Fremdenhass in Moskau "Lasst uns die Messer wetzen"

Ein wütender Mob zerstört Geschäfte von Ausländern, Rechtsextreme machen Jagd auf Gastarbeiter: Moskau ist nach den rassistischen Übergriffen in Birjuljowo-West nervös - die Neonazis im Land hetzen weiter. Dabei hat der Kreml die Ressentiments selbst mit geschürt.

Von , Moskau

AP/dpa

Moskaus weltstädtisches Flair franst zum Rand hin aus. Je weiter die Viertel vom Zentrum entfernt liegen, desto höher werden die Mietskasernen. Ganz im Süden liegt Birjuljowo-West, das Trabantenviertel mit 90.000 Einwohnern an der Ringautobahn. Dahinter beginnt die Provinz.

Moskau hat Dutzende solcher Vorstädte. Große wie Chimki kennen viele, Birjuljowo-West dagegen war nur wenigen ein Begriff. Das hat sich seit den fremdenfeindlichen Ausschreitungen am Sonntag geändert . Das Fernsehen strahlt Sondersendungen aus und warnt vor weiteren Angriffen auf Polizisten, die doch die "Ordnung in unserer Stadt schützen".

Mit Recht und Ordnung war es auf den Straßen von Birjuljowo-West am Sonntag nicht weit her. Ein wütender Mob machte Jagd auf Ausländer. Nationalistisch gesinnte Jugendliche warfen Autos und Lieferwagen um. Sie zertrümmerten Scheiben von Geschäften, von denen sie glaubten, dass sie Gastarbeitern gehören, steckten Läden in Brand. Dabei riefen sie Parolen wie "Russland den Russen".

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Auslöser für die fremdenfeindlichen Übergriffe war offenbar der Tod eines jungen Mannes aus Birjuljowo. Der 25-jährige Jegor Scherbakow war in der Nacht zu Freitag auf dem Weg nach Hause niedergestochen worden - von einem "Nicht-Russen", wie seine Freundin beteuert. Der Mann habe das Pärchen gegen zwei Uhr in der Nacht auf der Straße belästigt, während eines Handgemenges ein Messer gezogen. Medienberichten zufolge verletzte die Klinge Scherbakow am Herzen, er starb noch am Tatort.

Mehrere tausend Demonstranten forderten am Sonntagnachmittag vom Chef der Stadtverwaltung Konsequenzen: die Festnahme des Mörders - und die Ausweisung von Gastarbeitern aus Zentralasien und dem Kaukasus aus dem Viertel. Unter den aufgebrachten Anwohnern befanden sich zahlreiche Rechtsextreme aus dem Großraum Moskau.

Russische Neonazis hatten den Aufruf zu der Demonstration am Samstag in einschlägigen Internetforen veröffentlicht. Mehrere hundert gewaltbereite Rechtsextreme lieferten sich daraufhin stundenlang Straßenschlachten mit der Polizei. Die hatte zwar Männer der gefürchteten Bereitschafts-Einheit Omon im Einsatz, war aber zu keinem Zeitpunkt Herr der Lage.

"Plan Vulkan" tritt in Kraft

Nach den ersten Festnahmen umzingelte die Menge Polizei-Busse und erzwang die Freilassung mehrerer Angreifer. Die Absperrungen der Polizei umgingen die Schläger, indem sie auf die Hinterhöfe auswichen. Man wolle jetzt "die Messer wetzen", hörte ein Reporter der Tageszeitung "Kommersant" die Rechtsextremen sagen. Moskaus Polizei setzte daraufhin den "Plan Vulkan" in Kraft und versetzte alle verfügbaren Kräfte im Stadtgebiet in Alarmbereitschaft, zum ersten Mal seit den Terroranschlägen auf die Moskauer U-Bahn mit rund 40 Toten im Jahr 2010.

Im Stadtzentrum riegelten Sicherheitskräfte den Manegenplatz vor dem Kreml ab. Insgesamt meldete das Innenministerium 400 Festnahmen. Fünf Polizisten und elf Demonstranten wurden verletzt. Die Behörden sind extrem nervös. Sie fürchten, dass die Unruhen von Birjuljowo übergreifen könnten. Zudem steht das islamische Opferfest vor der Tür. Hunderttausende in Moskau lebender Muslime wollen es feiern, das Fest sorgt Jahr für Jahr für Spannungen.

Angst vor zu vielen Einwanderern

Die Angst vor einer Überfremdung hat in Umfragen die Furcht vor Terroranschlägen als größte Sorge der Russen überholt. Ethnische Spannungen in Großstädten sind "die größte Gefahr für Russlands nationale Sicherheit", glaubt Dmitrij Trenin vom Moskauer Carnegie-Center.

Russland ist Hauptziel für Arbeitsmigranten aus Zentralasien. Rund vier Millionen Tadschiken, Usbeken und Kirgisen arbeiten legal im Land. Dazu kommen laut Schätzungen mindestens genauso viele illegale Einwanderer. Der Kreml und die russischen Behörden spielen in der Frage ein doppeltes Spiel. Im Sommer ließ der Föderale Migrationsdienst, gerade erst in den Rang eines Ministeriums erhoben, Hunderte Gastarbeiter vor Moskau in Zelten internieren. Die Medien sprachen von einem "Konzentrationslager".

Moskaus gerade im Amt bestätigter Bürgermeister Sergej Sobjanin forderte im Wahlkampf eine Verschärfung der Einreiseregeln. Andererseits ist Moskaus staatliche kommunale Hausverwaltung einer der größten Arbeitgeber für Gastarbeiter. Die billigen Arbeitskräfte kehren in der Hauptstadt Straßen und Höfe, leben oft aber zusammengepfercht in engen Kellern.

Hetze in einschlägigen Foren

In Sotschi bauen vor allem Wanderarbeiter die Arenen für die olympischen Winterspiele 2014, das Prestigeprojekt von Präsident Wladimir Putin. Die Straßenschlacht in Birjuljowo nutzen Kreml-Gegner wie Kreml-Treue, um Stimmung zu machen. Alexej Nawalny, der Hoffnungsträger der pro-westlichen Opposition, forderte die Einführung einer Visapflicht für Einwanderer aus Zentralasien.

Die orthodoxe Kirche des Landes veröffentlichte Kommentare, hart an der Grenze zum Aufruf zur Selbstjustiz. Das "Blut des Ermordeten schreit zum Himmel", so Erzpriester Wsewolod Tschaplin, Beauftragter des Moskauer Patriarchen für Beziehungen zwischen Kirche und Gesellschaft. Die Kommentatoren in den einschlägigen Foren der Nationalisten triumphieren. Nötig seien aber Aktionen wie in Birjuljowo schreibt einer: "in ALLEN Vierteln ALLER Städte RUSSLANDS".

Am Montagmorgen rückte Moskaus Polizei mit rund 300 Mann zu einem Großeinsatz nach Birjuljowo aus - und schloss einen Großmarkt, in dem viele Migranten arbeiten. Rund 1200 Menschen wurden festgenommen.

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