Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Freitagspredigt in Iran: "Ein historisches Ereignis"

Hunderttausende Iraner demonstrierten zum Freitagsgebet von Ex-Präsident Rafsandschani auf der Straße. Als "historisches Ereignis nicht nur für Iran, sondern für die ganze islamische Welt", wertet die Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi den Aufmarsch der Reformbewegung in einem SPIEGEL-Interview.

Hamburg/Teheran - Schirin Ebadi ist beeindruckt von der wieder erstarkten Oppositionsbewegung in Iran. Als "historisches Ereignis nicht nur für Iran, sondern für die ganze islamische Welt" wertet die iranische Rechtsanwältin und Friedensnobelpreisträgerin Schirin Ebadi den Aufmarsch der Reformbewegung zum Freitagsgebet in Teheran.

Nobelpreisträgerin Ebadi: "Schwere Krise" des iranischen Systems Zur Großansicht
REUTERS

Nobelpreisträgerin Ebadi: "Schwere Krise" des iranischen Systems

"Auch die Parolen 'Tod China' und 'Tod Russland' waren wichtig", sagte Ebadi dem SPIEGEL. "Die Bevölkerung hat durchschaut, wer auf der Seite des Regimes seit Jahrzehnten steht - zwei Länder, die selbst massiv die Menschenrechte verletzen."

Ebadi begrüßte - wenn auch mit Einschränkungen - die Predigt des Ex-Präsidenten Ali Akbar Haschemi Rafsandschani, der sich seit der vom Vorwurf massiver Manipulationen überschatteten Präsidentenwahl am 12. Juni nicht mehr öffentlich geäußert hatte. "Rafsandschani hat Kritik geübt, aber nicht entschieden genug."

Begleitet von den größten Massenprotestenseit knapp einem Monat hatte Rafsandschani die politische Führung unter Ajatollah Ali Chamenei scharf attackiert. In seinem Freitagsgebet sprach er von eindeutigen Verstößen bei der Wahl und stellte das offizielle Endergebnis in Frage, wonach Amtsinhaber Mahmud Ahmadinedschad die Abstimmung gewonnen hat. Zugleich verlangte Rafsandschani, der im Wahlkampf Hossein Mussawi unterstützt hatte, die Freilassung inhaftierter Demonstranten und eine Lockerung der Pressezensur.

Eine Versöhnung zwischen Regime und Bevölkerung sieht die Friedensnobelpreisträgerin Ebadi nur, "wenn die Führung den Willen des Volkes respektiert und nicht weiter mit Gewalt gegen die Reformbewegung vorgeht". Das System in Iran stecke "in einer schweren Krise. Nur wenn die Regierung Vernunft zeigt und auf die Menschen zugeht, wird es eine Lösung des Konflikts geben. Andernfalls habe ich keinen Zweifel daran, dass die Proteste weitergehen".

Regierungsnahe Presse attackiert Rafsandschani

Die regierungsnahe Presse hat Rafsandschani wegen seines Angriffs auf die iranische Führung beim Freitagsgebet heftig kritisiert. Rafsandschani unterstütze öffentlich Verbrecher, hieß es in einem Leitartikel der Zeitung "Kayhan". Auch die Äußerung des früheren Staatspräsidenten, Iran stecke in einer Krise, sei falsch. "Das aussagekräftigste Wort, die derzeitige Lage zu beschreiben, ist 'Verschwörung'", schrieb "Kayhan"-Chefredakteur Hossein Schariatmadari.

Der Leitartikel signalisiert die zunehmende Kluft in der iranischen Gesellschaft nach der umstrittenen Präsidentschaftswahl. Schariatmadari gilt als Hardliner. Er fordert auch, dass der bei der Wahl unterlegende Präsidentschaftskandidat Mussawi und ein weiterer führender Reformer wegen "schrecklicher Verbrechen" vor Gericht gestellt werden.

