Frauen in Somalias Armee: Kriegerinnen für ein kaputtes Land

Aus Bihanga, Uganda, berichten und Anne Backhaus  (Video)

Sie filzen Frauen an Straßensperren, beweisen als Funkerinnen ihr Können: Weibliche Soldaten sollen in Somalias Armee bald eine wichtige Rolle spielen. Dafür werden sie von Ausbildern der Bundeswehr gedrillt. Ein Besuch im Camp der Kriegerinnen.

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Wenn die Rekruten kurz nach Sonnenaufgang aus ihrem Lager trotten, leuchtet Hobans pinkfarbenes Kopftuch aus dem Einheitsgrün der Tarnuniformen hervor. Sie hat einen langen Tag vor sich. Ihre deutschen Ausbilder werden sie gewaltig scheuchen im Busch von West-Uganda. Doch das stört die junge Frau nicht, schließlich ist sie Teil einer kleinen Revolution: Sie gehört zu den ersten Frauen in Somalias Armee seit Jahrzehnten.

Hoban Nur Ahmed ist eine von acht Frauen, die hier im Camp Bihanga an der European Union Training Mission (EUTM) teilnehmen - zusammen mit mehr als 500 männlichen Kameraden. Ein halbes Jahr lang drillen mehr als 80 europäische Soldaten die Freiwilligen aus dem Bürgerkriegsland. Wenn sie zurückgeschickt werden, sollen sie für so etwas wie Ordnung in ihrer Heimat sorgen.

Eine leichte Aufgabe wird das nicht. Über zwei Jahrzehnte gab es in Somalia keine funktionierende Regierung, die Streitkräfte verkamen zum marodierenden Haufen. Im Land herrschten brutale Clans, unterwandert von der islamistischen Schabab-Miliz und finanziert durch Millionen-Lösegelder für gekaperte Schiffe vor der Küste. Erst seit diesem Jahr sorgen internationale Truppen, vor allem aus Kenia und Uganda, für mehr Sicherheit. Es gibt sogar wieder eine Regierung in der Hauptstadt Mogadischu. Damit diese ihre bescheidene Macht nicht sofort wieder verliert, braucht sie eine verlässliche Armee. Hier kommt die EUTM-Mission ins Spiel. Rund 20 Mann hat auch die Bundeswehr nach Zentralafrika geschickt.

Nicht nur an Straßensperren machen sich die Rekrutinnen gut

Die Frauen nehmen in dem neuen Sicherheitskonzept eine wichtige Rolle ein: Bei Personenkontrollen, wo es für einen männlichen Soldaten problematisch bis unmöglich wäre, eine Frau abzutasten, springen sie ein. Bisher war es unter Mitgliedern der al-Shabab, aber auch unter Kriminellen, üblich, Waffen, Drogen oder Sprengstoff in den Kleidern und am Körper von Frauen zu verstecken. Die neuen, geschulten Kontrolleurinnen an den vielen Checkpoints im Land machen dies schwieriger.

Doch nicht nur an den Straßensperren machen sich die weiblichen Rekruten gut. Auch am Funkgerät stechen sie viele ihrer männlichen Kameraden locker aus. Das haben die Ausbilder der Bundeswehr erkannt. Eine ausgewählte Gruppe von Eliterekruten drillen sie im Camp so lange, bis sie selbst ihr Wissen weitergeben können. "Train the Trainers", heißt das im EUTM-Jargon. Zwei von sieben, die sich als Top-Anwärter dieses sechsten Jahrgangs bewiesen haben, sind junge Frauen.

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Training für somalische Soldatinnen: Funken im Busch
Eine von ihnen ist Hoban. Eben hat sie noch im Klassenraum unter strenger Aufsicht der Bundeswehr-Ausbilder das Funkalphabet gepaukt. Jetzt sitzt die 19-Jährige einen knappen Kilometer entfernt in der ugandischen Savanne und muss das Erlernte umsetzen. Noch etwas zögerlich spricht sie in das GP-360-Funkgerät, viel zu groß wirkt der klobige Kasten in ihren zierlichen Fingern.

Mit strengem Blick wacht Patrick Abaigar über die Fortschritte seines Schützlings. Oder eben auch die kleinen Rückschläge. "All to Lion", sagt Hoban ins Funkgerät. Verwirrtes Schweigen am anderen Ende. Ausbilder Abaigar horcht auf, sein Trainee hat sich einen klassischen Wortdreher geleistet. Ein Beispiel für die Tücken der englischen Sprache, die nur die wenigsten Rekruten beherrschen, wenn sie nach Bihanga kommen.

Doch Hoban hat ihren Fehler bemerkt und korrigiert sich selbst: "Lion to all", versucht sie es noch einmal - und jetzt kommt auch die ersehnte Antwort von den Kameraden, die sich irgendwo in der grünen Wildnis versteckt haben. "Das macht sie zu einem unserer Talente. Sie braucht niemanden mehr, der sie auf Fehler hinweist. Die registriert sie immer öfter selbst", sagt Abaigar stolz.

Auch Hoban ist sich sicher, dass sie in ihrer Heimat mit dem erlernten Wissen einiges bewegen kann: "Wenn ich zurück bin, werde ich die beste Fernmelderin Somalias sein." Bisher sind es nur eine Handvoll Rekrutinnen, die halbjährlich in Bihanga ausgebildet werden. Ziel jedoch ist es, mittelfristig Verhältnisse zu schaffen, wie sie schon jetzt bei der somalischen Polizei herrschen. Dort haben seit Anfang 2011 mehr als 1200 Frauen ihren Dienst angetreten.

Wenn Hoban irgendwann einmal in Mogadischu, Kismaju oder einer anderen somalischen Stadt stationiert sein wird, wartet eine gewaltige Aufgabe auf sie. Als angehende Ausbilderin braucht sie den unbedingten Respekt ihrer männlichen Kameraden. Doch die wenigsten Rekruten sind daran gewöhnt, Befehle entgegenzunehmen. Und erst recht nicht von einer Frau.

Hier setzt Thomas Hernes an. Der Schwede arbeitete über Monate in Bihanga als Gender Advisor - und hat bei seinen Schützlingen bemerkenswerte Fortschritte beobachtet.

Über Wochen musste sich Hernes immer neue Wege überlegen, den Rekruten scheinbar Unverständliches nahezubringen. Wie erklärt man einem 19-Jährigen, der nur Krieg kennt, die Demokratie? Wie treibt man ihm das Clan-Denken aus? Wie vermittelt man ihm das Konzept der Gleichberechtigung der Geschlechter?

Eine Präsidentin für Somalia

Hernes hat es geschafft - durch ständiges Wiederholen und viele praktische Übungen. "Viele der Rekruten waren noch nie in einer Schule. Da komme ich mit Frontalunterricht nicht weit", berichtet der Schwede. Immer wieder ließ er die Soldaten Alltagssituationen nachspielen und das Verhalten danach analysieren: "Was war angemessen? Wo wurde gegen Regeln verstoßen? Nur so kann man mit Hilfe praktischer Bespiele seinen Standpunkt klar machen."

Einen besonderen Moment bewertet Hernes als Durchbruch seines Programms. Bei einem Demokratiespiel waren die Rekruten aufgerufen, eine Präsidentenwahl für Somalia nachzuspielen. Keiner der jungen Männer hatte je zuvor gewählt - und doch war sich die Mehrheit schnell einig: Hoban solle das Land als Präsidentin aus der Krise führen.

Die junge Frau denkt gern an den Tag der Wahl zurück. "Das hat mich natürlich sehr stolz gemacht. Wenn ich wirklich etwas zu sagen hätte, würde ich alle Kinder in die Schule schicken - und natürlich die Streitkräfte weiter fördern." Sie strahlt noch immer, wenn sie sich an diesen einen Augenblick erinnert.

Dann läuft Hoban zurück in das kleine Lager der somalischen Frauen in Bihanga. Vom Camp der männlichen Rekruten ist es durch einen meterhohen Zaun getrennt.

Bei allen Fortschritten gibt sich Ausbilder Hernes pragmatisch. Er weiß, dass Initiativen wie das Camp in Bihanga nur ein Anfang sein können. Dass die somalische Armee, wie das ganze Land, noch weit von Stabilität und Ordnung entfernt ist. In seinem Abschlussbericht über die Ausbildung der Rekruten in Uganda listet er die Lehrinhalte der Reihe nach auf. Erster Eintrag unter dem Thema Frauenrechte: "Keine Vergewaltigungen".

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