Marine Le Pen über den Front National "Man sollte uns nicht totsagen"

Auf dem Parteitag des rechtsextremen Front National in Lille kämpft Marine Le Pen um die Zukunft ihrer Bewegung - neuer Parteiname inklusive. Unterstützung erhält sie von Steve Bannon.

Marine Le Pen
REUTERS

Marine Le Pen

Von , Paris


Sie will nicht aufgeben. "Man sollte uns nicht totsagen", sagte Marine Le Pen, Chefin des rechtsextremen Front National (FN) im Vorfeld des Kongresses ihrer Partei an diesem Wochenende. "Wir sind eine starke politische Kraft, mit der man in den kommenden Jahren rechnen muss."

Bis vor einem Jahr hätte niemand in Frankreich und weltweit an dieser Aussage gezweifelt. Seitdem aber sind Le Pen und ihre Partei tief gefallen. Umso mehr will der Parteitag wieder an das alte Selbstvertrauen der französischen Rechtsextremen anknüpfen - dass es mit Le Pen und dem Front National immer weiter nach oben geht.

Der Parteitag wird dem Front National einen neuen Namen geben. Er wird eine neue, oberste Partei-Instanz schaffen. Er wird den Mitgliedern der Partei mehr Rechte einräumen. Und natürlich wird er Marine Le Pen wieder zur Parteichefin wählen. Nur was dann?

Steve Bannon, der entlassene, ehemalige Chefberater von US-Präsident Donald Trump wird im nordfranzösischen Lille auf dem Kongress sprechen. Er wird wahrscheinlich "France first" rufen. Aber ist nicht auch sein Stern am Verblassen? Wie der von Marine Le Pen?

Ihr rasanter Aufstieg liegt nicht lange zurück. Sie hatte ihre Partei bei den Europawahlen 2014 erstmals zur stärksten politischen Kraft in Frankreich gemacht. Auch bei den Regionalwahlen 2016 lag ihre Partei im ersten Wahlgang noch vorn. Doch mit den Präsidentschaftswahlen vergangenes Jahr begann der Einbruch. Schon im ersten Wahlgang lag sie überraschend hinter dem Senkrechtstarter Emmanuel Macron. Dann folgte eine demütigende TV-Debatte mit Macron und der zweite Wahlgang: 66,1 Prozent stimmten am 7. Mai für Macron, nur 33,9 Prozent für Le Pen.

Abschied vom Rechts-links-Schema

Umfragen hatten sie zuvor noch bis zu 40 Prozent der Stimmen gesehen. Die Enttäuschung darüber spüren bis heute alle Mitglieder der Partei. 409 Kandidaten haben sich auf dem Kongress für die hundert Sitze im neuen Nationalrat der Partei beworben und zum Teil ausführliche Bewerbungen verfasst. In ihnen tritt auch Selbstkritik zutage. Einige Kandidaten fordern "eine Rückkehr zu den Grundlagen" oder verlangen ein demokratisches Funktionieren. Andere berichten von den Schwierigkeiten, mit der "Enttäuschung der Wählerschaft" umzugehen. Persönliche Kritik an ihrer Parteichefin sparen sie sich. Aber man merkt den Kandidaturen an: Der Partei geht es nicht gut. Es fehlt die alte Begeisterung der Mitglieder vor Ort.

Die FN-Krise spiegelt sich auch in Umfragen wider. Le Pens persönliches Ansehen hat einer von der Pariser Tageszeitung "Le Monde" ausgewerteten, repräsentativen Umfrage* zufolge deutlich gelitten. 67 Prozent der befragten Franzosen hielten sie demnach vor einem Jahr noch für entscheidungsfähig, heute sind es nur 49 Prozent. 50 Prozent trauten ihr den Angaben zufolge vor einem Jahr noch zu, über ihre Partei hinaus Menschen anzuziehen, heute sind es nur noch 30 Prozent.

"Das Ansehen Marine Le Pens befindet sich im freien Fall", schrieb "Le Monde". Entsprechend verlor laut der Umfrage auch die Partei an Rückhalt. 33 Prozent unterstützten ihre rechtsextremen Ideen vor einem Jahr, heute sind es nur noch 24 Prozent der Franzosen.

Konkurrenz von Republikanern - und der radikalen Linken

Das soll Le Pens Parteitagsrede am Sonntag wieder wettmachen. Sie wird sich dabei auf Macron konzentrieren. Sie wird den Präsidenten als Neoliberalen brandmarken, der Frankreichs ureigene Kultur und Werte der Globalisierung opfere und zu viele Flüchtlinge ins Land lasse.

"Ich bin als Erste vom Links-rechts-Schema abgerückt und habe den neuen Gegensatz zwischen Globalisierern und Nationalen angestoßen", sagt sie über sich. Immerhin kann sie dabei auf Umfragen bauen, die besagen, dass ihre inhaltlichen Positionen anhaltend beliebt sind. Immer noch denken 66 Prozent der Franzosen, dass man Frankreichs traditionelle Werte vernachlässige, denken 50 Prozent, dass es zu viele Einwanderer im Land gibt. Daran hat sich im Vergleich zu vorherigen Jahren kaum etwas geändert.

Allerdings steht Le Pen neuer politischer Konkurrenz gegenüber. Mit dem Niedergang der Sozialisten hat die radikale Linke unter ihrem Parteiführer Jean-Luc Mélonchon an Gewicht gewonnen. Mélonchon argumentiert oft nationalistisch und europakritisch - und macht damit dem FN mehr Konkurrenz. Zugleich sind die bürgerlichen Republikaner unter ihrem neuen Chef Laurent Wauquiez so weit nach rechts gerückt, dass viele Beobachter kaum noch Differenzen zum FN feststellen. Auch keine gute Nachricht für Le Pen.

Und doch hat die Parteiführerin recht: Ihre Gegner können sie nicht totsagen. Le Pen hat ihre Fehler im Wahlkampf eingeräumt, sie will nicht mehr aus der Eurozone austreten und tritt weniger aggressiv als früher auf. Sie hat also dazugelernt. Und kann sich weiterhin auf eine trotz aller Rückschläge treue Parteibasis verlassen, die ihr auch an diesem Wochenende zujubeln wird. Wie stark sie wirklich ist, werden erst wieder die Europawahlen im Frühling 2019 zeigen. Bis dahin kann auch ihr bislang so erfolgreicher Gegner Macron noch Fehler machen.

* Umfrage unter 1000 Personen, persönliche Befragung bei den Personen zu Hause, durchgeführt vom Institut Kantar Sofres-onepoint vom 22. bis 26. Februar. Mehr Informationen (französisch)



insgesamt 32 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Knackeule 10.03.2018
1. Vielleicht richtig
Madame Le Pen könnte durchaus richtig liegen mit ihrer Einschätzung "man sollte uns nicht tot sagen". Wenn nämlich die EU-Nordländer und neuerdings anscheinend auch Frau Merkel sich weigern, die Visionen und grossen Träume des Hern Macron zu fianzieren, wird bei diesem sehr schnell der Hochglanz-Lack ab sein und er als Kaiser ohne Kleider da stehen. Dann könnte den französischen Wählern klar werden, dass sie einem begnadeten Redner und Illusionisten aufgesessen sind, der die französische Finanz-und Wirtschaftsmisere nicht wirklich verbessern kann. Und dann könnte das Wahl-Pendel in die andere Richtung schwingen.
stein.wilma 10.03.2018
2. Die Migrationsprobleme
sind signifikant zurückgegangen. Im gleichen Ausmaß, wie sie hier zugenommen haben. Man geht eben dahin, wo es am meisten gibt und wo man am wenigsten zu befürchten hat. Die innereuropäische Migration wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gründen nach Deutschland wird vollkommen unterschätzt und verschwiegen.
die-metapha 10.03.2018
3. Frau le Pen hat Recht
Seit es Menschen gibt, gibt es auch Dummheit. Das gehört nun mal zur Menschheit und konnte auch über unzähliger Dekaden einer Evolution nicht beseitigt werden. Allerdings gibt es auch eine deutliche Mehrheit derer, welche über weitaus mehr Intelligenz verfügt als die Rechtsextremen dieser Welt. Die Rechtsextremen sind sozusagen der Dreck unter den Fingernägel. Von daher muss man das was Frau le Pen da sagt nicht als Drohung verstehen sondern wohl mehr als eine Art Daseinsberechtigung.
seine-et-marnais 10.03.2018
4. Zwei Anmerkungen
Die Mär von der mislungenen Debatte wird auch durch ständiges Wiederholen nicht besser. Der Punkt als Marine Le Pen ihre Chancen verspielte war dass sie raus aus der EU und dem Euro wollte, und das sofort. Der Knackpunkt war dass 'jeder Franzose dann mit zwei Währungen in der Tasche' hantieren sollte, einem Euro für die Verrechnung international und einem 'Franc'? für den nationalen Markt. Ein völlig hirnrissiges Konzept, undurchführbar in der Praxis, das ihr beim besten Willen keine Mehrheit der Wähler abgenommen hat. Der zweite Punkt, Mélenchon ist keine Konkurrenz für Le Pen, wenn er auch ein gleiches Wirtschaftsprogramm hat. Mélenchon hängt selbst mit seiner Bewegung dem 'aufsässigen Frankreich' in den Seilen, halb ko, PCF und PS sind es bereits. Die Konkurrenz für Marine Le Pen ist ihre Nichte Marion Maréchal Le Pen. Denn die hat ein wertkonservatives und weitgehend liberales Modell vor Augen, das vor allem die Wählerschaft des FN südlich der Loire anzieht, und das sehr kompatibel ist mit dem Programm der Republikaner unter Wauquiez. Und das 'sozialistische' Programm des FN bezüglich der Wirtschaft bleibt bei Phillipot, dem Ex-Chevenementisten, und seiner Bewegung der 'Patrioten'. Fazit: nach Umfragen ist der FN noch lange nicht am Ende, angeschlagen ist Marine Le Pen, aber man rechnet eh für spätestens 2027 mit ihrer Nichte Maréchal Le Pen, wenn es dicke kommt schon 2022. Und falls Macron mit seiner Politik baden geht, Macrons Schonzeit läuft offensichtlich ab, dann steht in Frankreich wohl eine 'österreichische' Koalition an, denn PS, PCF und FI sind zu zerstritten und sektiererisch um eine Alternative/Opposition zu Macron zu bieten. Für einen runderneuerten FN, der nicht wie bisher nur lautstarke Opposition (ähnlich Mélenchon) will, sondern Regierungsbeteiligung anstrebt, unter neuer Leitung steht ein Boulevard offen.
joG 10.03.2018
5. Nunja, könnye man sagen....
....wenn man ernsthaft drauf schaut. Der neue Star nimmt dem anderen nichts an Populismus und vice versa. Lediglich die Ideologie ist unterschiedlich. Auch erschließt sich dem unvoreingenommenen Beobachter nicht ohne weiteres, wieso der Eine weniger "rechts radikal" sein soll als die Frau.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.