Freiheit für den Irak: Verrückt nach Bush

Von Henryk M. Broder und Claus Christian Malzahn

Die Anti-Bush-Front ist breit und beredt. Politiker und Journalisten wissen genau, was der neualte US-Präsident falsch macht. Gibt es überhaupt etwas, das er tun könnte, um seine Gegner zufrieden zu stellen? Und was würde passieren, wenn er die US-Truppen jetzt nach Hause holt?

Proteste gegen Bush: Doppelte Projektion
REUTERS

Proteste gegen Bush: Doppelte Projektion

Berlin/Augsburg - Was, in Gottes Namen, ist an diesem Satz falsch? "Die wahre Hoffnung für den Frieden in der Welt ist die Verbreitung der Freiheit überall in der Welt." Hätte diesen Satz der deutsche Bundeskanzler in einer Regierungserklärung gesagt, Nelson Mandela auf der Jahreskonferenz der Organisation Afrikanischer Staaten, Kofi Annan bei dem Neujahrsempfang der Uno, Bischof Huber auf dem Evangelischen Kirchentag, der Ministerpräsident von Baden-Württemberg bei einem Winzertreffen oder auch nur der Präsident des ADAC zur Eröffnung der Frankfurter Automesse, hätten alle zustimmend genickt: Wie richtig, wie wahr, wie wichtig!

Leider hat der Satz einen eingebauten Schönheitsfehler: Er stammt von George W. Bush. Und deswegen ist er falsch, deswegen hat er falsch zu sein. Dass die Bush-Basher dem wieder gewählten amerikanischen Präsidenten das verweigern würden, was man "the benefit of the doubt" nennt, kann niemand überraschen. Aber warum vergreifen sie sich an einer Erkenntnis, die so einfach und so stimmig ist wie die Erfahrung, dass Armut in die Not führt?

Der Chef der Grünen, Reinhard Bütikofer, nennt die Rhetorik von Bush "zweischneidig, weil sie in der Lage ist, den großen Wert der Freiheit in den Dreck zu ziehen". Bütikofers Beweis: "Amerika ist für Demokratie im Irak in den Krieg gezogen. Am Ende ist auch nicht ansatzweise was Ähnliches dabei herausgekommen." Damit nicht genug: "Die große Parole der Freiheit wird gehijackt für eine Politik, die am Ende weniger als Freiheit produziert. Das unterstelle ich Bush."

Exil-Iraker hoffen auf bessere Zeiten

Die Kurden im Irak, deren Vertreter früher auf Grünen-Parteitagen nicht fehlen durften und die nach dem Sturz Husseins zum ersten Mal seit langer Zeit wieder über ihr Schicksal entscheiden dürfen, ohne dass ihnen ein Diktator Chemiebomben aufs Haupt wirft, werden das möglicherweise etwas anders sehen.

Bütikofer: im Kamin der Gutmenschen brennt das Bush-Feuer besonders gut
DPA

Bütikofer: im Kamin der Gutmenschen brennt das Bush-Feuer besonders gut

Bütikofers Ferndiagnose - in Bagdad ist der Mann in letzter Zeit wohl kaum gewesen - hat weniger mit der widersprüchlichen, komplizierten Lage im Irak zu tun, als vielmehr mit dem Wunsch, das grüne Herz zu wärmen. Und im Kamin der Gutmenschen brennt das Bush-Feuer besonders gut.

Wenn Bütikofer wie die meisten Antiamerikanisten seine These schon nicht vor Ort, also zwischen Euphrat und Tigris, überprüfen will, reicht vielleicht schon ein Besuch in Berlin-Weißensee: Dort lassen sich im Moment Exil-Iraker aus ganz Deutschland für die Wahlen registrieren. Deren Hoffnungen auf bessere Zeiten, auf eine Demokratisierung ihrer Heimat, ihre Freude darüber, endlich einmal an einer freien Wahl teilnehmen zu dürfen, würden den grünen Frontmann vermutlich beschämen. Früher gehörte der libertäre Internationalismus einmal zu den besten Seiten der Linken, doch das scheint vorbei.

Bush gilt seinen Kritikern als "beratungsresistent", eine Tugend freilich müsse man ihm lassen, sagt Tina Hassel vom WDR in den "Tagesthemen" der ARD: "Der Mann geht unbeirrt seinen Weg - trotz weltweiter Skepsis und schlechter Umfragen im eigenen Land". Noch nie sei "ein Präsident mit so wenig Vertrauensbonus in die zweite Amtszeit gestartet".

