Friedensaktivistin in Arafats Amtssitz "Ich würde für Israelis das Gleiche tun"

Die 21-jährige Julia Deeg aus Berlin hält sich seit über drei Wochen in Arafats belagertem Amtssitz in Ramallah auf - gemeinsam mit etwa 30 internationalen Friedensdemonstranten aus zehn Ländern. SPIEGEL ONLINE sprach heute Morgen mit ihr über die Lage und ihre Hoffungen für die deutsche Nahostpolitik.


Panzer belagern Arafat: Ramallah im April 2002
AFP

Panzer belagern Arafat: Ramallah im April 2002

SPIEGEL ONLINE:

Sie halten sich jetzt seit über drei Wochen in Arafats Amtssitz auf. Warum tun Sie sich das an?

Julia Deeg: Ich werde hier bleiben, bis das israelische Militär nach Hause geht. Wir sind hier, um Druck auszuüben, damit ein rechtloser Zustand beendet wird und die Menschenrechte wieder respektiert werden. Unabhängige Beobachter und Journalisten sind ausgesperrt, Ambulanzen und Versorgung werden behindert. Hiermit fangen bereits krasse Menschenrechtsverletzungen an.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eine Vorstellung, wie lange das noch so weitergehen wird?

Deeg: Das hängt wirklich davon ab, wie sich die Regierungen weltweit verhalten, auch unsere. Deshalb hoffe ich heute auf klare Worte aus dem Bundestag. Dass endlich einmal eine klare Linie zu Stande kommt und wirksame Druckmechanismen entwickelt werden. Aber Deutschland hat sich bisher nicht sehr mutig gezeigt, wohl auch wegen des Vorwurfs, dass Israel-Kritik antisemitisch sei.

SPIEGEL ONLINE: Bei vielen Kritikern ist dieser Vorwurf ja auch berechtigt.

Deeg: Ich bekomme das auch oft zu hören. Aber ich würde für Israelis das Gleiche tun. Nur sind die eben nicht in der gleichen Situation wie die Palästinenser. Ich habe heute israelischen Soldaten vor der Tür zugerufen, dass ich sehr schlimm finde, was vor 60 Jahren in Deutschland passierte. Dass es aber auch Menschen gab, die damals widersprochen haben, so wie ich jetzt widerspreche. Ich bin nicht anti-israelisch oder anti-jüdisch oder pro-palästinensisch, sondern ich bin für die Menschenrechte.

SPIEGEL ONLINE: Aber auch palästinensische Terrorgruppen begehen Morde und missachten die Menschenrechte.

Friedensaktivistin in Ramallah
DPA

Friedensaktivistin in Ramallah

Deeg: Egal auf welcher Seite: Ich verurteile jegliche terroristische Gewalt gegen Menschen. Ich finde Terroranschläge, wie sie Palästinenser verübt haben, niemals richtig. Aber auch die Israelis beschreiten den falschen Weg. Von Palästina als Staat ist keine Gewalt ausgegangen. Das waren einzelne Leute und Gruppen, denen Arafat einen Prozess angekündigt hat. Aber solange sie nur Beschuldigte sind und noch keine überführten Täter, sollte man überall mit Vorverurteilungen zurückhaltend sein.

SPIEGEL ONLINE: Aber es gibt doch klare Bekennerschreiben von Selbstmordattentätern aus Organisationen im PLO-Umfeld.

Deeg: Warum werden dann seit Beginn der israelischen Offensive ausgerechnet alle Polizeistationen zerstört und Computer, Karteien und Akten vernichtet? Und warum werden alle Autoritäten isoliert? Wie soll Arafat ohne funktionierende Institutionen und Polizei denn je durchgreifen können? Neben uns wurde vorgestern sogar ein Gefängnis gesprengt.

SPIEGEL ONLINE: Scharon beschwört aber, dass es sich um Terroristenjagd handelt.

Deeg: Ist das nicht aber in gewisser Weise Staatsterrorismus? Es ist schlimm, wenn sich Leute in die Luft sprengen und damit unschuldige Menschen umbringen. Aber wird denn auch darüber nachgedacht, warum sich ein 16-jähriges Mädchen zu solch einer Verzweiflungstat verführen lässt? Ich muss doch nach den Ursachen fragen. Was hier passiert, hat jede zivile Entwicklung um mindestens zehn Jahre zurückgeworfen und bestärkt auf beiden Seiten die Menschen, die fundamentalistisch einem furchtbaren Glauben folgen.

SPIEGEL ONLINE: Müssen Sie nicht dennoch fürchten, hier für einseitige Propagandazwecke missbraucht zu werden?

Deeg: Ich erlebe das Geschehen hautnah genug, um mir eine eigene Meinung bilden zu können. Also, wenn mich einer fragt, wen ich vertrete, welche Gruppe oder Richtung oder Partei, dann sage ich: Ich bin Julia.

