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Verleihung in Oslo: Tunesisches Quartett mit Friedensnobelpreis ausgezeichnet

Nobelpreisträger Abassi: Verurteilte "barbarische und boshafte Terrorakte" Zur Großansicht
Getty Images

Nobelpreisträger Abassi: Verurteilte "barbarische und boshafte Terrorakte"

Tunesische Vermittler hatten einen schwierigen "nationalen Dialog" zwischen Islamisten und ihren Gegnern organisiert - nun wurde ihnen der Friedensnobelpreis auch offiziell verliehen.

Für seine Verdienste um die Demokratie in Tunesien ist in Oslo einem Dialog-Quartett der Friedensnobelpreis verliehen worden. Das norwegische Nobelpreiskomitee lobte die Vermittler aus Organisationen, die sich in dem nordafrikanischen Land engagieren, mit Blick auf die Flüchtlingskrise als gutes Vorbild. Geehrt wurden der Gewerkschaftsbund UGTT, der Arbeitgeberverband Utica, die Menschenrechtsliga LTDH und die Anwaltskammer.

"Wir erleben eine turbulente Epoche - in Afrika, im Nahen Osten und in Europa fliehen Millionen Menschen vor Krieg, Unterdrückung, Leid und Terror", sagte die Präsidentin des Komitees, Kaci Kullmann Five, bei der Zeremonie. "Wenn jedes Land wie Tunesien gehandelt und die Grundlagen für Dialog, Toleranz, Demokratie und Recht geschaffen hätte, wären wesentlich weniger Menschen zur Flucht gezwungen."

Von Tunesien war vor knapp fünf Jahren der Arabische Frühling ausgegangen. Zuletzt wurde das Land von mehreren Anschlägen erschüttert. Bei einem Angriff auf das Bardo-Nationalmuseum in der Hauptstadt Tunis wurden am 18. März ein Polizist und 20 Touristen getötet. Am 26. Juni tötete ein Angreifer vor einem Strandhotel des Küstenorts Port El Kantaoui bei Sousse 38 ausländische Touristen.

Die Entscheidung, dem Quartett den Friedensnobelpreis zuzuerkennen, war im Oktober bekannt gegeben worden. Damals hieß es zur Begründung, die ausgezeichneten Organisationen hätten "mit großer moralischer Autorität entscheidend zum Aufbau einer pluralistischen Demokratie" in dem Land beigetragen. Das Quartett hatte nach dem Volksaufstand einen schwierigen "nationalen Dialog" zwischen Islamisten und ihren Gegnern organisiert.

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Rückblick: Die Träger des Friedensnobelpreises
UGTT-Generalsekretär Houcine Abassi kündigte an, dass die Medaille des Friedensnobelpreises im Bardo-Museum ausgestellt werden solle. "Der Preis wird nicht nur an das Quartett verliehen", sagte er der Nachrichtenagentur AFP. Die Auszeichnung gebühre den Opfern des Aufstands und der Anschläge, den Frauen und der Jugend Tunesiens, den politischen Parteien und dem gesamten Volk.

Bei der Zeremonie in Oslo forderte Abassi im Namen des Quartetts "einen Dialog zwischen den Zivilisationen und eine friedliche Koexistenz, die Vielfalt und Unterschiede respektiert". Zudem müsse "der Kampf gegen den Terror eine absolute Priorität" haben. Abassi verurteilte "barbarische und boshafte Terrorakte" in der ganzen Welt - in Frankreich, im Libanon, in Ägypten und in Mali.

Bundespräsident Joachim Gauck gratulierte dem tunesischen Staatschef Béji Caid Essebsi zur Verleihung des Friedensnobelpreises an das Quartett. Der Preis sei "eine Auszeichnung für das ganze tunesische Volk", erklärte Gauck in Berlin. Die Auszeichnung veranschauliche "die Stärke und den Mut der tunesischen Zivilgesellschaft, ohne die die Transformation und der erfolgreiche Verfassungsprozess nicht denkbar gewesen wären".

Am Nachmittag werden in Schwedens Hauptstadt Stockholm auch die Nobelpreise für Medizin, Physik, Chemie, Literatur und Wirtschaft verliehen werden.

vek/AFP

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1.
querulant_99 10.12.2015
Tja, und in ein paar Jahren wird sich alle Welt fragen: Wofür eigentlich? Es gibt zumindest ein prominentes Vorbild: Barack Obama! Ich verstehe eigentlich nicht, warum man Friedensnobelpreise immer so überstürzt verleiht, während die Preisträger in Naturwissenschaften oft erst Jahrzehnte nach ihrer bahnbrechenden Entdeckung ausgezeichnet werden, wenn sich die Preisträger schon kurz vor ihrem Ableben befinden.
2. Die Wurzeln des Übels bloßlegen ist auch ein Preis wert
bertholdalfredrosswag 11.12.2015
Wer sich für eine pluralistisch säkulare Völkerverständigung einsetzt verdient sich ein Lob. Vor allem wenn man den Dialog anstrebt mit allen jenen deren Willen es ist, eine religiöse Einheit der Welt mit Gewalt zu erreichen. Es muss auch aufgedeckt werden wo Kapitalgewinn-gierige Nationen dieses Bemühen untergraben. und mit Vorsatz religiös fanatisierte Elemente unterstützen um sich dadurch Einfluss zu sichern in dem man sie mit Waffen und Finanzhilfen für eigene wirtschaftliche und geopolitische Interessen ausrüstet und somit mißbraucht.
3. Diese Friedenstrophäe im Bardo-Museum wird von den Islamisten Tunesiens zweifellos in hohen Ehren gehalten
neanderspezi 11.12.2015
Niemand darf annehmen, dass mit dieser Friedensehrung für die Friedensbemühungen der tunesischen Vermittler im "Dialog" zwischen Islamisten und deren Gegner, das Nobelpreiskomitee eine Preisverleihung zur eigenen Erbauung und Belobigung für einen in der Ferne wahrnehmbaren Ausblick auf Friede, Freude, Verträglichkeit in Tunesien vorgenommen hat. Es war vermutlich mehr eine unter gewissem Erfüllungsdruck stehende Ehrung für etwas, was einem sogenannten frühlingshaften Wehen Richtung Demokratie im Nahen Osten und eben im Maghreb angedichtet werden soll. Denn irgend so etwas in der Art will man nach allen Förder- und Unterstützungsanstrengungen, von sogenannten Revolutionären verherrlicht mit dem vielfach demonstrierten V-Zeichen, und diesen von westlicher Seite geübten Aufrüstungs- und Bombardierungshilfen für den heiß erwünschten Regimewechsel sich indirekt auf dem Gabenteller für besondere Leistungen schließlich und endlich als westlicher Friedensverein doch noch zukommen lassen.
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Fotostrecke
Nobelpreis: Merkel und die Konkurrenz

Fläche: 163.610 km²

Bevölkerung: 10,983 Mio.

Hauptstadt: Tunis

Staatsoberhaupt:
Beji Caid Essebsi

Regierungschef: Habib Essid (seit Februar 2015)

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