Der traut sich aber was! Statt aufgrund schlechter Umfragen die Wahlen zu annullieren oder das Kölner Dreigestirn um Rat zu bitten, geht er tatsächlich in die zweite Amtszeit. Und redet von Freiheit. "Gleich 36mal hat er das Wort benutzt" und das "werden viele eher als Bedrohung, denn als Verheißung empfinden", sagt Tina Hassel, die persönlich nicht bedroht ist, aber "viele" kennt, die sich so fühlen. Da wird mit mäßiger Rhetorik öffentlich-rechtlich korrekt die antiamerikanische Volkseele bedient.

Von da ist es nicht mehr weit zum Borderline-Journalismus à la Tom Kummer, der nur noch mit Erfundenem operiert, das sich jeder Überprüfung entzieht. Die originellste Geschichte zur Amtseinführung von George Bush ist in der "SZ" erschienen: ein Nachruf auf George Bush, geschrieben von dem Schriftsteller Greil Marcus, der unter anderem auch das Buch "Mystery Train" geschrieben hat.

Marcus' fiktiver Nachruf erscheint im Jahre 2018, nachdem Bush im Alter von 72 Jahren an Herzversagen gestorben ist. Der Dichter geht zurück in die Zukunft und berichtet, was alles in der Zeit von Bush' Präsidentschaft passiert ist. Und das ist nicht wenig. "Mit punktgenauen Angriffen wurden die Kernwaffendepots in Iran und Nordkorea vernichtet." Daraufhin sei es zu einem "atomaren Schlagabtausch zwischen Indien und Pakistan gekommen", bei dem Bombay und Karatschi zerstört wurden. "Die Folge sind die bis heute anhaltenden Bürgerkriegsserien im Mittleren Osten und auf dem indischen Subkontinent...", dabei seien nach Angaben der Uno "rund 12 Millionen Menschen getötet, weitere Millionen vertrieben" worden.

Allmacht- und Gewaltphantasien

Hier liegt eine doppelte Projektion vor. Zum einen der Zukunft in die Vergangenheit, zum anderen von Allmacht- und Gewaltphantasien auf den US-Präsidenten. Es reicht nicht festzuhalten, was er tut, es muss spekuliert werden, was er getan haben würde, wenn man ihn ließe. Die Wirklichkeit ist ja ganz egal. Mehr als einmal haben die USA einen atomaren Krieg auf dem asiatischen Subkontinent in der Vergangenheit verhindert. Bushs Diplomaten waren in den letzten Jahren jedenfalls öfter zwischen Islamabad und Neu Delhi im Einsatz, um dort eine Katastrophe zu verhindern, als alle antiamerikanischen Bedenkenträger zusammen. Nein, es war nicht die Uno und auch nicht die Europäische Union, die Indien und Pakistan davon abhielten, mit Atomsprengköpfen übereinander herzufallen. Washingtons Kriegstreiber als Pazifisten der Tat? Kein Thema für die Frontblätter des alten Europa. Stattdessen stellt man die Wahrheit mit einem literarischen Kunstgriff einfach auf den Kopf.

Bush wird sowohl für das Kommende wie das Gewesene verantwortlich gemacht, jeder Blödsinn passt da inzwischen irgendwie in Konzept. Das ZDF-Kulturmagazin "Aspekte" hat in den USA ein Buch gefunden, das sich mit der behaupteten Homosexualität von Abraham Lincoln beschäftigt. Nun hat Lincoln nicht nur die Sklaven befreit, er gilt auch als der Ur-Vater der Republikaner. Dass er möglicherweise auch schwul war, ist nur deswegen von Belang, weil Bush sich gegen die Homo-Ehe ausgesprochen hat.

US-Soldaten im Irak: Abgeschossen wie die Hasen
AP/ U.S. Army

US-Soldaten im Irak: Abgeschossen wie die Hasen

Jetzt steht der Präsident ziemlich blöde da - mit dem schwulen Abe Lincoln hinter sich. Diese dünne Pointe ist alles, was der "Aspekte"-Beitrag loswerden will. Dafür ist der Autor in die USA geflogen und hat den Autor des Lincoln-Buches besucht. Wenn es darum geht, Bush zu demaskieren, ist jeder Aufwand recht.

Aber inzwischen reicht es schon, "Bush" zu sagen, um Punkte zu sammeln. Oder Bush zu zitieren, wie zum Beispiel den Satz, dass die Verbreitung von Freiheit in der Welt eine Hoffnung für den Frieden ist. Dabei ist es so. Noch nie haben zwei demokratische Staaten gegeneinander Krieg geführt (wenn man von dem "Kabeljaukrieg" zwischen Island und England absieht).

