Friedensforscher Johan Galtung im Interview Teil 2


SPIEGEL ONLINE:

Was sollte der Westen stattdessen tun?

Galtung: Im Koran ist Gewalt zur Selbstverteidigung erlaubt. Ansätze für offensive Gewalt gibt es nicht. Also muss man zu verstehen versuchen, warum sich diese Leute beleidigt fühlen. Ich bin ganz sicher, dies hat auch ökonomische Ursachen. Ein Keim der Motivation, das World Trade Center zu treffen, liegt darin, dass Handel für einen Moslem eine Totalbeziehung ist, während westliche Wirtschaftswissenschaftler in ihrem Kosten-Nutzen-Denken die Gewinnmaximierung lehren. Das ist vergleichbar mit der Unvereinbarkeit von Liebe und Prostitution. Das gibt den Muslimen das Gefühl, sich verteidigen zu müssen. Nur wenige werden aber Gewalt benutzen.

SPIEGEL ONLINE: Sollten wir unsere Handelsbeziehungen neu gestalten?

Galtung: Wir sollten uns ökonomisch ein wenig zurückziehen und beim Handel vorsichtiger sein. Ich sage das nicht als Globalisierungsgegner. Die Vernetzung der Welt wird fortschreiten, aber man muss behutsamer vorgehen. Es könnte sein, dass westliche Ökonomen durch ihre Lehre mehr Menschen demütigen und sogar töten als die so genannten islamischen Fundamentalisten.

SPIEGEL ONLINE: Welche Parallelen sehen sie zwischen islamischen Fundamentalisten und westlichen Wirtschaftlern?

Hunger in Nicaragua: Folgen des "strukturellen Fundamentalismuss" der westlichen Volkswirtschaften
AP

Hunger in Nicaragua: Folgen des "strukturellen Fundamentalismuss" der westlichen Volkswirtschaften

Galtung: Auch Ökonomen sind Fundamentalisten, wenn Sie unter Fundamentalisten Menschen verstehen, die monochromatisch denken, also einem Text oder einer Lehre hörig sind. Und die ihr ganzes Handeln von diesem schmalen Spektrum ableiten. Der strukturelle Fundamentalismus arbeitet langsam: In den Andenstaaten, in Schwarz-Afrika und Südasien sterben täglich 100.000 Menschen an Unterernährung.

"Wieder haben die Moslems gewonnen"

SPIEGEL ONLINE: Raten Sie der USA von einem militärischen Schlag völlig ab?

Galtung: Wenn es wirklich bewiesen ist, wer hinter den Tätern steckt, und der Weltsicherheitsrat zustimmt, bin ich für eine punktuelle, von der Uno legitimierte Polizeiaktion. Die Angreifer auf das World Trade Center und das Pentagon haben eine Unmenge Zivilisten getötet. Wenn der Westen nun dasselbe macht, begibt er sich auf dieselbe Ebene.

SPIEGEL ONLINE: Also umsichtig handeln, aber nicht nachsichtig sein.

CIA-Chef George Tenet: Was weiß er, was sagt er?
AP

CIA-Chef George Tenet: Was weiß er, was sagt er?

Galtung: Genau. Aber ich möchte die Beweise sehen. Ich gehe davon aus, dass die Amerikaner Beweise möglicherweise fabrizieren werden, oder aber sie werden handeln und wie gewöhnlich die Beweise nicht offen legen, um die angebliche Quelle zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Was werden die Folgen eines amerikanischen Angriffs auf islamische Staaten sein?

Galtung: Vergeltung, Vergeltung, Vergeltung. Die große Vergeltungskette. In der Geschichte gab es erst dreimal Dschihad. Das erste Mal gegen die Kreuzzüge von 1095 bis 1291. Der Islam hat gewonnen. Das zweite Mal gegen Israel. Da steht es unentschieden, und der Konflikt dauert an. Das dritte Mal in Afghanistan gegen die sowjetische Invasion. Wieder haben die Moslems gewonnen.

SPIEGEL ONLINE: Würde ein Angriff auf Afghanistan für den Westen mit einem Desaster enden?

Galtung: Die Briten haben in der Mitte des 19. Jahrhunderts versucht, Afghanistan anzugreifen. Ein einziger Mann hat damals überlebt. Von einem Angriff würde ich abraten. Jeder Muslim ist im Prinzip bereit, für die Lehre zu sterben, nicht für einen Extremisten wie Bin Laden, aber für die Lehre. Und jetzt sieht es so aus, als würde genau diese Lehre attackiert.

Bushs ausgemachte Dummheit

SPIEGEL ONLINE: Von wem?

