Mariupol in der Ostukraine Draußen lauern die Eroberer, drinnen die Scharfmacher

Mariupol will nicht russisch werden: Die ostukrainische Industriestadt wird von Separatisten bedrängt, die Bewohner geben sich nun betont patriotisch. Nachts patrouillieren rechte Bataillone.

Aus Mariupol berichtet

AFP

Wenn es Abend wird in Mariupol, dann kommen ukrainische Patrioten zusammen. Solche, die es immer waren, und jene, die es erst vor Kurzem wurden. Bürgermeister Jurij Chotlubej betritt nach einem Konzert zur Unterstützung der ukrainischen Armee die Bühne des städtischen Theaters.

Vor ein paar Monaten hat er noch separatistische Bestrebungen unterstützt, jetzt aber ruft er "Slawa Ukraine" (Ruhm der Ukraine). Es ist der patriotische Slogan aus der Westukraine und der Schlachtruf der Maidan-Revolution. "Gerojam Slawa" (Ruhm den Helden) antwortet die Menge, besonders laut in den drei vordersten Reihen. Dort sitzen an die hundert Soldaten in Camouflage.

Die Industriestadt Mariupol an der Küste des Asowschen Meeres wirkt in diesen Tagen wie die patriotischste Stadt der Ukraine: Große Werbetafeln sind mit proukrainischen Slogans plakatiert, an den Laternenmasten hängen blau-gelbe Flaggen, jeden zweiten Tag organisieren die Behörden Demonstrationen.

Auch Präsident Petro Poroschenko war da, ein Frontbesuch, um den ukrainischen Widerstandsgeist zu stärken. Denn vor den Toren der Stadt stehen seit Anfang September die prorussischen Separatisten.

Bürgermeister Chotlubej ist seit 1998 im Amt. Er ist bis heute Mitglied der ehemals Janukowitsch-treuen "Partei der Regionen". Das weckt Zweifel an seiner patriotischen Gesinnung. Im Januar nämlich hatte er noch öffentlich gegen die Demonstranten auf dem Maidan in Kiew gewettert und sogar städtische Angestellte aus Mariupol zu einer Gegenkundgebung in die Hauptstadt geschickt. Im Mai, als prorussische Aktivisten in Mariupol für kurze Zeit die Macht übernahmen, sprach er sich für den Dialog mit ihnen aus - und für das von ihnen geplante Referendum.

"Ohne Russland geht hier gar nichts"

Mariupol, mit einer halben Million Einwohner eine der wichtigsten Industriestädte der Ukraine, liegt keine 50 Kilometer von der russischen Grenze entfernt. Die Stahlwerke, deren Schornsteine vor der Stadt die Luft vernebeln, exportieren vor allem nach Russland. Da ist der Maschinenbaugigant Asowmasch mit seinen 18.000 Arbeitern.

Der Ehemann der 57-jährigen Buchhalterin Jelena arbeitet dort: Vor dem Krieg habe die Fabrik 500 Tankwaggons im Monat hergestellt, die meisten davon gingen nach Russland. "Jetzt bauen sie pro Monat sieben oder acht", sagt sie. Eines steht für Jelena deshalb fest, ganz egal ob Mariupol bald zur "Donezker Volksrepublik" gehört oder ukrainisch bleibt: "Ohne Russland geht hier gar nichts."

Es gibt wenig Sympathie für die moskautreuen Rebellen, die sich mit Russlands Unterstützung in wenigen Tagen bis an die Stadtgrenzen herankämpften. Damals war das Wummern der Granatwerfer schon im Zentrum zu hören. Niemand wünscht sich eine Wiederholung des Szenarios der Großstädte Luhansk oder Donezk, um die seit Monaten gekämpft wird.

Aber die Sympathien für die Kiewer Zentralregierung sind auch nicht größer geworden.

Schuld daran sind die "Beschützer der Stadt", vor allem das rechtsradikale Freiwilligenbataillon "Asow". Sie zeigen sich von ihrer hässlichsten Seite. In einer Augustnacht wurde das zentrale Lenin-Denkmal der Stadt vom Sockel gerissen. Auch wenn das Bataillon es abstreitet, in Mariupol zweifelt niemand daran, dass "Asow"-Kämpfer dahinterstecken. Mit weißer Farbe sprühten sie ihr Zeichen auf den Denkmalsockel: eine hakenkreuzähnliche Wolfsangel, die erstmals in den Dreißigerjahren von Nationalsozialisten verwendet wurde.

Die "Asow"-Truppe geht selbst ukrainischen Patrioten zu weit

Das Auftreten des Bataillons "Asow" hat die Menschen in Mariupol schon früher gegen Kiew aufgebracht: Als die Stadt am 9. Mai des Sieges im Zweiten Weltkrieg gedachte, zeigten sich auch die Kämpfer im Zentrum. Es kam zur Auseinandersetzung, am Ende des Tages waren mehrere Polizisten und proukrainische Kämpfer tot. Beim Abzug verletzten die "Asow"-Einheiten mehrere Zivilisten. Die Gründe für die Eskalation sind bis heute unklar, aber das Ereignis schadete dem ohnehin schlechten Image Kiews.

Das Auftreten von "Asow" geht selbst ukrainischen Patrioten in Mariupol zu weit. Zwei typische Vertreter dieser neuen Generation sind die Jurastudenten Andrej und Sascha. Die beiden sind 21 Jahre alt, sprechen außer ihrer Muttersprache Russisch fließend Ukrainisch und glauben an die europäische Zukunft der Ukraine. "Aber warum man mit dem Sturz von Denkmälern anfangen muss, das verstehen wir nicht", sagt Andrej.

Überblick über den Konflikt in der Ostukraine
DER SPIEGEL

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