Friedensforscher Johan Galtung "Wenn man Bin Laden tötet, entstehen zehn neue"

Mit den USA geht der Osloer Friedensforscher und Träger des alternativen Friedensnobelpreises Johan Galtung im SPIEGEL-ONLINE-Interview hart ins Gericht. Er sieht die Anschläge auf das World Trade Center und das Pentagon als Vergeltung für eine expansionistische Wirtschafts- und Militärpolitik.


SPIEGEL ONLINE:

Herr Galtung, angesichts der amerikanischen Kriegseuphorie warnen Sie vor unüberlegten Vergeltungsschlägen. Was ist die angemessene Reaktion auf die Anschläge in den USA?

Johan Galtung: Fünf Dinge sind nötig. Erstens: Denkpause. Zweitens: Dialog. Drittens: Versuche, zu verstehen, worum es geht. Viertens: Versöhnung. Und fünftens: die Konflikte lösen. Dieses Schema muss punktuell angewandt werden bezüglich Afghanistan, Irak, Palästina/Israel und so weiter. Konkret schlage ich vor, dass drei Leute wie zum Beispiel Jimmy Carter, Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk mit den Parteien reden, um die Spirale der Gewalt zu vermeiden.

SPIEGEL ONLINE: Meinen Sie islamistische Extremisten würden sich wirklich mit solchen Persönlichkeiten treffen?

Galtung: Absolut. Ich habe einige Kontakte zu diesen Leuten gehabt. Die Bedingung eines Dialogs ist jedoch, dass man ein Minimum über den Islam weiß. Wenn man ihnen zum Beispiel erzählt, das Wort "Dschihad" heiße "Heiliger Krieg", dann schütteln sie ganz einfach den Kopf. Unter Dschihad versteht der gläubige Moslem ganz allgemein die "Anstrengung für die Lehre".

Islamabad: Demonstranten skandieren Anti-US-Slogans
REUTERS

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Es gibt zwar islamistische Fundamentalisten, die die westliche Fehlinterpretation des Worts Dschihad übernommen haben. Aber das sind Ausnahmen, und selbst diese Leute sind ansprechbar. Es bedarf ein wenig Anstrengung von unserer Seite, um zu hören, was die Probleme der anderen Seite sind.

SPIEGEL ONLINE: Die westliche Diplomatie hat beim Kabuler Taliban-Regime bisher nicht gefruchtet.

Galtung: Ich war im Februar Vermittler in Afghanistan und habe auch mit Taliban-Leuten gesprochen. Viele Afghanen sind verbittert. Sie sagen, sie haben fünf Millionen Menschen im Krieg gegen die Sowjetunion 1979 bis 1989 verloren. Die Sowjetunion hat sich zurückgezogen. Sie sehen sich als das Land, das die Welt vom Kalten Krieg befreit hat - und niemand im Westen hat sich beim afghanischen Volk dafür bedankt. Sie haben das Gefühl, dass es überhaupt keine Empathie für sie gibt. Vielleicht fängt die Diplomatie dort an.

SPIEGEL ONLINE: Es gibt doch einen Unterschied zwischen dem afghanischen Volk, dem Taliban-Regime und extremistischen Terroristen, die bereit sind, ihr Leben für ihre Ziele zu opfern und Tausende mit in den Tod zu ziehen.

Galtung: Es gibt Unterschiede - ganz so wie in Palästina. Dort muss es auch zu einem Dialog mit allen Parteien kommen, das schließt die Extremisten mit ein. Man muss natürlich fragen, warum die Radikalen einen Nährboden gefunden haben. Das hat auch mit unserer Politik zu tun. Extremisten gibt es auch auf amerikanischer Seite, das haben wir in Oklahoma gesehen. Ich vermeide die Vokabel "Terrorist" - auch Extremisten haben Gründe für ihr Handeln.

"Sendungsbewusstsein auf beiden Seiten"

SPIEGEL ONLINE: Dennoch müssen die Täter und Hintermänner der jüngsten Anschläge gefunden werden.

