Friedensgipfel Pakistan und Indien wollen Gletscherkrieg einfrieren

Es ist vermutlich das höchstgelegene Schlachtfeld der Welt. Seit 20 Jahren bekämpfen sich pakistanische und indische Truppen auf dem Siachen-Gletscher im Himalaja. Tausende Soldaten starben: durch Lawinen, die Kälte oder an der Höhenkrankheit. Jetzt wollen die Widersacher auf dem Eisfeld abrüsten.

Von Joachim Hoelzgen


Indische Gurkhas auf dem Siachen-Gletscher (Archiv): Politisches Tauwetter auf dem Eisfeld
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Indische Gurkhas auf dem Siachen-Gletscher (Archiv): Politisches Tauwetter auf dem Eisfeld

Hamburg - Bewaffnet mit einem Diplomatenkoffer, der militärische Landkarten enthielt, erschien gestern in der pakistanischen Armeestadt Rawalpindi Indiens Verteidigungsminister Ajai Vikram Singh. Das hat es zwischen den lange verfeindeten Atommächten Indien und Pakistan selten gegeben, doch das politische Tauwetter in Neu-Delhi und Islamabad macht nun auch das bisher Undenkbare möglich: einen Friedensschluss auf dem höchstgelegenen, abgelegensten und einsamsten Schlachtfeld der Welt, dem Siachen-Gletscher im Karakorum-Gebirge des nordwestlichen Himalaja.

Dort bekämpften sich 20 Jahre lang Hochgebirgstruppen beider Seiten mit Artillerie und auf eisigen Pässen, die sich in der Gipfelkette der so genannten Saltoro Range befinden, überragt von dem 7742 Meter hohen Bergriesen Saltoro Kangri. Zehn Milliarden Dollar hat der Konflikt Indien bis jetzt gekostet. Und Pakistan, das die leichteren Zugänge zum Siachen (deutsch: Rosen) besitzt, verpulverte auf dem 74 Kilometer langen Eisstrom an die sieben Milliarden.

Auf beiden Seiten sind mehr als 4000 Soldaten am Siachen gestorben, wobei Indien die Zahl der Gefallenen mit 2500 angibt. Die meisten von ihnen fanden nicht im Feuer des Feindes den Tod, sondern kamen in Eis- und Schneelawinen um, die manchmal ganze Patrouillen hinwegfegten. Andere wurden das Opfer von Steinschlag, stürzten in Gletscherspalten, erfroren bei grimmiger Kälte oder starben mit Lungen- oder Hirnödemen an der Höhenkrankheit.

Pakistans Verteidigungsminister Tarik Wasim Ghazi mit seinem indischen Amtskollegen Vikram Singh in Rawalpindi: Handschlag für den Friedenkurs
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Pakistans Verteidigungsminister Tarik Wasim Ghazi mit seinem indischen Amtskollegen Vikram Singh in Rawalpindi: Handschlag für den Friedenkurs

Mit den Kämpfen um Grate und Gipfel soll nun aber endlich Schluss sein, verkündete Singh, der in Rawalpindi mit seinem pakistanischen Amtskollegen Tariq Ghazi bis Freitag versucht, das Problem des Rosengletschers zu lösen. Von einem Entflechten der Truppen ist die Rede und ironischerweise von einem "Einfrieren" der Anzahl an Kämpfern, die gegen den Frost Daunenanzüge, Fleecejacken und wasserabweisende Bergstiefel aus Hightech-Materialien tragen.

Ein permanenter Friede im Himalaja scheint möglich, weil seit November 2003 immerhin ein Waffenstillstand in der Sonderwelt des Siachen hält, auf den langsam wieder dessen eigentliche Bewohner - Schneeleoparden und Großsteinböcke - zurückkehren.

"Die politische Führung hat uns angewiesen, mit dem Siachen voranzukommen", gab sich Verteidigungsminister Singh bei der Ankunft in Rawalpindi optimistisch. Das wäre auch von pakistanischer Sicht aus nötig, da eine Befriedung des Gletschers zu jenen vertrauensbildenden Maßnahmen gehören soll, die das noch größere Problem Kaschmir lösen könnten. Der Siachen riegelt den ehemaligen Fürstenstaat in Richtung China ab, ist aber derart isoliert, dass ein Verlauf der Grenze nie markiert wurde.

Gefährliche Region: Ein indischer Soldat überquert mit Hilfe eines Seils eine Schlucht am Siachen
REUTERS

Gefährliche Region: Ein indischer Soldat überquert mit Hilfe eines Seils eine Schlucht am Siachen

Pakistans Militärpräsident Pervez Musharraf jedenfalls fordert mit dem Siachen "eine Lösung des Gesamtkonflikts". Sonst wäre sein Stolz, das stürmische Wirtschaftswachstum des Halbmond-Landes Pakistan, gefährdet, und auch der Warenaustausch mit Indien käme nicht voran. So sehr wirkt die jahrzehntelange Igelstellung beider Staaten nach, dass sie weniger über die gemeinsame Grenze exportieren als etwa in das ferne Finnland.

Vernunft jedenfalls war nicht im Spiel, als 1984 plötzlich indische Truppen die Gletscherzunge des Siachen besetzten und auf dessen Eisfeldern vorrückten. Der Anlass schien völlig banal: In Islamabad hatte das Tourismusministerium westlichen Bergsteigern erlaubt, Expeditionen im großen Gebiet des Gletschers zu veranstalten - ein Vorgang, den Indien als Einschränkung seiner Souveränität auslegte.

Pakistan entsandte seinerseits Truppen, die von der weißen Flusssandwüste des Oberen Industales aus unschwer die Saltoro Range erreichten und auf ihr Positionen etablieren konnten. Selbst vom Conway-Sattel in der Nähe des K 2 aus spähten und schossen die Pakistaner hinab auf den Siachen, in dem sich die Inder metertief verbunkern mussten.

Trotz der Gefahren und Entbehrungen war eine Stationierung auf dem 6300 Meter hohen Conway-Sattel jungen Offizieren willkommen. Sie erhielten dort den dreifachen Sold und machten anschließend steile Karrieren im Apparat des Militärs - so etwa der spätere Fallschirmjägergeneral Rashid Qureshi, der es auch noch zum Sprecher von Pervez Musharraf brachte.

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Mit den Privilegien aber wird es aller Voraussicht nach vorbei sein, da der Siachen strategisch an Bedeutung verliert. Indien etwa hat sein Verhältnis mit China neu geordnet und eine Allianz mit dem Nachbarn im Norden begründet. Auch als Puffer gegen Peking wird der Gletscher nun nicht mehr gebraucht.

Pakistan wiederum rühmt bei jeder Gelegenheit seine "Allwetterfreundschaft" mit China, dem es 1962 in vorauseilendem Gehorsam Gebirgstäler nördlich des K 2 abtrat. Spannend ist nun, ob Islamabad der indischen Forderung folgt, seine geschickt getarnten Stellungen hoch über dem Siachen und auf dem Gletscher selbst offen zu legen. Verteidigungsminister Singh machte dies zu einer Vorbedingung für das Ausdünnen der Truppen Indiens. Das ewig misstrauische Militär in Rawalpindi aber befürchtet, dass indische Einheiten jene Stellungen besetzen könnten, die von den Pakistanern aufgegeben werden.



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