Die Friedensfreunde halten sich vornehm zurück

Ein demokratisierter Irak wäre weder für seine Bevölkerung noch für seine Nachbarn bedrohlich. Wenn die Saddamisten überleben wollen, dann müssen sie mit allen Mitteln freie Wahlen verhindern, unterstützt von jenen, die mit dem "irakischen Widerstand" sympathisieren und jetzt schon den Ausgang der Wahlen schlecht reden. Ja, es stimmt: Viele Iraker werden sich nicht in die Wahllokale trauen. Hat George W. Bush daran Schuld? Oder der Terrorist Sarkawi, der Iraker, die ihr Land aufbauen wollen, inzwischen auf offener Straße hinrichten lässt, der den Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten mit Bomben schürt und jedem Menschen, der zur Wahl gehen will, mit dem Tode bedroht?

Und was machen die Friedensfreunde aus dem alten Europa? Sie halten sich vornehm zurück. Bis jetzt ist noch keines der "menschliches Schutzschilde" in den Irak gereist, um Wahllokale, Polizeistationen und Moscheen vor Angriffen der Terroristen zu beschützen, wie sie es mit Raffinerien vor den Angriffen der Amerikaner getan haben.

Dafür fordern sie, die Amerikaner sollten den Irak sofort verlassen. Man darf annehmen, dass George W. Bush dieser Forderung am liebsten so schnell wie möglich nachkommen würde. Die Bilder von zerfetzten Humvees, von blutenden Soldaten, die wie die Hasen abgeschossen werden, sind keine gute Reklame für das Weiße Haus. Judy Bachrach hat vollkommen recht, wenn sie dem Präsidenten auf "Fox News" die 40 Millionen Dollar-Party um die Ohren haut, während sich in Bagdad amerikanische Soldaten vor Angst übergeben müssen, bevor sie in ihren kaum gepanzerten Fahrzeugen auf Streife gehen.

Bush: Er gilt Kritikern als "beratungsresistent"
AFP

Bush: Er gilt Kritikern als "beratungsresistent"

Doch ein Abzug der US-Truppen zum jetzigen Zeitpunkt wäre ein Desaster für das irakische Volk. Nehmen wir einmal an, George W. riefe die Jungs nach Hause - sie würden lieber heute als morgen zurückkehren. Und die Selbstmordattentäter, die sich übrigens zu 90 Prozent aus dem arabischen Ausland in den Irak hineingeschlichen haben? Würden sie eine Hauptversammlung einberufen und sagen: "Ok, wir haben gewonnen, lasst uns alle wieder nach Hause gehen und das irakische Volk jetzt in freier Selbstbestimmung über seine Zukunft entscheiden?" Wohl kaum.

Den meisten Bush-Bashern ist das irakische Volk ziemlich egal

Die Terrorangriffe auf die mit Hilfe der USA abgehaltenen Wahlen im Irak gelten nicht in erster Linie George W. Bush. Der Terror gilt der Idee eines freien Irak, der aus diesen Wahlen hervorgehen könnte.

Doch den meisten Bush-Bashern ist das irakische Volk ziemlich egal. Ja, die Amerikaner haben in Abu Ghureib einen Sündenfall begangen, und es ist zu billig, diese brutalen Übergriffe als verirrte Taten Einzelner abzutun. An den Strafverfahren gegen die Folterer gibt es viel zu kritisieren, und es ist schäbig, wie sich die Befehlshaber im Pentagon, Donald Rumsfeld vorneweg, aus der Verantwortung stehlen. Taktische Fehler gab es zuhauf: die USA haben nach dem Einmarsch 2003 die irakische Armee aufgelöst und damit ein paar hunderttausend Männer im wahrsten Sinne des Wortes in die Wüste geschickt. Eine reformierte irakische Armee aber hätte die Grenzen sichern und die Sarkawis dieser Welt daran hindern können, den Irak in ein Eldorado des Terrors zu verwandeln. Nebenbei hätten viele Familien über den monatlichen Sold ein Auskommen gehabt.

All das sind Gründe zur Kritik, aber keine Anlässe für Schadenfreude. Schon möglich, dass die Amis zurzeit im Irak vieles falsch machen. Aber manches machen sie auch richtig. Der Sturz eines Tyrannen kann kein Fehler sein. Was wir derzeit erleben, ist nur der Anfang vom Ende eines Alptraums, in dem die Iraker jahrzehntelang leben mussten, ohne dass ihnen irgendjemand zu Hilfe gekommen wäre.

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