Politik

Friedensnobelpreis für Atomwaffengegner

Diesen Kampf wird die Menschheit wohl verlieren

Der Friedensnobelpreis geht an die Kämpfer für eine Welt ohne Atomwaffen - und damit an jene, die das Ende der Zivilisation verhindern wollen. Doch ihr Feldzug wirkt von Jahr zu Jahr aussichtsloser.

Ein Kommentar von

AP/ U.S. Army/ Hiroshima Peace Memorial Museum

Atompilz über der zerstörten Stadt Hiroshima, Japan, 6. August 1945

Freitag, 06.10.2017   17:35 Uhr

Der Friedensnobelpreis 2017 ist vielleicht auch der Versuch, einen Fehler zu korrigieren. Vor acht Jahren hat das Nobelkomitee die Auszeichnung an Barack Obama vergeben - und dies in erster Linie mit dessen Vision einer Welt ohne Atomwaffen begründet.

Was der US-Präsident - damals noch kein Jahr im Amt - anschließend tat, war jedoch deutlich weniger idealistisch als seine berühmte Prager Rede von 2009. Jetzt also hat das Nobelkomitee den Friedenspreis an echte Idealisten verliehen: Die Aktivisten des Ican-Netzwerks, die seit Jahren für eine totale Abschaffung der Atomwaffen kämpfen. Es ist ein wichtiger Kampf, neben dem Kampf gegen den Klimawandel der vielleicht wichtigste, den die Menschheit zu bestehen hat. Es sieht nicht danach aus, als würde sie ihn gewinnen.

Obama etwa schob zwar den New-Start-Abrüstungsvertrag mit den Russen und das Atom-Abkommen mit Iran an. Zugleich aber initiierte er ein gigantisches Programm zur Modernisierung der US-Atomwaffen, das in den nächsten 30 Jahren rund eine Billion Dollar verschlingen wird. Schon damit war klar: Eine Welt ohne Atomwaffen werden frühestens Obamas Urenkel erleben.

Und das alles geschah, bevor Russland für die USA vom Partner zum Gegner wurde und das Regime Nordkoreas entschied, nach Jahren des Bluffens nunmehr Ernst zu machen mit dem rapiden Aufbau eines nuklearen Langstrecken-Arsenals. Und es war, bevor die Gefahr bestand, dass ein ahnungs- und verantwortungsloser US-Präsident namens Donald Trump die Welt in einen Atomkrieg mit Nordkorea twittert. Wer das im Jahr 2009 vorhergesagt hätte, wäre vermutlich für nicht zurechnungsfähig erklärt worden.

Eine Änderung der Lage ist nicht in Sicht. Sollte der diesjährige Nobelpreis auch als Signal an Trump gemeint gewesen sein, so wird es vermutlich ungehört verhallen. Auf Diktatoren wie Nordkoreas Kim Jong Un hingegen muss es angesichts von Trumps Drohgebärden geradezu selbstmörderisch wirken, auf Atomwaffen zu verzichten - zumal Trump neuerdings auch noch versucht, das Iran-Abkommen zu torpedieren und sich damit als Verhandlungspartner unglaubwürdig macht. Die Aggressionspolitik Russlands auf der Krim und in der Ukraine erschwert es derweil auch dem Westen, neue Schritte zur Abrüstung zu unternehmen.

Zwar haben die Vereinten Nationen am 7. Juli mit den Stimmen von 122 Staaten ein Verbot von Atomwaffen beschlossen, was Ican auf seiner Website als größten Erfolg feiert. Allerdings besteht kaum Aussicht, dass der Vertrag in absehbarer Zeit mehr sein wird als ein Stück Papier. Keine der neun bekannten Atommächte - die USA, Russland, China, Indien, Großbritannien, Frankreich, Pakistan, Israel und Nordkorea - hat auch nur an den Verhandlungen teilgenommen. Auch Deutschland verweigerte sich, weil die nukleare Abschreckung zur Strategie der Nato gehört.

Die Gefahr der Verbreitung von Atommaterial oder gar kompletten Waffen wird indes immer größer, derzeit durch Nordkorea. Man hätte sich deshalb gewünscht, dass das Nobelkomitee den Kreis der Empfänger des diesjährigen Friedenspreises noch ein wenig weiter gefasst hätte.

Verdient hätten den Friedensnobelpreis neben Ican auch diejenigen, die seit noch Längerem versuchen, ein neues Hiroshima zu verhindern: die vielen Tausend Diplomaten, Wissenschaftler, Fahnder sowie aktive und ehemalige Politiker, die in Organisationen wie der Global-Zero- oder der Nuclear Threat Initiative, in Laboren und Behörden seit Jahrzehnten tagein, tagaus gegen die Verbreitung von Atomwaffen und Nuklearmaterial kämpfen. Einige von ihnen, etwa die Global-Zero-Mitglieder Richard Burt und Igor Iwanow, waren im Kalten Krieg noch Gegner.

Dennoch prophezeien Experten und Politiker - darunter 2007 ein gewisser Wolfgang Schäuble -, seit Jahren, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis eine Atombombe in einer Großstadt explodiert. Falls die Vision der atomwaffenfreien Welt nicht eines Tages Wirklichkeit wird, werden sie am Ende wohl Recht behalten.

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