Kommunalwahlen in Frankreich Front national feiert sich als dritte Kraft

Eine Klatsche für Präsident François Hollande, Jubel bei Front-national-Chefin Marine Le Pen. Bei den Kommunalwahlen in Frankreich sind die Ultrarechten die Gewinner. Schon sehen sie sich als neue Kraft neben Sozialisten und Konservativen.


Im 15. Arrondissement von Paris, im Gymnasium "Camille See", einem Bauhaus-Komplex: Im Speisesaal drängen sich am Sonntag die Bürger vor den vier Urnen. "Die Beteiligung ist gut", freut sich Marie-Laure Huet, ehrenamtliche Beisitzerin für den 65. Wahlbezirk der französischen Hauptstadt. "Vielleicht", so die Sportlehrerin am Tisch mit den bunten Wahlzetteln, "interessieren sich doch mehr Leute für die Bürgermeisterwahl, als es die Umfragen vermuten ließen."

Der hoffnungsvolle Trend aus der Hauptstadt hielt nicht an und entsprach nicht der landesweiten Stimmung: Insgesamt übertrafen die Enthaltungen von knapp 40 Prozent sogar den historischen Tiefstand von 2008. Mit Konsequenzen vor allem für die regierende Sozialistische Partei (PS). In der hochgradig symbolischen "Schlacht von Paris" liegt die PS-Kandidatin zwar nach dem ersten Wahlgang vorn. Landesweit drohen der Regierungspartei aber Verluste, etwa in den Städten Pau oder Amiens.

Die konservative UMP hatte die Kommunalwahlen zum "Sanktionsvotum" gegen François Hollande erhoben, zum Scherbengericht von 44 Millionen Wahlbürgern über den Kurs des unpopulärsten Präsidenten der V. Republik. Der Urnengang von "außerordentlicher nationaler Dimension" bescherte ihnen Achtungserfolge in Bastionen der Linken. UMP-Chef Jean-François Copé ist seinem Ziel einen Schritt näher: Die Rückeroberung der Rathäuser in den meisten Städten von mehr als 9000 Einwohnern.

Der eigentliche Gewinner nach der ersten Runde ist jedoch der Front national (FN).

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Kommunalwahlen in Frankreich: Ultrarechte jubeln in mehren Städten
Dank der Mobilisierung seiner Anhänger eroberte der FN-Kandidat schon im ersten Wahlgang das Rathaus von Hénin-Beaumont; in weiteren Kommunen liegen die Ultrarechten vorne - darunter auch in städtischen Zentren wie Perpignan, Fréjus oder Avignon. Nach den Stichwahlen am kommenden Sonntag könnte der FN mehr als ein halbes Dutzend Bürgermeister stellen und in mehr als tausend Gemeinderäten vertreten sein - bislang waren es gerade vier Dutzend.

Damit sind die Rechtsextremen auf dem Weg, sich neben Sozialisten und Konservativen als dritte politische Kraft Frankreichs zu etablieren. "Das ist das Ende einer politischen Landschaft, die in zwei Lager polarisiert ist", freut sich Parteichefin Marine Le Pen. Ein "historischer Erfolg", urteilt Pascal Perrineau, Chef des Zentrums für Politische Studien an der Elitehochschule Sciences Po. Er spricht von einem "tief greifenden Wechsel" für die Struktur der V. Republik.

"Verfaulte Politikerkaste"

Der FN hat vor allem von der Enttäuschung über die katastrophale Bilanz des Präsidenten, von der Wirtschaftsmisere und Europafeindlichkeit profitiert. Beim Vormarsch hilft auch das Schwächeln der konservativen Opposition: Belastet durch Affären, Führungsquerelen und ideologische Grabenkämpfe, bietet die UMP einen wenig überzeugenden Gegenentwurf zu den Sozialisten.

Mehr noch. Skandale und Fehltritte in den Reihen der etablierten Parteien haben die Franzosen misstrauisch gemacht. Im Volksmund gipfelt die Ablehnung in Formel: "Die gesamte Politikerkaste ist verfault."

Gegenüber der gefühlten Ausweglosigkeit empfiehlt sich der Front national als "dritte Kraft" und "wahre Alternative". Nach dem Erfolg bei der Präsidentschaftswahl 2012, bei der Marine Le Pen im ersten Durchgang knapp 18 Prozent erhielt, und beflügelt von drei Mandaten in der Nationalversammlung, traten die Ultrarechten jetzt in 597 Bezirken an - ein Rekord.

Der FN ist nicht länger ein regionales Phänomen, konzentriert auf seine Hochburgen am Ärmelkanal und in der Provence, sondern eine Organisation mit landesweiter Basis. Es ist ein Erfolg für Marine Le Pen, die 2011 von ihrem Vater Jean-Marie die Führung übernahm und das propagandistische FN-Inventar entschärfte. Mit jungen Kadern und ideologisch weichgespült wird der FN nun interessant für neue Wählergruppen.

Die klaren Erfolge des Front national werden auch in dem vorläufigen Ergebnis vom frühen Montagmorgen deutlich: Demnach kam der FN landesweit auf 4,7 Prozent. Die Rechte erreichte laut Innenministerium 46,5 Prozent. Die Linke kam nur auf 37,7 Prozent. Die Wahlbeteiligung lag bei 64,1 Prozent - vor sechs Jahren waren es noch 66,5 Prozent.

Die Führung des FN feierte das Wahlergebnis der ersten Runde als Bestätigung. "Die Franzosen haben ihre Freiheit zurückgewonnen", jubiliert Marine Le Pen, "unsere Partei wird zur großen autonomen Kraft." Und an ihre Anhänger gewandt forderte sie: "Die Mobilisierung geht weiter - für die zweite Runde am kommenden Sonntag."



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Othello 23.03.2014
1. Glückwunsch.
Zitat von sysopAP/dpaEine Klatsche für Präsident François Hollande, Jubel bei Front-national-Chefin Marine Le Pen. Bei den Kommunalwahlen in Frankreich sind die Ultrarechten die Gewinner. Schon sehen sie sich als neue Kraft neben Sozialisten und Konservativen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/front-national-erfolg-fuer-le-pen-bei-kommunalwahl-in-frankreich-a-960293.html
Wenn Marine Le Pen Präsidentin der Franzosen wird, kann Merkel einpacken mit ihrem 'alternativlos' , denn eins ist sicher, wenn Le Pen das schafft ist der Euro Geschichte. Komisch, jede Partei, die nicht die EU hofiert, ist automatisch laut unseren Medien rechts angesiedelt. Vielleicht gibt es aber auch Parteien, die sich wirklich noch ihren Wählern verpflichtet fühlen. Ich würde sagen, die Franzosen haben das kleinste Übel gewählt.
Demokrator2007 23.03.2014
2. Tendenz zum Nationalismus
Sie so aus, als wäre der große Wahlverlierer zur Zeit Europa. Ich kann das verstehen, den dieses Europa war das der Wirtschaftsinteressen nicht der Menschen. Ciao DerDemokrator
tororosoba 23.03.2014
3.
Zitat von sysopAP/dpaEine Klatsche für Präsident François Hollande, Jubel bei Front-national-Chefin Marine Le Pen. Bei den Kommunalwahlen in Frankreich sind die Ultrarechten die Gewinner. Schon sehen sie sich als neue Kraft neben Sozialisten und Konservativen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/front-national-erfolg-fuer-le-pen-bei-kommunalwahl-in-frankreich-a-960293.html
Wann wurde Chirac Präsident - vor fünfzehn Jahren ungefähr? Damals war Le Pen père an der zweiten Stelle. Der FN ist schon lange "neue Kraft" und zielt nun auf den ersten Platz.
sbv-wml 23.03.2014
4. Das wird auch bei uns so kommen!!!
Zitat von sysopAP/dpaEine Klatsche für Präsident François Hollande, Jubel bei Front-national-Chefin Marine Le Pen. Bei den Kommunalwahlen in Frankreich sind die Ultrarechten die Gewinner. Schon sehen sie sich als neue Kraft neben Sozialisten und Konservativen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/front-national-erfolg-fuer-le-pen-bei-kommunalwahl-in-frankreich-a-960293.html
Wir habe nur noch das Glück, dass die Rechten in Deutschland -im Gegensatz zu Marine Le Pen und ihrer FN- weiterhin ihre dumpfen Parolen verbreiten. Wenn die auch den Wandel hinkriegen, dann wird bei unseren etablierten Parteien CDU CSU SPD GRÜNE Freude aufkommen.
kahabe 23.03.2014
5. Nachsatz: Hénin-Beaumont
Zitat von sysopAP/dpaEine Klatsche für Präsident François Hollande, Jubel bei Front-national-Chefin Marine Le Pen. Bei den Kommunalwahlen in Frankreich sind die Ultrarechten die Gewinner. Schon sehen sie sich als neue Kraft neben Sozialisten und Konservativen. http://www.spiegel.de/politik/ausland/front-national-erfolg-fuer-le-pen-bei-kommunalwahl-in-frankreich-a-960293.html
Es muss ein ziemliches Kaff sein, meinem Diercke nicht bekannt. Auch wenn ich es irgendwo bei Amiens vermute. Womit ich diese faschistische Gefahr keineswegs unterschätzen möchte. Wir Deutsche haben da so unsere bösen Erinnerungen. Herr Lucke durfte ja gerade erfahren, dass das nicht in Vergessenheit gerät. Henkel sei da altersbedingt exculpiert. So einer redet schon mal ganz viel dummes Zeug. Wieso lässt die AfD sich das eigentlich gefallen.
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