Freiwilliger im Irak Von einem der auszog, den Unsinn des Dschihad zu begreifen

Von , Beirut

2. Teil: Nadims großer Tag im Krieg - und das bittere Ende


Das änderte sich auch nicht, als Nadims Gruppe nach vier Tagen an der Grenze schließlich nach Bagdad verlegt wurde. Dort war der Krieg aus der Luft im vollen Gange und den libanesischen Jungs wurde langsam mulmig. "Wir hockten völlig ungeschützt in einem Armeecamp, um uns herum detonierten die Bomben der Amerikaner." Angst gesellte sich zur Langeweile, Zweifel kamen auf, ob ihr Plan so klug gewesen sei. Die Enttäuschung wuchs noch, als die Iraker endlich ein Trainingsprogramm für die Freiwilligen aufstellten: Es bestand aus Seilspringen und Dauerlauf.

Nadims großer Tag kam dann schließlich doch noch. Nach einer Woche in der irakischen Hauptstadt wurden er, seine Cousins und 120 weitere Kämpfer nach Kut nahe der iranischen Grenze gebracht. Nach einer kurzen Einweisung in den Umgang mit einer Kalaschnikow und Panzerfäusten wurden sie abkommandiert, eine Stellung zu verteidigen. "Auf der einen Seite wir, auf der anderen die Amerikaner mit Granatwerfern, Panzern, Kampfflugzeugen und sogar Clusterbomben, es war der Irrsinn."

Das Gefecht dauerte vier Stunden, mehrere Freiwillige starben, alle wurden durch Schrapnell verwundet, sagt Nadim. Zum Schluss hätten sich die amerikanischen Soldaten zurückgezogen.

"Geht nach Hause"

Nach dem Einsatz kam die Ernüchterung: Zwar beglückwünschte Saddam Hussein in einer Radiobotschaft die "tapferen arabischen Brüder von Kut". Doch in Gesprächen mit den Einheimischen mussten die Libanesen feststellen, dass die unter Saddam unterdrückten Schiiten der Region den Regimesturz durchaus begrüßten. Und selbst die Offiziellen der Baath-Partei drängten die Ausländer, doch zu gehen. "Ihr wisst gar nicht, was euch noch bevorsteht, geht nach Hause."

Den Cousins dämmerte es: "Wir sind hier, um einen Heiligen Krieg zu führen, den die Iraker gar nicht wollen." Tief enttäuscht machten sie sich auf den Heimweg - nur um in den inzwischen von den Amerikanern eroberten Kurdengebieten verhaftet zu werden.

Im amerikanischen Gefangenenlager in Kirkuk kam Nadim das letzte bisschen Motivation eines Glaubenskriegers abhanden. Die Amerikaner sind gar keine schlechten Menschen, berichtete er von seinen Erfahrungen. "Die Soldaten waren sehr menschlich zu uns." Wenn ein Gefangener gestürzt sei, hätten sie im aufgeholfen, habe einer nicht essen wollen, hätten sie ihm gut zugeredet. "In arabischen Gefängnissen ist das anders, die freuen sich, dass sie deine Ration einsparen."

Die Bombe explodiert beim Müllsammeln

Es war nach sechs Monaten Gefangenschaft, als es Nadim schließlich erwischte. Beim täglichen Müllsammeln außerhalb des Lagers trat der Mann vor ihm auf eine Clusterbombe. Die Explosion riss auch Nadim beide Unterschenkel ab. Zweieinhalb Monate wurde er im britischen Militärkrankenhaus von Basra gepflegt. Nach insgesamt neun Monaten im Irak flog ihn das Rote Kreuz zurück in den Libanon, seine Cousins wurden zwei Monate nach ihm ausgeflogen.

Anfangs sah es noch so aus, als sei Nadims missratenes Abenteuer mit seiner Heimkehr endlich Geschichte. Sicher, er kam als Krüppel zurück, doch zu was für einem Empfang. Ein Video zeigt das Fest, dass das Dorf zu seiner Rückkehr schmiss, 5000 Leute, Feuerwerk, Musik, Tanz. "Hätte ich gewusst, dass mich meine Nachbarn so sehr lieben, wäre ich geblieben und zur Bürgermeisterwahl angetreten", grinst Nadim.

Für immer verdächtig

Doch nach dem Überschwang kam die Leere. Nadims kurze Karriere als Kämpfer hat ihn seinen Platz im Dorf gekostet, seine Arbeit, seine Zukunft. Weil er auf seinen billigen Prothesen nicht lange stehen kann, kann er nicht mehr als Friseur arbeiten, weil seine Verletzung irgendwie auch selbst verschuldet ist, will keine Versehrtenorganisation im Libanon Geld für bessere Prothesen geben. Und weil er so kein Geld verdient, will der Vater seiner Freundin sie ihm nicht zur Frau geben. "Er sagt, bau ein anständiges Haus, dann lass ich euch heiraten", erzählt Nadim, der weiß, dass er in seinem Leben kein Haus bauen wird. So geht er der Geliebten aus dem Weg und hofft, dass sie ihn deshalb hassen lernt.

Der Tiefpunkt war erreicht, als er dann im Sommer letzten Jahres verhaftet wurde. Syrische Kameraden aus seiner Irak-Zeit hatten den Versehrten besucht, die libanesischen Behörden sahen eine qaidanahe Terrorzelle keimen. "Unfug", sagt Nadim. "Ich bin doch das beste Beispiel, dass es sich nicht lohnt. Ich würde jedem abraten, in den Irak zu gehen. Dschihad macht keinen Sinn."

Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt, Nadims Hoffnung auf eine bessere Zukunft ist trotzdem dahin. "Ich werde für immer verdächtig bleiben, für immer für dieses idiotische Abenteuer zahlen", sagt er - und lacht dabei, wie es seine Art ist.



© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.