Japan: US-Marines bereiten sich auf dem US-Stützpunkt Okinawa auf einen bevorstehenden Militärschlag vor
AP

Japan: US-Marines bereiten sich auf dem US-Stützpunkt Okinawa auf einen bevorstehenden Militärschlag vor

Galtung: Was die amerikanischen Politiker jetzt sagen, geht in diese Richtung. Bush hat das Wort "Kreuzzug" benutzt. Das war eine ausgemachte Dummheit.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie kein kurzfristiges Mittel, diese Terroristen zu stoppen?

Galtung: Punktuell gäbe es wie gesagt vielleicht eine Möglichkeit - obwohl ich nicht daran glaube. Es gibt viele terroristische Gruppierungen, und deren Netzwerke sind nicht leicht fassbar.

SPIEGEL ONLINE: Werden sich diese Netzwerke auch in die westlichen Gesellschaften hinein weiterspinnen? Indem sie sich etwa mit den Globalisierungsgegnern von Genua verbünden?

"Eine gigantische gewaltlose Bewegung"

"Kampf dem Kapitalismus": Globalisierungsgegner beim G-8-Gipfel in Genua
DPA

"Kampf dem Kapitalismus": Globalisierungsgegner beim G-8-Gipfel in Genua

Galtung: Es wäre möglich, dass sich diese Netzwerke gegen das ökonomische und militärische Amerika verknüpfen. Wobei die Gewalttätigen in Genua nur eine kleine Minderheit waren. Eine militante westliche Oppositionsbewegung gegen die amerikanische Politik sehe ich noch nicht. Aber ich könnte mir eine gigantische gewaltlose Bewegung vorstellen. Im Klartext: Ich glaube, nach der Ost-West-Friedensbewegung wird es sehr bald zu einer Nord-Süd-Friedensbewegung kommen.

SPIEGEL ONLINE: Wird sich diese Nord-Süd-Bewegung nur im Norden abspielen oder auch im Süden?

Galtung: Auch im Süden. Lateinamerika wäre ein Anfangsland. Der Gipfel in Pôrto Alegre in Brasilien etwa war sehr gewaltlos, deshalb wurde darüber nicht berichtet. Ein starker Impuls könnte aus Indien kommen, aber auch aus afrikanischen Staaten.

SPIEGEL ONLINE: Spiegel-Autor Henryk M. Broder spricht davon, europäische Intellektuelle würden den islamischen Terrorismus verharmlosen und wären geneigt, ihm mit einer gewissen Milde zu begegnen. Messen wir Terror mit zweierlei Maß?

Galtung: Nein, ich messe Terror eben nicht mit zweierlei Maß. Ich bin gegen Terrorismus und Staatsterrorismus. Die aktuelle Antwort darf nur ein punktueller Schlag gegen die Täter und deren Drahtzieher sein - wenn dies möglich ist. Damit wäre ich ja einverstanden.

"Joschka Fischer ist ein Nationalist"

SPIEGEL ONLINE: Bundeskanzler Schröder hat den Amerikanern uneingeschränkte Solidarität zugesagt. Wie beurteilen Sie die Haltung der deutschen Regierung?

Galtung: Kurt Biedenkopf hat etwas Interessantes gesagt: "Wir sollten jetzt nachdenken. Wir haben Fehler gemacht." Davon könnten sich die Rot-Grünen leiten lassen, statt nur auf Bündnistreue zu setzen. Die Deutschen haben im Dritten Reich 18 Länder besetzt und zwei Völker fast ganz ausgelöscht, die Juden und die Sinti

Bundeskanzler Schröder: Bündnistreue statt Versöhnungskompetenz?
DPA

Bundeskanzler Schröder: Bündnistreue statt Versöhnungskompetenz?

und Roma. Heute hat Deutschland gute Beziehungen zu fast allen Ländern. Das hat die Bundesrepublik meisterhaft geschafft. Die deutsche Regierung sollte ihre Versöhnungskompetenz in Washington geltend machen.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie insbesondere von den Grünen enttäuscht?

Galtung: Ich bin nicht enttäuscht, weil ich nichts anderes erwartet habe. Petra Kelly war eine sehr gute Freundin von mir. Sie hat immer gesagt, bei den Grünen gebe es zwei mächtige Flügel, nicht die Realos und die Fundis, sondern die Pazifisten und die Nationalisten. Joschka Fischer ist ein Nationalist. Deshalb ist er bei den Deutschen der beliebteste Politiker, beliebter noch als Schröder. Er möchte in der EU das Sagen haben, aber auch auf der Weltbühne mitspielen und bedient somit das Gefühl des Wir-sind-wieder-wer.

Das Interview führte Alexander Schwabe

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