Hamburg - Der westlichen Welt gilt Liu Xiaobo als mutiger Mann. Das Nobelpreiskomitee hat ihn für sein jahrelanges Engagement für die Menschenrechte in China mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Es ist der wohl wichtigste Preis der Welt, der mit dem höchsten Ansehen und der größten öffentlichen Aufmerksamkeit. Der Oppositionelle Liu ist der erste Chinese, dem diese Auszeichnung zuteil wird. Doch möglicherweise weiß er es noch gar nicht. Denn Liu sitzt hinter Gittern, streng abgeschirmt von der Außenwelt. Die Regierung in Peking hält ihn für einen "Kriminellen".
Dass das norwegische Nobelkomitee Liu den Friedensnobelpreis verliehen hat, ändert daran gar nichts. Im Gegenteil.
Schon vor der endgültigen Entscheidung der Juroren, dem Dissidenten den Preis zu verleihen, hatte Peking verkündet, eine Ehrung Lius werde die Beziehungen zwischen China und Norwegen verschlechtern. Prompt bestellten die Chinesen den norwegischen Botschafter ein, um formal Protest einzulegen. Der chinesische Botschafter in Norwegen machte sich auf den Weg zum Außenministerium in Oslo, mit demselben Ziel.
Zuvor hatten etliche Politiker und andere Persönlichkeiten sich für eine Freilassung Lius stark gemacht. US-Präsident Barack Obama (im vorigen Jahr mit dem Preis geehrt) war darunter, Bundeskanzlerin Angela Merkel, der französische Außenminister Bernard Kouchner und der Dalai Lama. Die Uno gratulierte Liu, EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso ebenfalls, Norwegens Regierungschef Jens Stoltenberg natürlich ebenfalls.
Vergeblich, China lenkt nicht ein. Das ist wenig überraschend, schließlich gilt Liu der Regierung in Peking als Staatsfeind Nummer 1.
Gemeinsam mit anderen Bürgerrechtlern arbeitete er an der Charta 08, einem Manifest chinesischer Regimekritiker für mehr Demokratie und freie Meinungsäußerung. "Ich habe ihm damals gesagt, dass die Polizei kommen würde", erinnert sich seine Frau Liu Xia. "Mit Sicherheit." Und sie sollte Recht behalten.
Liu, Ehrenpräsident des unabhängigen chinesischen Pen-Schriftstellerclubs, kämpft seit zwei Jahrzehnten für Demokratie und Menschenrechte. Geboren 1955 im nordöstlichen Changchun, arbeitete er in den achtziger Jahren zunächst als Literaturdozent an der Pädagogischen Hochschule Peking. Nach einem kurzen Aufenthalt in den USA kehrte er 1989 während der Studentenproteste zurück - und wurde zu einem der wichtigsten Köpfe der Bewegung.
Noch in der Nacht des Massakers vom 4. Juni 1989 verhandelte er mit Soldaten über den Abzug von hungerstreikenden Studenten vom Tiananmen-Platz. Nach der blutigen Niederschlagung der Demokratiebewegung musste er 20 Monate in Haft.
"Es muss ein Ende haben, dass Wörter Verbrechen sein können"
Im Gegensatz zu vielen Mitstreitern von damals hat sich Liu nie mit den Machthabern in Peking arrangiert. Unmittelbar nach seiner Freilassung wurde er wieder in der Dissidentenszene aktiv, veröffentlichte Artikel, forderte Reformen. 1996 landete er für drei weitere Jahre in einem Umerziehungslager.
Doch auch diese Maßnahme konnte seinen Willen nicht brechen. In der Charta 08 fand sein Kampf gegen die Regierung einen neuen Höhepunkt. Das Schreiben steht in der Tradition der Charta 77 vom Januar 1977 gegen Menschenrechtsverletzungen in der Tschechoslowakei. "Es muss ein Ende haben, dass Wörter Verbrechen sein können", schrieben Liu und seine Mitstreiter. Dass es in China noch lange nicht soweit ist, musste er dann am eigenen Leib erfahren.
Im Frühjahr wurde der Dissident in das Jinzhou Gefängnis hoch im Nordosten Chinas verlegt. Viermal hat Liu Xia ihren Mann seitdem besuchen können. "Wir dürfen nur über Familienangelegenheiten sprechen", berichtete sie anschließend. "Wir dürfen über nichts anderes reden, sonst wird das Treffen sofort abgebrochen." Mental sei sein Zustand gut, doch die Häftlingskost bekomme ihrem Mann nicht. "Sein Magen macht immer Probleme."
Zitate starten: Klicken Sie auf den Pfeil
Lius Frau reagierte hocherfreut auf die Auszeichnung: "Ich bin glücklich", sagte sie am Telefon, "aber ich kann nicht herauskommen." Ihre Wohnung liegt in einem Apartmentkomplex, der von der Polizei abgeriegelt ist. Die Beamten hätten ihr mitgeteilt, dass sie in die Provinz Liaoning reisen könne, um am Samstag ihrem dort inhaftierten Mann von der Ehrung zu berichten.
Die Verleihung des Preises findet am 10. Dezember statt. Noch ist unklar, wer die Auszeichnung in Oslo entgegennehmen wird.
Er selbst wird es wohl nicht sein.
hut/dpa/AFP
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Politik | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Ausland | RSS |
| alles zum Thema Liu Xiaobo | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH