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Friedensnobelpreis: Kissinger bekam ihn, Gandhi nicht

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Heute wurde der 87. Friedensnobelpreis an Muhammad Yunus vergeben. Das Ritual der Sieger-Auswahl erinnert an die Papstwahl: Fünf Norweger einigen sich hinter verschlossenen Türen. Oft wird der Richtige geehrt, zeigt die Geschichte - aber nicht immer.

Berlin - Jassir Arafat war Terrorist, Henry Kissinger in manchen Augen ein Kriegsverbrecher, und Theodore Roosevelt als US-Präsident auch nicht gerade ein Friedensapostel. Und doch haben sie alle den Friedensnobelpreis bekommen, der laut Alfred Nobels Testament jedes Jahr an die Person vergeben wird, "die sich besonders für die Verbrüderung der Nationen, die Abschaffung oder Verkleinerung von Armeen und die Förderung von Friedenskongressen eingesetzt hat". Mahatma Gandhi hingegen, die Friedens-Ikone des 20. Jahrhunderts, ist immer leer ausgegangen. Fünfmal war er nominiert, zweimal war er in der engeren Auswahl, doch am Ende überwog immer der Widerstand in der Jury gegen den Inder.

Die Entscheidungen der fünf Norweger, die das Nobelpreis-Komitee bilden, sind nicht immer einleuchtend. Daher führt die Bekanntgabe des Preisträgers regelmäßig zu heftigen Debatten.

Der erste Streit entbrannte schon bei der sechsten Verleihung 1906, als der Nobelpreis an Theodore Roosevelt ging. Der US-Präsident wurde für seinen Einsatz für einen Waffenstillstand im japanisch-russischen Krieg geehrt. Doch bis heute hält sich der Verdacht, dass die Juroren, allesamt Mitglieder des norwegischen Parlaments, dabei auch die nationalen Interessen des kleinen Norwegen im Auge hatten. Sich den US-Präsidenten gewogen zu machen, konnte zumindest nicht schaden.

Krieg um Kissinger

Roosevelt war der erste einer Reihe von Staatsmännern, die den Preis erhielten. Es liegt im Wesen der Politik, dass keiner von ihnen eine lupenreine Friedensbilanz hatte. Einige Entscheidungen waren jedoch besonders anstößig. Als die Wahl 1973 auf US-Außenminister Henry Kissinger fiel, brach ein internationaler Proteststurm los. Kissinger wurde für den Abzug der US-Truppen aus Vietnam ausgezeichnet. Derselbe Kissinger war aber nur wenige Jahre zuvor für das völkerrechtswidrige Flächenbombardement in Kambodscha verantwortlich. Müsste so einer nicht eigentlich disqualifiziert sein?

Der Friedensnobelpreis für Kissinger war die bisher umstrittenste Entscheidung der Jury. Doch haben die Kritiker das Ansehen des Preises nicht dauerhaft beschädigen können. Langfristig dienten die Kontroversen sogar der Profilierung und garantierten das Medieninteresse.

Dass heute die ganze Welt nach Oslo starrt und auf die Verkündung eines Namens durch fünf Norweger wartet, ist ein erstaunlicher Coup. Der unergründliche Prozess, die anachronistisch anmutende Auswahl der Juroren, die obskure Sitzung hinter verschlossenen Türen - die Rahmenbedingungen lassen sich nur noch mit der Papstwahl vergleichen.

Immer noch gibt es strittige Voten: meist, weil sie zu eindeutig politisch sind. So wurde die Wahl des ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter im Jahr 2002 vor allem als Seitenhieb gegen den amtierenden Präsidenten George W. Bush interpretiert, der sich gerade auf die Invasion des Irak vorbereitete.

Ossietzkys Ehrung erzürnte Hitler

Doch ist die Aufregung in den vergangenen Jahren zurückgegangen. Das mag an den Kandidaten liegen, die häufiger unbekannte Menschen- und Bürgerrechtler sind. Ein Beispiel dafür ist die kenianische Umweltaktivistin Wangari Muta Maathai, Preisträgerin von 2004. Eine weitere Erklärung ist, dass sich die Welt an die Schrullen des Komitees gewöhnt hat. Die Neigung, ein politisch korrektes Statement in aktuellen Krisen abzusetzen, wird oft belächelt. Eine Wirkung des Friedensnobelpreises ist schwer nachzuweisen. Das anhaltend hohe Prestige zeigt jedoch, dass die Juroren in der 105-jährigen Geschichte des Preises meist richtig gelegen haben.

Das beste Beispiel, auf das man in Oslo auch besonders stolz ist, heißt Carl von Ossietzky. 1935 war der deutsche Journalist, der gegen die Aufrüstung kämpfte und dafür vom Nazi-Regime ins KZ geworfen wurde, schon der Favorit - nicht zuletzt dank einer internationalen Unterstützerkampagne. Doch die Jury konnte sich aus Angst vor der deutschen Regierung nicht zur Wahl durchringen. Erst ein Jahr später wurde Ossietzky der Preis rückwirkend zuerkannt, als Symbol gegen den Faschismus.

Im Nachhinein eine fast selbstverständliche Wahl, doch damals verlangte sie einigen Mut, Neuland zu betreten. Es war das erste Mal, dass ein Bürger allein für die Opposition gegen seine Regierung ausgezeichnet wurde. Hitler tobte - und verbot den deutschen Nobelpreisträgern der nächsten Jahre die Annahme des Preises.

Es gab auch verpasste Gelegenheiten, allen voran bei Mahatma Gandhi. Der indische Freiheitskämpfer, der Gewaltverzicht predigte, war 1937 und 1948 auf der "Short List", also in der Endrunde. 1948 hätte er die Auszeichnung vielleicht sogar erhalten. Kurz zuvor wurde er jedoch ermordet, und die Jury wollte ihm den Preis nicht posthum zuerkennen. Einen Fehler würde das Nobelpreis-Komitee nicht offiziell zugeben. Indirekt wurde das Bedauern jedoch 1989 deutlich, als der Vorsitzende der Jury sagte, der Preis für den Dalai Lama sei "zum Teil auch ein Tribut an Mahatma Gandhi".

Mit Material von nobelprize.org

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