrechtsorganisationen wie RAWA, Terre des Femmes in Deutschland oder der Entwicklungsbund für Frauen der Vereinten Nationen (Unifem) fordern nun nachdrücklich eine Beteiligung der Frauen an einer künftigen demokratischen Regierung des Landes. Als Ziel nennen sie eine anti-fundamentalistische, demokratische und gleichberechtigte Gesellschaft in Afghanistan.

Entwicklungen in diese Richtung hat es bereits gegeben - in den sechziger und siebziger Jahren herrschte Berichten von Amnesty International zufolge eine regelrechte Aufbruchsstimmung unter den afghanischen Frauen. Mit der Verfassung von 1964 wurden sie rechtlich gleichgestellt und erhielten das Wahlrecht. Frauen durften selbst entscheiden, ob sie einen Schleier trugen oder nicht, erhielten Zugang zu Ausbildungsstätten und nahmen an Regierungsgeschäften teil.

Miniröcke in Kabul

Frauen vor den Ruinen der afghanischen Hauptstadt Kabul
DPA

Frauen vor den Ruinen der afghanischen Hauptstadt Kabul

Weitere Lockerungen ergaben sich in den Jahren vor dem Einmarsch der sowjetischen Truppen. Die kommunistisch geprägte Demokratische Volkspartei Afghanistan verbot traditionelle Praktiken wie beispielsweise die Entrichtung eines Brautpreises oder Zwangsheiraten und setzte das Heiratsalter herauf. Frauen arbeiteten als Lehrerinnen, Ärztinnen und Krankenschwestern und spielten vor allem in den Städten eine wichtige Rolle in der Öffentlichkeit. Der westliche Einfluss spiegelte sich auch in der Kleidung wieder: Miniröcke waren in Kabul Ende der siebziger Jahre keine Seltenheit.

Diese Aufbruchsphase dauerte jedoch nicht lange. Bald überschatteten die Wirren des Bürgerkriegs die aufkeimende Emanzipation und für die Frauen begann ein Leidensweg von mittlerweile über zwei Jahrzehnten. Sie waren nicht nur den ständigen Kämpfen und Hungersnöten ausgesetzt, sondern wurde auch von den kämpfenden Milizen als "Kriegsbeute" missbraucht. Organisationen wie Amnesty International und Unifem berichten übereinstimmend von systematischen Vergewaltigungen während des Bürgerkriegs. Wie im Bosnien-Krieg, so sei auch in Afghanistan der sexuelle Missbrauch von Frauen, der in der muslimischen Gesellschaft gleichzeitig als Entehrung der gesamten Familie gilt, gezielt als Kriegswaffe eingesetzt worden.

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