Freitagspredigt in Iran: Europa kritisiert Chameneis Trotzrede

Der oberste geistliche Führer Irans hat gesprochen - der Westen reagiert ernüchtert und verärgert. Bundeskanzlerin Merkel nannte die Rede von Ali Chamenei enttäuschend, Großbritannien protestiert. Der Ajatollah hatte Ahmadinedschad zum Wahlsieger ausgerufen und das Ausland attackiert.

Brüssel/Teheran - Wenn es vor der Rede Ajatollah Chameneis noch Hoffnung auf ein Einlenken der iranischen Führung im Streit um die Präsidentschaftswahl gab - seit dem Auftritt des obersten geistlichen Führers beim Freitagsgebet ist klar: Die iranische Staatsspitze bleibt bei ihrer Linie. Chamenei erklärte Präsident Mahmud Ahmadinedschad zum Wahlsieger. Es habe keinen Wahlbetrug gegeben.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Rede beim EU-Gipfel in Brüssel als enttäuschend. Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) sagte, der EU-Rat fordere von der Regierung in Teheran, die freie Presseberichterstattung wieder zuzulassen.

Der britische Premierminister Gordon Brown sagte in Brüssel, die Augen der Welt blickten nun nach Iran, und das Land müsse beweisen, dass die Brutalität der vergangenen Tage sich nicht wiederhole. Für gute Beziehungen zu Iran müsse die Regierung in Teheran zeigen, dass die Wahl fair abgelaufen sei und sie Menschenrechte und Pressefreiheit respektiere.

Republik Iran
REUTERS
Die Islamische Republik Iran ist mit einer Fläche von rund 1,7 Millionen Quadratkilometern fünfmal so groß wie Deutschland. Das Land besitzt nach Russland die zweitgrößten Erdgasreserven der Welt, beim Erdöl steht Iran auf Platz drei und ist derzeit nach Saudi-Arabien der größte Produzent innerhalb der Opec.
Als direkte Reaktion auf Chameneis Rede bestellte das britische Außenministerium den iranischen Botschafter in London ein. Eine Ministeriumssprecherin sagte, die Regierung wolle sich über die Äußerungen Chameneis beim Freitagsgebet beschweren. Chamenei hatte sich über eine Einmischung aus dem Ausland beschwert und Großbritannien dabei explizit als "böse" bezeichnet. Er wetterte gegen die "Führer der arroganten westlichen Staaten". Der Feind habe bereits vor der Wahl Unruhe stiften wollen, sagte er vor Zehntausenden Zuhörern. Es sei Ziel des Auslands, Iran zu destabilisieren.

Noch ist unklar, wie die Opposition auf die Rede Chameneis reagiert. Um das Freitagsgebet nicht zu stören, waren für Freitag keine Demonstrationen geplant. Der offiziell unterlegene Präsidentschaftskandidat Hossein Mussawi hatte für Samstag eine weitere Großkundgebung angekündigt.

Die wurde inzwischen verboten: Eine Erlaubnis für die Kundgebung sei nicht erteilt worden, sagte der Gouverneur der iranischen Hauptstadt, Mortesa Tamadon, am Freitag der amtlichen Nachrichtenagentur Isna. Er hoffe daher, dass der Protestzug nicht stattfinden werde. Die Demonstrationen der Mussawi-Anhänger der vergangenen Tage seien ebenfalls illegal gewesen.

Aus Protest gegen die umstrittene Wiederwahl des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad am Freitag vor einer Woche waren die Anhänger Mussawis bislang täglich auf die Straße gegangen. Sie werfen der Regierung Wahlfälschung vor und fordern Neuwahlen. Die Menschenrechtsorganisation Amnesty International geht davon aus, dass bei den Massenprotesten in Iran bislang "bis zu zehn" Menschen getötet wurden. Zuvor hatte die Organisation von 15 Toten berichtet, die Zahl aber später korrigiert. Nach offiziellen iranischen Angaben wurden bei Protesten am Montag sieben Menschen getötet.

Chamenei hatte die Demonstranten vor weiteren Protesten gewarnt und indirekt mit einer harten Vergeltung gedroht. Falls es zu Chaos und Blutvergießen komme, dann sei das allein die Schuld der Anführer der Demonstrationen, sagte er.

"Das Wahlergebnis wird an der Urne, nicht auf der Straße bestimmt", erklärte Chamenei. Unter den Zuhörern an der Universität von Teheran war auch der offizielle Wahlgewinner Ahmadinedschad.

Vor der Universität und in den umliegenden Straßen versammelten sich unzählige Menschen, die Parolen riefen und Bilder Chameneis, Ahmadinedschads und des Ajatollah Ruhollah Chomeini, den Vater der Islamischen Revolution von 1979, in die Höhe hielten. Einige von ihnen trugen iranische Fahnen um die Schultern. Auf mehreren Spruchbändern waren anti-westliche Parolen geschrieben. "Lasst nicht zu, dass die iranische Geschichte mit den Stiften von Ausländern geschrieben wird" stand auf einem Transparent.

Chamenei sagte, die Proteste würden nicht dazu führen, dass die Führung illegale Forderungen der Kandidaten akzeptieren werde."Dies wäre der Beginn einer Diktatur." Wahlfälschungen habe es nicht gegeben. Jegliche Beschwerden sollten bei den dafür zuständigen, rechtmäßigen Stellen vorgebracht werden. Der unter starkem Einfluss Chameneis stehende Wächterrat, das oberste legislative Organ der Islamischen Republik, plant, sich am Samstag die Beanstandungen der unterlegenen Kandidaten anhören.

Chronik
AFP
Im Zweiten Weltkrieg gilt der monarchische Staat Iran als Freund der Achsenmächte. Britische und sowjetische Truppen besetzen daher 1941 das Land. Resa Schah muss abdanken. Die Alliierten inthronisieren seinen Sohn Mohammed Resa . Wegen seiner proamerikanischen Reformpolitik gerät der Schah erstmals 1963 in die Kritik von Ajatollah Ruhollah Chomeini, einem damals hochrangigen religiösen Führer, den die Regierung ein Jahr später in die Türkei abschiebt. Chomeini geht schließlich in den Irak. Dort bleibt er 13 Jahre und entwickelt er das Staatsmodell des islamischen Staates. Mit seiner repressiven Politik und seinem dekadenten Herrschaftsstil bringt der Schah eine wachsende Opposition aus sehr unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Schichten gegen sich auf.

sac/dpa/AFP/Reuters/AP

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