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Frauenproteste gegen Berlusconi: "Italien ist kein Bordell"

Von , Rom

Die einst treuesten Fans von Silvio Berlusconi, die Frauen, begehren auf: Am Wochenende demonstrierten Zehntausende gegen Berlusconis Sex-Affären. Doch der Wutmarsch der Italienerinnen allein wird den umstrittenen Premier nicht zu Fall bringen.

Anti-Berlusconi-Demo: Auf Stelzen gegen den "Cavaliere" Fotos
Getty Images

Vor gut 220 Jahren erlebte Johann Wolfgang Goethe die glücklichste Zeit seines Lebens. Er reiste inkognito nach Rom, er genoss, so vermuten es Literaturwissenschaftler, das pralle Leben, die Frauen, den Wein, das laute Palaver - vielleicht hatte er hier sogar den ersten Sex seines Lebens.

Keine hundert Meter von seinem Haus in der Via del Corso 18 hätte er am Sonntagnachmittag seinen Ohren nicht getraut. Wieder geht es um Sex, um die Macht der Männer und die Moral - und die Italiener reagieren sprachlos.

Gespenstische Stille auf der Piazza del Popolo. Zehntausende Frauen und Männer stehen stumm in der Frühlingssonne. Eine Schweigeminute für die Würde der Frauen, niemand sagt ein Wort. "Se non ora, quando?" schreit dann jemand von der Bühne, wenn nicht jetzt, wann dann, das Motto an diesem Nachmittag. Sie reißen die Arme in die Luft und brüllen: "Jetzt! Weg mit Berlusconi, es ist genug." Dann spielen sie Patti Smiths Song "Power to the People", schwenken ihre selbstgemalten Plakate und tanzen.

Mindestens 30.000 Menschen haben sich auf dem Volksplatz versammelt, es ist eine der größten Frauendemonstrationen seit Jahren. Zeitgleich wird in 230 italienischen Städten protestiert, vor dem Mailänder Dom, in Venedig, Florenz, auf Dorfplätzen im Süden, mehr als eine Million Italiener sollen auf den Straßen sein, sagen die Veranstalter. Sogar im Ausland wird protestiert, in Tokio, Brüssel, London und Paris. Die Wut ist gigantisch, ausgerechnet die treuesten Fans des Premiers, die Frauen, begehren auf und schreien "Ora basta!", es reicht.

"Keine Lachobjekte in Männerwitzen"

Sie wehren sich gegen das Bild, das Medien und Politik von ihnen zeichnen. Es gleicht einem altbackenen Heimatfilm aus den fünfziger Jahren, finden sie, Frauen haben hübsch zu sein und artig und zuständig für "la famiglia", gleichberechtigt sind sie nicht. Sie wollen ihre Würde zurück, die Grenzen des Anstands seien überschritten, finden sie. Sie sind gekommen, weil ihr Premierminister Bunga-Bunga-Partys feierte, eine Affäre mit der minderjährigen Marokkanerin Ruby gehabt haben soll, und die Welt über ein jämmerliches Italien lacht, das seine Probleme nicht mehr auf die Reihe kriegt, den Schuldenberg, die hohe Jungendarbeitslosigkeit, die Flut der Migranten. "Italien ist kein Bordell", schreien sie. "Mehr Brot, weniger Spiele!" Es klingt, als begehrten sie wirklich auf, aber was wird es ihnen nutzen?

"Ich bin nicht hier, um Porno-Feste zu kritisieren", sagt eine ehemalige Parteigenossin Berlusconis, "ich kritisiere die politische Klasse, die solche Feste zum herrschenden System macht. Wir wollen Protagonistinnen sein, nicht Lachobjekte in Männerwitzen, die der Premier in seinen Villen erzählt." Die Chefin des größten Gewerkschaftsbunds sagt: "Wir sind Statistinnen in einer endlosen Seifenoper." Eine Nonne, die in Turin mit afrikanischen Prostituierten arbeitet, sagt, Frauen seien zur Ware geworden, man benutze sie und werfe sie dann weg.

Sie verlesen jetzt Zahlen, die Italien in Sachen Gleichberechtigung als Entwicklungsland dastehen lassen: 90 Prozent der Italienerinnen haben einen Uni-Abschluss, aber nicht mal die Hälfte hat einen Job. "Wir arbeiten härter als die Männer, werden schlechter bezahlt und besetzen die wenigsten politischen Posten in Europa." Sie klagen über Diskriminierungen auf dem Arbeitsmarkt, dass man ihnen kündigt, wenn sie schwanger sind. "Eine von Angela Merkels ersten Amtshandlungen: Mehr Kindergartenplätze", sagt eine Aktivistin. "Und was macht Berlusconi? Er rät unseren Töchtern, sich möglichst früh einen reichen Mann zu angeln! In was für einem Land leben wir eigentlich?"

Ein Tollhaus wie immer

Die aktuellen Demonstrationen sind gute Nachrichten aus Italien, und doch können sie nicht darüber hinwegtäuschen, dass die letzte Schlacht des Premiers noch lange nicht geschlagen ist, wie vor allem die angelsächsische Presse frohlockt. Silvio Berlusconi ist nicht am Ende, auch das wird klar an diesem Wochenende. Er hat die Proteste im Vorfeld in Grund und Boden gelacht, er wetterte gegen eine "Republik der Tugend" mit moralinsauren Italienern, die keinen Spaß verstehen.

Natürlich gab es auch Pro-Berlusconi-Demonstrationen. Natürlich sieht sich der Premier wieder als Opfer der Justiz, diesmal verglich er die Methoden der Ermittler mit denen der Stasi-Spitzel in der DDR. Und erwägt jetzt sogar, so sagte es sein Außenminister, vor den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu ziehen, wegen Verletzung seiner Privatsphäre. Ein Tollhaus wie immer - aber eine Revolution?

Der Wutmarsch der Italienerinnen ist der Versuch, dem Land ein wenig Anstand und Ernsthaftigkeit zurückzugeben, es ist ein Kampf gegen Oberflächlichkeit, Egoismus und die aggressive Stimmung im Land. Er ist bitter nötig. Aber es wäre vermessen, die Proteste mit der Revolution von Kairo zu vergleichen, wie es einige Plakate in Rom ("Erst Mubarak, dann Silvio!") nahelegen.

Dass Berlusconi Ruby mit der Begründung, sie sei Mubaraks Nichte, aus dem Polizeigewahrsam holte, könnte ihn jetzt wegen Amtsmissbrauch vor Gericht bringen, aber das ist auch schon die einzige Verbindung zu Ägypten. Berlusconi ist demokratisch gewählt worden, zum dritten Mal in 16 Jahren. Weder durch Bürgerproteste noch durch eifrige Richter, die ihm jetzt den kurzen Prozess machen wollen, ist er zu stürzen. Das geht nur an der Wahlurne, das schafft nur das Volk, wenn es denn überhaupt will.

Denn wo ist die Alternative? Auch die Proteste gegen Silvio Berlusconi sind derart auf seine Person fixiert, wie immer dreht sich alles nur um ihn, niemand schaut über den Tellerrand, das ist die schlechte Nachricht aus Italien. Wann endlich wird es der gelähmten Opposition gelingen, einen Gegen-Berlusconi ins Feld zu führen, der das Ende des alten Regenten einläuten könnte? Bei vorgezogenen Neuwahlen im Mai, in zwei Jahren nach Ende der Legislaturperiode. Wann auch immer, es reicht, nicht nur den Italienern.

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1. Zahlen Sie bar oder mit Karte?
KMag 14.02.2011
Zitat von sysopDie einst treuesten Fans von Silvio Berlusconi, die Frauen, begehren auf: Am Wochenende demonstrierten Zehntausende*gegen Berlusconis Sex-Affären. Doch der Wutmarsch der Italienerinnen allein wird den umstrittenen Premier nicht zu Fall bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745352,00.html
Im Bordell muss man "dafür" ja auch bezahlen. Und das hat "Little Caesar" ja "noch nie". "'abe iche gar nichte nöttig!" Sagt er...
2. Erinnert alles irgendwie an Bill Clinton
der.letzte.dodo 14.02.2011
bei den eifrigen Diskussionen um die Hose bleibt der Verstand weitestgehend abgeschaltet
3. Ach was
Dunedin, 14.02.2011
Zitat von sysopDie einst treuesten Fans von Silvio Berlusconi, die Frauen, begehren auf: Am Wochenende demonstrierten Zehntausende*gegen Berlusconis Sex-Affären. Doch der Wutmarsch der Italienerinnen allein wird den umstrittenen Premier nicht zu Fall bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745352,00.html
Die vielen zickigen Frauen die sich jetzt echauffieren sind Frauen, die sich doch auch nur einen ganzen Kerl, eben wie den Silvio, Zuhause wünschen. Die üblichen Warmduscher haben diesen zickigen und selbstbewussten Frauen ja auch sonst nichts entgegen zu setzen :-)
4. Sagt niemand
Brakelmann 14.02.2011
Zitat von sysopDie einst treuesten Fans von Silvio Berlusconi, die Frauen, begehren auf: Am Wochenende demonstrierten Zehntausende*gegen Berlusconis Sex-Affären. Doch der Wutmarsch der Italienerinnen allein wird den umstrittenen Premier nicht zu Fall bringen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,745352,00.html
Niemand behauptet, dass Italien ein Bordell ist. Zu einem Bordell gehören immer Frauen, die sich für Geld verkaufen. Weshalb schreien also diese Italiereinnen???
5. mach was dagegen
KMag 14.02.2011
Zitat von DunedinDie vielen zickigen Frauen die sich jetzt echauffieren sind Frauen, die sich doch auch nur einen ganzen Kerl, eben wie den Silvio, Zuhause wünschen. Die üblichen Warmduscher haben diesen zickigen und selbstbewussten Frauen ja auch sonst nichts entgegen zu setzen :-)
Sollte satirisch sein? Nun hat aber letzten Donnerstag eine italienische Universitätsprofessorin in einem Interview mit Deutschlandradio Kultur mehr oder weniger genau das gesagt: "Wissen Sie, ein großes Problem ist, dass viele italienische Männer - und auch Frauen! - Berlusconi insgeheim bewundern und ihn toll finden und auch gern so wären. ... Im katholischen Italien ist halt leider dieses Bild des starken und beherrschenden Mannes in den Köpfen tief verwurzelt. Das wird sich so schnell nicht ändern." (sinngemäßes Zitat nach Gedächtnis)
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Silvio Berlusconi: Immer Ärger mit dem Kavaliere