mit Agenturmaterial von Reuters

Diesen Artikel...
Forum - Unruhen und kein Ende - wie geht es weiter in Iran?
insgesamt 4111 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Betonia, 17.07.2009
Zitat von sysopIrans Hauptstadt wird erneut von Unruhen erschüttert. Nach dem Freitagsgebet von Ex-Präsident Rafsandschani liefert sich die Opposition Straßenschlachten mit der Polizei. Wie geht es weiter in Iran?
Die letzten Demonstrationen und das Verhalten der Machthaber hat bei der Bevölkerung etwas losgetreten. Das wird schwer zu stoppen sein.
2.
Die_Geistwurst, 17.07.2009
Zitat von sysopIrans Hauptstadt wird erneut von Unruhen erschüttert. Nach dem Freitagsgebet von Ex-Präsident Rafsandschani liefert sich die Opposition Straßenschlachten mit der Polizei. Wie geht es weiter in Iran?
Meine Einschätzung ist, dass die Regierung ihre Macht mit allen Mitteln verteidigen wird.
3. Es gibt nur noch zwei Wege
iranrevolution2009 17.07.2009
Möglichkeit 1: Die beiden Lager einigen sich über eine Art Machtaufteilung und es herrscht zumindes in dem Herrschersystem Einigkeit (Unabhängig was Menschen wollen) Möglichkeit 2) Es gibt keine Einigung und die Menschen halten den Druck aufrecht, dann gibt es nur die Möglichkeit erst Ahamdai und dann Chamenei abzusetzen. Hier sind die Gewinner auch Menschen.
4. Was in den letzten Tagen geschah:
Zarathustra, 17.07.2009
• ِDie beiden Großayatollahs Montazeri und Zanjani haben in einem ungewöhnlich scharfen Ton, ohne Namen zu nenne, die Führung angegriffen • Ayatollah Ostadi, der Hauptprädiger in der religiösen Statdt Qom, hat seinen Streik für die nächsten Wochen bekannt gegeben. D.h. er wird auf das Predigen im Freitagsgebet verzichten. Dafür hat er von 19 weiteren Religionsgelehrten aus Ghom Unterstützung und Zuspruch bekommen. • Mohsen Rezai (der vierte Kandidat) sieht die Zukunft des Systems als sehr schwarz. • Revolution und Widerstand der Frauen: Nicht nur junge Frauen, sondern auch ältere und Frauen mit Tschador machen bei den Protesten mit • Erfinderischer Widerstand: jedes Mal, wenn man im staatlichen Fernsehen die Führung oder irgendein Interview mit einem Inhaftierten zeigen will, setzen die Menschen sämtliche Elektrogeräte ein und legen so die Stromversorgung für eine bestimmte Zeit lahm. • Rausschmiss von zwei Ahmadi nahe stehenden Mitgliedern des Schlichtungsrates, der von Rafssanjani geleitet wird. • Ahmadi in Mashhad http://www.bazyab.ir/index.php?option=com_content&task=view&id=46155&Itemid=1 Dieser Mensch hat angeblich über 24 Millionen stimmen erhalten und wird bei seinem ersten Besuch nach den Wahlen in der heiligen Stadt Mashhad von gerade einigen hunderten Menschen bejubelt.
5.
Betonia, 17.07.2009
Zitat von iranrevolution2009Möglichkeit 1: Die beiden Lager einigen sich über eine Art Machtaufteilung und es herrscht zumindes in dem Herrschersystem Einigkeit (Unabhängig was Menschen wollen) Möglichkeit 2) Es gibt keine Einigung und die Menschen halten den Druck aufrecht, dann gibt es nur die Möglichkeit erst Ahamdai und dann Chamenei abzusetzen. Hier sind die Gewinner auch Menschen.
Wobei mir nicht ganz klar ist, was die Mehrzahl der Menschen im Iran wollen. 1. Eine islamische Republik mit ein paar Änderungen und etwas weniger Drangselei von oben. 2. Oder wollen sie eine demokratische - sprich westliche -Form der Regierung, in der Religionen und deren Vorschriften Privatsache sind.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Widerstand: Irans Opposition protestiert wieder


Der kompakte Nachrichtenüberblick am Morgen: aktuell und meinungsstark. Jeden Morgen (werktags) um 6 Uhr. Bestellen Sie direkt hier: