Front National suspendiert Le Pen Abtritt eines Clowns

Jean-Marie Le Pen, Gründer und Ehrenvorsitzender des rechtsnationalen Front National, wird entsorgt: Der Parteivorstand suspendiert seine Parteimitgliedschaft - für Frankreich das Ende einer Ära.

Von , Paris

Jean-Marie Le Pen mit Tochter Marine: Der Alte darf nicht mehr für die Partei sprechen
AFP

Jean-Marie Le Pen mit Tochter Marine: Der Alte darf nicht mehr für die Partei sprechen


Am Nachmittag hatte er noch gewitzelt: "Wenn ich Zeit habe, werde ich erst mal einen Bissen essen, mal sehen, was passiert", so Jean-Marie Le Pen. Und beschloss dann, sich nicht dem Parteivorstand zu stellen, der über disziplinäre Maßnahmen gegen den Mitgründer des Front National (FN) beriet. "Ein Gericht im Widerspruch zu meiner Würde als Ehrenpräsident", grummelte der Alte. "Ich bin gewählter Parlamentarier, und die müssen reden."

Es war das Aufbegehren eines Mannes, der sich mit provokativen Parolen immer wieder ins Gespräch gebracht hatte - ohne dabei zu merken, dass er sich mit seinem reflexartigen Antisemitismus immer mehr von der Parteibasis isolierte. Und dabei mit zunehmender Bitterkeit gegen die Tochter und Nachfolgerin an der Parteispitze zu Felde zog.

Nach wochenlangem Streit über seine jüngsten Ausfälle übernahm der Parteivorstand den Vorschlag, mit dem FN-Chefin Marine Le Pen am Vortag den Bruch zum Vater angekündigt hatte. Das Verdikt: Le Pen, 86, über vierzig Jahre das notorisch giftende Aushängeschild der Rechtsradikalen, wird vom Front National "vorläufig suspendiert" und verliert damit seine FN-Mitgliedschaft. Ein außerordentlicher Kongress soll dem FN-Mitbegründer zudem seine Ehrenpräsidentschaft entziehen.

Damit darf sich der "Menhir" künftig nicht mehr im Namen der Partei ausdrücken - der polemische Patriarch wird politisch entsorgt. Es ist das Ende einer Karriere genauso wie der Schluss-Strich eines familiären Psychodramas.

Denn selbst der letzte, ungebetene Auftritt Jean-Marie Le Pens bei der FN-Versammlung am 1. Mai - im roten Mantel eines Toreros, die Arme zur Siegesgeste gereckt - blieb nur noch schräge Pose. "Der Abgang eines traurigen Clowns", kommentierte Medienfachmann Jacques Séguéla das politische Ende des ehemaligen FN-Bosses, "fast ein tragisches Ergebnis."

Für den Front National bedeutet die Zwangspensionierung Jean-Maries den Abschluss einer Ära. Betagte FN-Veteranen mögen darin einen finalen politischen Vatermord sehen - für die junge Garde agiler, aufstrebender FN-Kader ist es eine überfällige personelle Säuberung. "Wir sind nicht nur Vater und Tochter", argumentiert die 47-jährige FN-Chefin, "sondern in erster Linie politische Führer mit großer Verantwortung."

Marine hat sich damit als Führerin durchgesetzt. So wird Jean-Marie Le Pen, gewählter Vertreter der Region Provence-Alpes-Côte d'Azur, Europaabgeordneter und Ehrenpräsident des FN, nicht als Kandidat für die Regionalwahlen antreten; in dem rechtsextremen Familienbetrieb wird statt des Großvaters die Enkelin Marion Maréchal-Le Pen kandidieren.

Lange hatte Marine Le Pen die verbalen Exzesse ihres Vaters als "persönliche Ansichten" verharmlost oder als "Ausdruck der Meinungsfreiheit" bagatellisiert. Rassistische Attacken gegen Zuwanderer, antisemitische Ausfälle, die Verharmlosung des Holocausts als "Detail der Geschichte" - trotz wiederholter Verurteilungen legte der störrische Senior immer wieder nach. Zuletzt in einem Interview mit dem stramm-rechten Sprachrohr "Rivarol".

Dort giftete Le Pen über den amtierenden Premier Manuel Valls ("ein Immigrant") und forderte das Eintreten für "ein Nordeuropa als Welt der Weißen". Doch vor allem mit seiner Haltung gegenüber dem Chef des Vichy-Regimes outete sich Le Pen als Apologet der Nazi-Kollaboration. "Ich habe Marschall Pétain nie als Verräter betrachtet", sagte Le Pen über den Handlanger der Deutschen - und schockierte damit die Mehrheit der FN-Anhänger. "Das sagt heute kein ernstzunehmender Historiker mehr", kommentierte Gefolgsmann Bruno Gollnisch die abwegige Einschätzung seines langjährigen Freundes.

"Jean-Marie Le Pen bewegt sich offenbar zwischen der Strategie der verbrannten Erde und politischem Selbstmord", wies FN-Chefin Marine den Vater zurecht. "Es fehlt ihm an der nötigen Weisheit", rüffelte sie in einem TV-Interview über die Entgleisungen, die ihren Wechsel zu einem FN mit weichgespülter Ideologie torpedierte. Seither kommunizierten die zerstrittenen Promis der Familie Le Pen nur noch über Kommuniqués oder Medien-Interviews.

Der "Menhir" wird sich gewiss noch mit bissig-wütenden Aggressionen melden, aber seine Einwürfe sind reduziert auf individuelle Wortmeldungen oder Attacken persönlicher Art. Gerard Collard, FN-Abgeordneter der Nationalversammlung und Gefolgsmann Marines, bringt es auf den Punkt: "Es sind künftig nur noch Klänge der Einsamkeit."

Mehr zum Thema


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 25 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
slade 04.05.2015
1. Abtritt
eines Clowns halte ich für gefährlich als Titel. Da sollte der Spiegel schon Seriosität zeigen. Demagogen sind niemals Clowns sondern A***löcher
mightyschneider 04.05.2015
2.
Es lag auf der Hand, dass so etwas früher oder später passiert. Mit dem ist kein Sieg einzufahren. Den FN wird die Entscheidung hoffentlich noch weiter bringen.
butz0691 04.05.2015
3.
Wuerdet ihr die wunderschoene Kohlkoepfe sehen die ich mit eigenen haenden gezuechtet habe, wahrlich ihr wuerdet ein imperium dacuer geben. Das sagte der roemische Kaiser Diokletian als man versuchte ihn wieder aus seinem ruhestand nach Rom zu bewegen. Jean marie rube dich ein bisschen in deinem Garten aus......
Art. 5 04.05.2015
4.
Warum wird der Alte nur "vorübergehend" suspendiert? Glauben die Parteistrategen etwa, dass er sich noch mal ändert oder wollten sie die Parteianhänger, die ihn weiterhin bewundern, nicht zu sehr enttäuschen?
breguet 04.05.2015
5. Persönliche Abneigung ist schlechter Ratgeber
Der Titel ist einfach unpassend egal was man von ihm hält, und eines seriösen Journalisten nicht würdig.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.