Galtung: Ich bin nicht hundertprozentig davon überzeugt, dass Osama Bin Laden und die al-Qaida hinter den Anschlägen in Amerika stecken. Es könnten mehrere Organisationen oder auch andere Gruppierungen sein. Ich glaube zweitens, dass diese Angelegenheit nicht mit einem Krieg zu lösen ist. Selbst wenn man Bin Laden tötete, entstünden zehn neue Bin Ladens. Die Wut ist auf beiden Seiten zu tief in den Massen verankert.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie auch den häufig prognostizierten "clash" der Kulturen?

Galtung: Bushs Wort vom "Kreuzzug" war eine ausgemachte Dummheit
AP

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Galtung: Der Titel von Huntingtons Buch über den Zusammenstoß der Kulturen ist ein Etikettenschwindel. Er schreibt über den clash der Regionen. Es gibt überhaupt keine zivilisatorische Analyse darin. Hätte er diese geleistet, hätte er auch die amerikanische Zivilisation untersuchen müssen. Dort gibt es einen christlichen Fundamentalismus. Präsident Bush hat von "Kreuzzügen" geredet. Es gibt also Sendungsbewusstsein auf beiden Seiten. Der globale Konflikt ist ein Klassenkonflikt zwischen armen und reichen Ländern, armen und reichen Menschen. Es ist kein Konflikt zwischen Zivilisationen.

SPIEGEL ONLINE: Wie begründen Sie Ihre These?

Galtung: Die Attentate in den USA lassen sich doch wie ein Text lesen: Zwei Flugzeuge waren für das Handels-Amerika bestimmt. Ein Flugzeug für das militärische Amerika und drei Autos, so lässt sich deuten, für die Außenpolitik Amerikas. Wäre der Angriff gegen die ganze amerikanische Zivilisation gerichtet gewesen, hätten die Täter viele andere Möglichkeiten gehabt. Hätten sie sich gegen die amerikanische Demokratie gewandt, hätten sie wohl den Kongress angegriffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie sehen die Angriffe als einen reinen Vergeltungsschlag gegen die amerikanische Wirtschafts-, Außen- und Militärpolitik?

Galtung: Ja, denn die USA haben seit dem Zweiten Weltkrieg ähnliches Unheil über wenigstens 30 Länder gebracht. Ich denke nur an die Bombardements in Guatemala, Panama, Libyen, Korea, Vietnam, Somalia, Palästina, Libanon, Irak, Bosnien, Serbien und Chile.

"Kissinger ist der Bin Laden Chiles"

Ex-US-Außenminister Kissinger: Anklage wegen Beihilfe zum Mord in Chile
REUTERS

Ex-US-Außenminister Kissinger: Anklage wegen Beihilfe zum Mord in Chile

SPIEGEL ONLINE: Henry Kissinger wurde kürzlich wegen Beihilfe zum Mord an einem chilenischen Allende-treuen General vor einem Washingtoner Bundesgericht angeklagt.

Galtung: Kissinger ist der Bin Laden Chiles. Die Vorwürfe gegen Bin Laden sind im Vergleich zu den Anklagen gegen Kissinger ganz klein.

SPIEGEL ONLINE: Halten Sie diesen Vergleich nicht für überzogen?

Galtung: Ich beziehe mich auf die Anklageschrift von Christopher Hitchens, die im "Harper's Magazine" im Februar und März diesen Jahres veröffentlicht wurde.

SPIEGEL ONLINE: Laut US-Präsident Bush gilt es jetzt, das Böse weltweit auszulöschen.

Galtung: Leute haben für ihr Handeln immer Gründe. Die Angriffe auf das World Trade Center und auf das Pentagon sind Vergeltungsaktionen. An den Teufel und das Böse an sich glaube ich nicht. Der Westen ist dabei, wieder einmal ein großes Feindbild aufzubauen. Wir sind in einer großen Vergeltungskette gelandet.

Lesen Sie im zweiten Teil, was der Westen tun sollte, über Parallelen zwischen islamistischen Fundamentalisten und westlicher Wirtschaftspolitik, über mögliche Netzwerke zu Globalisierungsgegnern und über die Kritik an der Haltung der deutschen Regierung

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