Beim letzten Mal haben sie noch die Nacht durchgemacht. An Silvester, vor zwei Monaten, verhandelten sie bis 2 Uhr morgens. Dann hatten sie zumindest einen kleinen Kompromiss im Schuldenstreit gefunden. An diesem Donnerstag hingegen machten Republikaner und Demokraten im US-Senat schon am späten Nachmittag Schluss. Ohne Ergebnis.
Jetzt steht die Zwangsvollstreckung - das sogenannte Sequester - bevor: Automatische Einsparungen nach der Rasenmähermethode, insgesamt 1,2 Billionen Dollar bis zum Jahr 2021, davon 85 Milliarden Dollar noch in den kommenden sieben Monaten - das entspricht ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt der Slowakei. Schon warnt der IWF vor Negativeffekten für die wirtschaftliche Erholung.
Obamas Kniff
Die Demokraten im US-Senat hatten das Sequester ein paar Monate aufschieben wollen und als Alternative einen Mix aus Einsparungen und Steuermehreinnahmen durch gestopfte Steuerschlupflöcher und eine 30-Prozent-Mindeststeuer für Einkommenmillionäre ("Buffet Rule") präsentiert. Sie scheiterten an den Republikanern. Die wiederum wollten zwar die Sparbombe zünden, aber den Rasenmäher stoppen, heißt: Präsident Barack Obama das Recht geben, gezielt zu sparen. Das scheiterte an den Demokraten.
Und nun? Seit Mitternacht, 6 Uhr deutscher Zeit, ist die Deadline passiert. Jetzt ist das dem Präsidenten zuarbeitende Office of Management and Budget (OMB) dran, das normalerweise den Haushalt zusammenstellt. Am Freitag aber ist es quasi die oberste Sparbehörde: Das OMB wendet das Sequester an, listet auf und teilt mit, wo und wie zu sparen ist (Sehen Sie hier eine Übersicht). Doch ohne Obama geht es nicht: Letztlich muss der Präsident grünes Licht geben.
Genau das ist der Knackpunkt. Denn Barack Obama hat seine ganz eigene Deadline. Er darf bestimmen, wann an diesem Freitag das Sequester startet. Seine Zeitspanne: Von 0.00 Uhr bis 23.59 Uhr. Denn im entsprechenden Gesetz, dem Budget Control Act, heißt es für den Fall des Nichterreichens eines Kompromisses: "Der Präsident muss das Sequester am 1. März 2013 anordnen." Und der 1. März hat nun mal 24 Stunden.
Obamas Kniff: Kurzfristig hat der Präsident die Anführer der Demokraten und Republikaner für Freitag, 10.05 Uhr, ins Weiße Haus bestellt. Und so werden der demokratische Fraktionschef Harry Reid, sein republikanischer Konterpart Mitch McConnell sowie Nancy Pelosi, die Minderheitsführerin im Repräsentantenhaus, sowie Washingtons Chef-Republikaner John Boehner quasi zur Nachspielzeit bei Obama erscheinen.
Noch ein letztes Mal darf der Präsident Druck machen. Schließlich kann er jederzeit nach nebenan gehen und die Sparbombe zünden. "Er hofft, dass die Republikaner bereit sind fürs ernsthafte Gespräch über den Kompromiss, egal ob kurz- oder langfristig", sagte Obama-Sprecher Jay Carney am Donnerstag. Einige Republikaner indes fürchten, hinter die Fichte geführt zu werden: Warum bloß setze der Präsident ein Treffen für Freitag an, wenn die eigentliche Deadline in der Nacht zuvor überschritten werde, zweifelt ein republikanischer Gehilfe auf NBC. "Entweder jemand im Weißen Haus benötigt einen Kalender, oder das ist einfach eine nachträgliche Farce."
Tatsächlich ist es wohl weniger eine Farce als der Politik-Poker um die Schuldfrage. Kaum ein Insider erwartet noch eine Last-Minute-Einigung. Vielmehr geht es um die Frage: Wer ist im Falle des Falles schuld an den erwarteten 750.000 zusätzlichen Arbeitslosen? Wer kriegt den Ärger von all den Leuten ab, die in den nächsten Monaten auf Flughäfen Schlange stehen müssen?
Woodward gibt den Attackierten
Obama jedenfalls scheint entschlossen zu sein, das Sparchaos zu riskieren. "Je länger diese Maßnahmen gelten, desto größer ist der Schaden", sagt er. Und er meint: Desto größer ist der Druck auf die Republikaner, doch noch einzuknicken. Manche aber, wie der Abgeordnete Sam Graves, sind gar nicht so unglücklich übers Zwangssparen: "Der Himmel fällt nicht auf die Erde. Ich verstehe nicht, warum die Regierung so tut, als würde die Welt untergehen." Für den Präsidenten geht es bei den Verhandlungen am Freitag zudem um mehr als das Sequester. Denn schon am 27. März endet die nächste Frist: Dann geht der Regierung das Geld aus. Blockieren die Republikaner, droht der sogenannte "Government Shutdown", staatliche Bedienstete etwa müssten beurlaubt werden.
Noch sprechen die Umfragen für Obama. Allerdings entfaltet sich in Washington gerade ein heftiger Streit zwischen Reporterlegende Bob Woodward und dem Weißen Haus. Woodward hatte - zu Recht - festgestellt, dass die Ursprungsidee fürs Sequester-Modell aus dem Umfeld Obamas kam, nicht von den Republikanern. Obama-Sprecher Carney gestand dies zwar ein, dennoch bekam Woodward eine Mail von Obamas Wirtschaftsberater, in dem dieser den Reporter warnte:
"Ich denke, du wirst diese Behauptung bedauern." Die mittlerweile veröffentlichte Gesamtkonversation der beiden zeigt zwar weit mehr Höflichkeit als dieser eine, aus dem Zusammenhang gerissene Satz; Woodward inszeniert sich dennoch als Attackierter. Es ist nur ein Detail. Aber wo derzeit spitzfindig um Deadlines gerungen wird, da können Details durchaus von Bedeutung sein.
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