SPIEGEL ONLINE: Was macht Sie so sicher, dass die Informationen stimmen, die Sie bekommen?

Deeg: Wir sind hier nicht nur abhängig von den Informationen der palästinensischen Autoritäten und sagen zu allem Juhu. Auch die Palästinenser hier argumentieren sehr kontrovers, auch mit Arafat zusammen. Jeder hat außerdem eigene Verbindungen nach draußen, um Zusatzinformationen zu erhalten. Wir empfangen auch internationale Medien. Und Informationen sichern wir prinzipiell mit eigenen Nachfragen übers Telefon ab. Natürlich ist die Wahrheit ein Puzzlespiel, aber wir melden nichts, bevor uns unabhängige Stellen einen Sachverhalt bestätigen.

SPIEGEL ONLINE: Gestern war Javier Solana, der Gesandte Europas, bei Arafat. Ist daraus neue Hoffnung gewachsen?

Israelische Soldaten dringen Ende März in Arafats Amtssitz ein
DPA

Israelische Soldaten dringen Ende März in Arafats Amtssitz ein

Deeg: Mit Solana war das wie mit US-Außenminister Colin Powell. Verbal zeigen sich alle Beteiligten schnell einig. Aber etwas Konkretes bewegt sich nicht, um die Uno-Resolutionen gegenüber Israel endlich durchzusetzen. Deshalb hoffen wir, dass wenigstens ein kleines Versprechen erfüllt wird: Wir haben Solana einen Wunschzettel für Medikamente mitgegeben, die hier dringend gebraucht werden. Er wollte auch Nahrungsmittel mit der Delegation hier hereinbringen, das haben die israelische Soldaten aber untersagt.

SPIEGEL ONLINE: Was heißt das für die Versorgung?

Deeg: Wie bei einer Belagerung im Mittelalter: Wir werden ausgehungert. Vor acht Tagen kam mit einem Sanitätsfahrzeug die letzte Lebensmittellieferung. Am Sonntag hatte der französische Konsul bei einer Visite durch Zufall Pakete für ein Waisenhaus dabei mit Trockenmilch, Linsen und Babynahrung. Davon leben jetzt hier hundert Leute.

SPIEGEL ONLINE: Ihre Klagen mag hier niemand so recht ernst nehmen. Sie mussten doch damit rechnen, dass es so kommt.

Deeg: Rechtfertigt das, dass Leute so etwas tun? Auch als ich vor über drei Wochen mit weißer Fahne hier hergelaufen bin, wurde ich auf den letzten Metern beschossen. Was rechtfertigte diese Schüsse? Was hatte ich Illegales getan?

SPIEGEL ONLINE: Wie werden Sie mit der Angst fertig?

Deeg: Natürlich habe ich Angst. Andererseits gewöhnt man sich auch an immer krassere Situationen. Ich halte mich fest an dem Glauben, dass sie den politischen Wahnsinn nicht veranstalten wollen, das hier zu stürmen. Dann würde alles eskalieren.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie Kontakt zu den israelischen Soldaten?

Deeg: Hier vor dem Fenster, vor dem ich gerade sitze, sind Scharfschützen postiert, die sich hinter Sandsäcken und Vorhängen verstecken. Manchmal laden sie auch durch und legen grinsend auf uns an. Einige Male haben wir laut mit ihnen sprechen können. Auf sie zugehen können wir aber nicht, denn entweder wird geschossen oder sie versuchen uns zu verhaften. Eine Gruppe Franzosen, die vor drei Tagen das Haus verließ, war gestern immer noch in Haft.

SPIEGEL ONLINE: Diskutieren Sie denn ab und zu noch Auswege mit Arafat?

Gespräche, die wenig Bewegung brachten: US-Außenminister Powell und Israels Premier Scharon
AFP

Gespräche, die wenig Bewegung brachten: US-Außenminister Powell und Israels Premier Scharon

Deeg: Ja, wir sehen ihn regelmäßig. Bei Verhandlungen, sagt er, sei das Problem, dass die Israelis ständig ihre Forderungen erhöhen. Einerseits fordert Israel, die Palästinenser müssen für Sicherheit garantieren, anderseits zerstören sie die palästinensischen Polizeidienststellen und jegliche Einrichtungen, die die Gesellschaft braucht, um diese Arbeit zu tun. Und wie sollen die Palästinenser, wie soll Arafat irgendeinen Schritt tun, wenn er hier isoliert ist und beschossen wird?

SPIEGEL ONLINE: Haben deutsche Politiker einmal zu Ihnen Kontakt aufgenommen?

Deeg: Ja, Vertreter der CDU und PDS haben mich angerufen. Von der FDP hat sich jemand bei meiner Mutter gemeldet, die zu Anfang mit mir hier war. Aber seltsamerweise aus dem Regierungslager niemand. Dabei wollte ich unbedingt Joschka Fischer erreichen. Doch bei den Grünen wurde ich nicht weitervermittelt.

Das Interview führte Holger Kulick

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