Berlusconi und seine Skandale
REUTERS
Mafia, Korruption und wilde Partys - Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi ist nicht nur wegen politischer Verdienste in die Schlagzeilen geraten.
Junge Frauen
AP
Mit seinem großherzigen Einsatz für ein Partygirl sorgte Berlusconi im Oktober für Aufsehen. Der 74-Jährige soll eine junge Marokkanerin mit einem Anruf vor der Justiz bewahrt haben. Berichten zufolge soll er die 17-Jährige nicht nur zu Festen in seine Residenz bei Mailand eingeladen haben, sondern sie höchstpersönlich vor einer Festnahme wegen Diebstahls bewahrt haben.

Als Kandidatinnen der Regierungspartei für die Europawahl 2009 schlug Berlusconi drei junge Schönheiten vor: eine ehemalige TV-Ansagerin, eine Fernsehschauspielerin und eine Sängerin. "Schamlose Luder im Dienst der Macht", kommentierte seine damalige Ehefrau Veronica Lario. Sie reichte 2009 die Scheidung ein.

Eine angebliche Affäre mit der Schülerin Noemi Letizia hatte schon zuvor für Aufsehen gesorgt. Nach einem Besuch des Medienmoguls auf Noemis Party zum 18. Geburtstag hatte Lario öffentlich gesagt, Berlusconi treffe sich "mit Minderjährigen". Gerüchte um eine Liaison mit der Schülerin, die ihn "Papi" nannte, wies er zurück.

Mafia-Verdacht
AFP
Im März wurde ein Senator von Berlusconis Regierungspartei PdL unter Mafia-Verdacht festgenommen. Unter anderem geht es um Wahlbetrug und Geldwäsche. Der Politiker soll zudem mit Hilfe der Mafia ins Parlament gekommen sein. Zuvor hatte ein ehemaliger Mafiakiller Berlusconi vor Gericht mit einer Serie von Bombenanschlägen in Verbindung gebracht.
Entgleisungen
AFP
Erst sorgte Silvio Berlusconi mit einem Hitler-Witz für Wirbel, dann erregte er mit einem Juden-Witz im Oktober großen Unmut: Die Empörung über Berlusconi war groß - doch der Premier leistet sich immer neue Entgleisungen. Jüngster Fauxpas: Auf harsche Kritik an seinem mutmaßlichen Interesse an einem minderjährigen Partygirl sagte Berlusconi, er schaue eben gerne Frauen an, das sei besser "als schwul zu sein".

Bereits nach einem Erdbeben in den Abruzzen 2009 gab Berlusconi den in Zelten untergebrachten Opfern Empfehlungen der besonderen Art. "Man muss es eben nehmen wie ein Camping-Wochenende", sagte er bei einem Besuch in der Region. Bei der Katastrophe waren mehr als 290 Menschen ums Leben gekommen, 50.000 wurden obdachlos.

Bestechungsvorwürfe
AP
Ein Korruptionsprozess gegen Berlusconi wurde 2008 vorübergehend ausgesetzt, weil ihm ein neues umstrittenes Gesetz Immunität verlieh. Zuvor musste sich der Medien-Milliardär wegen der Bestechung des britischen Anwalts David Mills verantworten. 1998 soll Berlusconi 600.000 US-Dollar, umgerechnet 446.000 Euro, bezahlt haben, damit dieser in Prozessen gegen seinen Medienkonzern Falschaussagen macht. Das Verfassungsgericht hat das Gesetz mittlerweile gekippt. Mehrere Verfahren gegen Berlusconi können damit neu aufgerollt werden.

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